Zweimal im Jahr Geburtstag: Langzeit-Überlebende nach Herztransplantation berichten

Christina Sartori

Interessenkonflikte

18. Mai 2016

Berlin – „Ich feiere immer zweimal im Jahr Geburtstag – einmal an meinem richtigen Geburtstag und dann am 13. Mai.“, berichtete Claudia Striemer auf einer Pressekonferenz des Cardio Centrums Berlin zum Langzeitüberleben nach Herztransplantationen [1]. Denn am 13. Mai 1985 bekam die ehemalige Floristin ein neues Herz. Damit ist Striemer in Deutschland eine der Frauen, die am längsten mit einem Spenderherzen lebt. Auch Peter Markgraf besitzt seit 30 Jahren ein gespendetes Herz. „Mir geht es gut“, sagte der Berliner über sein heutiges Leben. Rainer Birkenstock und Hartwig Gauder zählen mit 25 bzw. 19 Jahren ebenfalls zu den Langzeitüberlebenden einer Herztransplantation.

Prof. Dr. Dr. h.c. Roland Hetzer

Anfangs waren die Erwartungen gering

Sie alle wurden damals von Prof. Dr. Dr. h.c. Roland Hetzer operiert, einem der Pioniere der Herztransplantation in Deutschland. Noch heute berät er in Berlin herzkranke Patienten zu Therapiemöglichkeiten, die eine 2. Meinung erforderlich machen. Dass einige seiner Patienten einmal 20, 30 Jahre mit dem Spenderherzen leben würden, damit hatte der Herzchirurg nicht gerechnet, als er 1983 an der Medizinischen Hochschule Hannover die erste Herztransplantation Norddeutschlands durchführte.

„Nein, das konnte man damals noch nicht erwarten, das war ein experimentelles Feld für uns. Wir waren glücklich, dass das überhaupt funktioniert hat“, erinnerte sich Hetzer, der ab 1986 in Berlin das größte Herz-Transplantationsprogramm Deutschlands aufbaute. Denn in den ersten Jahren nach der weltweit ersten Herztransplantation 1967 durch Christiaan Barnard waren die Überlebensraten schlecht. So schlecht, dass man die Technik beinahe aufgegeben hätte.

„Doch in Stanford wurde sie weiter verfolgt“, berichtete Hetzer auf der Pressekonferenz in Berlin. „Alles wurde wissenschaftlich begleitet und dort wurden Erkenntnisse erarbeitet, die heute noch wichtig sind.“

Fortschritt mit Nebenwirkungen durch Cyclosporin A 

Anfang der 80er Jahre wurde Cyclosporin A eingesetzt, um die Abstoßungsreaktion zu unterdrücken. „Außerdem hat es das Infektionsrisiko, das mit der bis dahin üblichen Immunsuppression verbunden war, erheblich gemildert“, unterstrich Hetzer die Bedeutung des Medikaments. Dadurch konnte die Ein-Jahres-Überlebensrate bei Herztransplantierten von 30% auf 80% gesteigert werden. Damit spielte Cyclosporin A eine wichtige Rolle bei der Etablierung der Herztransplantation weltweit.

 
Wir haben bisher noch keine wirklich guten Konzepte an der Hand, um nicht-invasiv zu erkennen, welcher Patient so etwas (eine Transplant-Vaskulopathie) entwickelt. Prof. Dr. Dr. h.c. Roland Hetzer
 

Doch der Wirkstoff belastet die Nieren – ein Problem, dass auch Striemer sehr gut kennt. Sie bekam zwar eine neue Niere, aber dadurch verschlechterte sich ihr Zustand weiter: „Da ging es mir wirklich sehr schlecht, ich habe fast nur im Rollstuhl gesessen, konnte gar nicht laufen und habe soviel Cortison bekommen, dass ich ganz aufgedunsen war“, beschrieb sie die Zeit nach der Nierentransplantation. „Das war eine ganz schlimme Zeit.“ Erst als die Spenderniere völlig versagte und Striemer regelmäßig zur Dialyse ging, verbesserte sich ihr Zustand.

Heute wird Cyclosporin A zwar geringer dosiert, da gleichzeitig andere Immunsuppressiva eingesetzt werden, aber trotzdem gehören Nierenprobleme zu den typischen Nebenwirkungen einer Herztransplantation. „Die Nieren machen ja alle bei den Transplantierten Sperenzchen“, so Markgraf, „meine auch“. Deswegen hatte der 74-Jährige vor einem Jahr dicke Beine. „Ich hatte Wasser in den Beinen, aber durch Stützstrümpfe, Drainagen und andere Behandlungen geht das jetzt wieder“, fasste er zufrieden zusammen.

Teilweise schwere Langzeit-Nebenwirkungen

Eine weitere Nebenwirkung mit der transplantierte Patienten rechnen müssen, ist das erhöhte Risiko für Tumoren – vor allem Hautkrebs – durch die ständige Unterdrückung des Immunsystems. Birkenstock geht zweimal im Jahr zum Dermatologen, um verdächtige Hautveränderungen beurteilen und manchmal auch entfernen zu lassen. Und auch bei Markgraf wurden schon mehrfach „Flecken“ weggelasert.

Noch viel zu wenig weiß man über die Transplant-Vaskulopathie, eine fortschreitende Verdickung des Endothels der Koronararterien, stellt Hetzer im Gespräch mit Medscape klar. Dadurch wird zunehmend die Funktion des Herzens eingeschränkt und manche Patienten sterben daran. „Wir haben bisher noch keine wirklich guten Konzepte an der Hand, um nicht-invasiv zu erkennen, welcher Patient so etwas entwickelt“, bedauert der Herzchirurg. „Und wir wissen nicht, wie man das beherrschen könnte, mit Ausnahme einer Re-Transplantation zu einem späteren Zeitpunkt.“

Langzeit-Überlebende immer noch selten

Doch Spenderherzen sind Mangelware in Deutschland und es ist ethisch umstritten, ob man in dieser Mangelsituation einem Menschen ein zweites Spenderherz einsetzen kann. Seit 1997 sinken die Zahlen der gespendeten Organe, im vergangenen Jahr wurden laut Deutscher Stiftung Organtransplantation 286 Herzen in Deutschland transplantiert – aber etwa 800 Menschen warten pro Jahr auf ein Spenderherz.

Eine Herztransplantation bleibt auch heute noch, trotz aller Fortschritte, ein Eingriff, der nur als letzte Lösung gilt. Striemer, Markgraf, Birkenstock – sie sind die erfreulichen Ausnahmen mit Überlebensraten von 25 oder mehr Jahren. Derzeit liegt die durchschnittliche Überlebensrate Herztransplantierter in Deutschland nach 15 Jahren bei 30%.

 

REFERENZEN:

1. Pressekonferenz des Cardio Centrums Berlin  „Erstaunliches Langzeitüberleben nach Herztransplantation“, 3. Mai 2016, Berlin

Kommentar

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