MDK bestätigt mehr als 4.000 Behandlungsfehler in 2015 – Meldepflicht gegen intransparente Datenlage gefordert

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

18. Mai 2016

Zum inzwischen 5. Mal hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) eine Jahresstatistik der von ihm begutachteten Behandlungsfehlervorwürfe vorgelegt [1]. Insgesamt 14.828 Mal wurde der MDK 2015 in diesem Sinne tätig – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 165 Begutachtungen (2014: 14.663). Da diese Begutachtungen jedoch kein vollständiges Bild der Behandlungsfehler in Deutschland ergeben, fordert der MDK eine Meldepflicht sowie ein Melderegister für Behandlungsfehler.

Die überwiegende Zahl der Behandlungsfehlervorwürfe – rund 72,7% – wurde von den Gutachten des MDK nicht bestätigt. Nur in 27,3% der Fälle – also bei jedem 4. Vorwurf, insgesamt 4.046 Mal – wiesen die Gutachter einen Behandlungsfehler nach, durch den die Patienten geschädigt worden waren.

PD Dr. Max Skorning

Kritik: Unzureichende und intransparente Datenlage

Die Datenlage zu Behandlungsfehlern sei unvollständig und nicht repräsentativ, betont der Leiter der Patientensicherheit beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS), PD Dr. Max Skorning, gegenüber Medscape. Über entsprechende Daten verfügen auch Haftpflichtversicherungsunternehmen, Kliniken, Gerichte, Juristen und die Schlichtungsstellen der Landesärztekammern. Eine Zusammenführung der Daten finde bislang aber nicht statt, kritisiert er.

Während der MDK und die Ärzteschaft ihre Statistik veröffentlichten, seien die Daten der anderen für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Folge: „Die Datenlage ist unzureichend und intransparent. Wir wissen in Deutschland die tatsächliche Zahl von Behandlungsfehlern nicht“, so Skorning. „Uns wäre sehr viel an einer Gesamtübersicht gelegen“, betont er. Vorbilder seien zentrale Melderegister und eine Meldepflicht von Behandlungsfehlern wie es sie in angloamerikanischen Ländern gebe.

In Deutschland seien die Helios-Kliniken hier eher eine rühmliche Ausnahme, weil sie ihre Haftpflicht- und Schlichtungsfälle ins Internet stellten. Die meisten Kliniken in Deutschland hätten allerdings nicht den Mut zu dieser Transparenz. „Nur wenn man weiß, welche Fehler wie häufig geschehen, kann man auch darüber diskutieren, wie sie vermieden werden können und welche Prioritäten zu setzen sind“, betont Skorning. „Uns geht es nicht um personenbezogene Daten oder Daten aus bestimmten Einrichtungen oder ob die Fehler in München oder Buxtehude passieren, sondern um eine anonyme aussagekräftige Gesamtübersicht“, erläutert er.

APS: Harmonisierung der Daten nötig

Der 2. Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS), Prof. Dr. Hartmut Siebert, betont ebenfalls, dass es notwendig ist, die Daten zu harmonisieren. „Es geht doch darum, dass die Patienten auch wirklich einen Nutzen haben. Es ist entscheidend zu wissen, warum so etwas passiert“, sagt er gegenüber Medscape. Er freue sich zwar über die Statistiken des MDK und der Schlichtungsstellen der Landesärztekammern, allerdings seien die Datenhalter in Deutschland bislang noch nicht so weit, die Daten auch zu systematisieren, wie es in anderen Ländern der Fall sei. „In einer unserer Arbeitsgemeinschaften sitzen alle Beteiligten am Tisch. Leider hat sich bislang wenig getan“, bedauert Siebert.

 
Nur wenn man weiß, welche Fehler wie häufig geschehen, kann man auch darüber diskutieren, wie sie vermieden werden können. PD Dr. Max Skorning
 

4.695 der Behandlungsfehlervorwürfe, die 2015 vom MDK begutachtet wurden, also rund 32%, bezogen sich auf die Fachgebiete Orthopädie und Unfallchirurgie, 11% auf die Innere Medizin und Allgemeinmedizin (1.627), 11% auf die Allgemein- und Viszeralchirurgie (1.551), 9% auf die Zahnmedizin (1349), 7% auf die Frauenheilkunde (1.078) und 5% auf die Pflege (768); 25% betrafen weitere Behandlungsgebiete (3.760). „Eine hohe Zahl an Vorwürfen lässt jedoch nicht auch auf eine hohe Zahl an tatsächlichen Behandlungsfehlern schließen“, schränkt Skorning ein.

Bei den bestätigten Fehlern rangiert ebenfalls die operative Therapie mit 31% an erster Stelle, gefolgt von Befunderhebungen mit 25% sowie die Pflege mit 9%. Mehr als die Hälfte der Fehler (51%) passierten, weil Behandlungen entweder gar nicht oder zu spät erfolgten. In 49% der Fälle wurde eine Behandlung mangelhaft umgesetzt oder es wurde eine wenig sinnvolle, zum Teil auch kontraindizierte Maßnahme vorgenommen, wie Skorning erläutert.

Wichtig sei vor allem auch die Analyse der sogenannten „Never Events“. Dabei handelt es sich um seltene, folgenschwere Ereignisse wie im Körper des Patienten verbliebene Fremdkörper nach Operationen, Verwechslungen von Patienten, das Übersehen von Allergien und andere Gefahren. Solche Fehler deuteten auf einen unsicheren Versorgungsprozess und fehlende Absicherungen menschlichen Versagens hin, so Skorning.

Er plädierte für einen offenen Umgang mit Fehlern und ein entsprechendes Problembewusstsein – Fehler weder zu skandalisieren noch zu verharmlosen. Ein Melderegister für Behandlungsfehler könne einen Effekt haben ähnlich wie die Unfallstatistik im Straßenverkehr. Hier gebe es gute Daten darüber, wie viele Menschen im Straßenverkehr zu Schaden kommen und warum. In der Folge seien durch geeignete Maßnahmen die Personenschäden im Straßenverkehr deutlich reduziert worden.

PD Dr. Peter Hinz

Checklisten, SOPs und Briefings

Doch wie sieht in der medizinischen Praxis, etwa im Operationssaal, der vorbildliche Umgang mit Behandlungsfehlern aus? PD Dr. Peter Hinz ist leitender Oberarzt und stellvertretender Leiter der Abteilung für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Chirurgischen Klinik und Poliklinik der Universität Greifswald. Er legt etwa in seinem Team großen Wert auf Transparenz aller Handlungsabläufe in Sachen Patientensicherheit. Als gelernter Pilot arbeitet der Unfallchirurg mit Sicherheitsstandards ähnlich wie bei der Flugsicherheit.

„In der Fliegerei wird jeder Fehler minutiös dargestellt, jedes Unglück analysiert, Flugberichte und Schadensberichte erstellt“, erläutert er im Gespräch mit Medscape. Eine engmaschige Überprüfung der Standards und der Kommunikation sei auch aufgrund ständig wechselnder Dienste und Besetzungen sowie eines unterschiedlichen Ausbildungsstandes von Ärzten im OP nötig, betont er. Als Pilot habe er gelernt, engmaschig mit Sicherheits-Checklisten zu arbeiten. Seine Abteilung mache hier weitaus mehr als etwa die WHO Surgical Safety Checklist empfehle.

Dazu gehört z.B. vor der Operation die Abfrage von Blutgerinnungshemmern, eine Checkliste zur Thrombose, eine präoperative Checkliste zur Aufklärung, zur Anzahl von Blutkonserven oder postoperativen Hilfsmitteln und auch die finale Durchsicht aller Checklisten und das Abhaken durch den dienstoberen Arzt. Wie bei der Fliegerei führe das Team einen Tag vor der Operation ein Briefing durch, in dem der Ablauf genau festgelegt wird und ein Debriefing einen Tag nach dem Eingriff, um den Verlauf zu reflektieren. Checklisten seien heute Standard im OP – noch vor 15 Jahren habe Hinz bei seinen Vorträgen mitunter noch Kopfschütteln geerntet. „Ein Chefarzt sagte zu mir, er sei hier die Qualitätskontrolle und sonst niemand“, berichtet Hinz.

 
Es geht um eine bestimmte Fehlerkultur, eine Einstellung zu Fehlern, die erlaubt, sie offen zu benennen, damit man aus ihnen lernen kann. PD Dr. Peter Hinz
 

Um Never Events zu vermeiden, etwa Verwechslungen, tragen die Patienten elektronische Armbändchen – mit wichtigen Informationen. Einen Tag vor der Operation werde etwa auch die Stelle mit einem Kreuz auf dem Körper des Patienten markiert, an der operiert werden soll. Weitere wichtige Sicherheitsmaßnahmen seien auch das Festlegen von Standard Operating Procedures (SOP), ein dokumentiertes, standardisiertes Vorgehen für bestimmte Eingriffe wie etwa Verletzungen des Kreuzbandes oder Sprunggelenksfrakturen.

Immer mehr im Kommen sei auch das Simulationstraining: Der ärztliche Nachwuchs in der Frauenheilkunde übe etwa an Puppen wie „Sim Mom“, an der alle Arten der Geburt durchgespielt werden können, und auch Anästhesisten lernen an Puppen Reanimation und Herzdruckmassage. Im Zuge der computer- und roboterassistierten Chirurgie komme das Training an Computersimulationen hinzu.

„Es geht um eine bestimmte Fehlerkultur, eine Einstellung zu Fehlern, die erlaubt, sie offen zu benennen, damit man aus ihnen lernen kann.“ Angst vor Bestrafung sei da eher kontraproduktiv. Der Unfallchirurg erachtet anonyme Meldesysteme in den Kliniken derzeit noch als sinnvoll, weil die Offenheit über Fehler zu sprechen, nicht überall verbreitet sei. „Möglicherweise bekommt man anonym auch offenere Antworten“, so Hinz.

 

REFERENZEN:

1. Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS): Jahresstatistik 2015: Behandlungsfehler-Begutachtung der MDK-Gemeinschaft, Mai 2016

Kommentar

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