Langzeit-Studie zu Cannabis und Mortalität: Stirbt, wer in jungen Jahren viel kifft, früher?

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

17. Mai 2016

Dr. Eva Hoch

Hat, wer als junger Mann viel kifft, ein deutlich erhöhtes Risiko, das 7. Lebensjahrzehnt nicht mehr zu erleben? Die bislang längste Longitudinal-Studie zum Zusammenhang von Mortalität und Cannabiskonsum an schwedischen Rekruten kommt zumindest zu diesem Ergebnis. Danach war unter denjenigen, die intensive Cannabiserfahrungen im Alter von 18 bis 19 Jahren angaben, das Todesrisiko bis zum Alter von rund 60 Jahren um 40% erhöht [1].

„Die Studie unterstützt die Ergebnisse anderer Untersuchungen, nach denen früher und intensiver Cannabiskonsum erhebliche gesundheitliche Probleme mit sich bringen kann“, bestätigt Dr. Eva Hoch, Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum München, gegenüber Medscape. Gleichzeitig seien aber auch erhebliche Zweifel an den Resultaten der kürzlich im American Journal of Psychiatry veröffentlichten Studie zulässig. So würden wichtige Informationen, etwa zum Verlauf des Cannabiskonsums der Befragten während der rund 42-jährigen Nachbeobachtungszeit, fehlen.

Follow-up nach 42 Jahren bei 45.000 Wehrpflichtigen

Die Analyse von Dr. Edison Manrique-Garcia und seinen Kollegen von der Abteilung Public Health Sciences am Stockholmer Karolinska Institut basiert auf den Angaben von 45.375 schwedischen Wehrpflichtigen zwischen 18 und 19 Jahren. Bei ihrer Einberufung in den Jahren 1969 bzw. 1970 hatten die Männer u.a. Angaben zu ihrem Drogenkonsum machen müssen.

Anhand von weiteren Daten aus dem schwedischen Nationalen Todesursachen-Register errechneten Manrique-Garcia und seine Mitarbeiter rund 42 Jahre später (2011) das Sterberisiko der ehemaligen Rekruten. Dabei interessierte die Forscher insbesondere ein möglicher Einfluss des Cannabiskonsums auf die Mortalitätsrate und ob Psychosen – ein starker und früher Konsum der Droge gilt als ein Risikofaktor für die psychische Erkrankung – die Ergebnisse zusätzlich beeinflussten.

Intensiver Cannabiskonsum erhöht das Sterberisiko

3.918 (8,6%) der Männer waren innerhalb der Follow-up-Zeit gestorben. Von ihnen hatten 651 (17%) bei ihrer Einberufung angegeben, zumindest einmal Cannabis konsumiert zu haben.

Die für viele vielleicht erleichternde Nachricht: Der eine oder andere Joint in jungen Jahren scheint die Lebensspanne der Männer nicht nachhaltig beeinflusst zu haben. Zwar berechneten die Forscher, dass Männer, die im Alter zwischen 18 und 19 Jahren schon einmal Cannabis konsumiert hatten (egal ob nur einmal oder häufiger), durchschnittlich in einem jüngeren Alter starben, als Männer, die sich zum Zeitpunkt der Einberufung noch nie mit der Droge berauscht hatten (p<0,001).

 
Die Studie unterstützt die Ergebnisse anderer Untersuchungen, nach denen früher und intensiver Cannabiskonsum erhebliche gesundheitliche Probleme mit sich bringen kann Dr. Eva Hoch
 

Nach einer Adjustierung auf verschiedene andere bekannte Risikofaktoren (Kontakt mit Jugendbehörden, Rauchen, Lösungsmittelmissbrauch, schädlicher Alkoholkonsum, Weglaufen von Zuhause, psychiatrische Diagnose, Scheidung der Eltern und intravenöser Drogenkonsum) blieb nur noch bei der Gruppe der „heavy user“, d.h. mit einem Cannabiskonsum bei Einberufung von 50 Mal oder häufiger, ein statistisch signifikanter Effekt messbar. Diese Gruppe wies im Vergleich zu den „never usern“ ein um 40% erhöhtes Sterberisiko bis zum Jahr 2011 auf.

Auch die damaligen Wehrpflichtigen mit einer psychotischen Erkrankung wiesen beim Follow-up 42 Jahre später eine 3- bis 4-mal höhere Mortalitätsrate auf als Männer ohne eine solche Diagnose. Auf das Sterberisiko speziell unter Cannabiskonsumenten wirkte sich eine Psychose jedoch nicht zusätzlich aus. Als mögliche Erklärung führen die Autoren u.a. an, dass (auch) die Drogenkonsumenten von der Einführung der Antipsychotika der 2. Generation in den 90er Jahren profitiert haben könnten.

Cannabiskonsumenten haben häufiger tödliche Verletzungen

Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass intensiver Drogenkonsum bei den jungen Männern in einem Zusammenhang mit dem Risiko eines früheren Todes zu stehen scheint. „Unsere Ergebnisse erscheinen überraschend, da bei einer früheren Untersuchung der Kohorte kein Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und erhöhtem Sterberisiko gefunden wurde“, schreiben Manrique-Garcia und seine Mitarbeiter. Allerdings, so argumentieren sie, hätten die Männer bei dem späteren Follow-up nun ein Alter erreicht, bei dem schädliche somatische Folgen des Cannabiskonsums deutlicher zutage treten.

 
Es ist vorstellbar, dass die Männer aus Angst vor persönlichen Konsequenzen keine korrekten Angaben machten Dr. Eva Hoch
 

Eine These, die sich anhand der Studiendaten nicht belegen ließe, wendet Hoch ein. So lägen den Studienautoren keinerlei Informationen zu eventuellen körperlichen Auswirkungen des Drogenkonsums vor.

Tatsächlich konnte die höhere Sterberate unter den starken Cannabis-Usern weder mit einer höheren Krebsrate noch mit kardiovaskulären oder gastrointestinalen Erkrankungen erklärt werden, wie die Daten des Sterberegisters zeigten. Allein die Rate tödlicher „Verletzungen, bei denen nicht feststellbar ist, ob sie unbeabsichtigt (durch Unfall) oder vorsätzlich zustande kamen“ war bei den „heavy usern“ signifikant erhöht (p<0,01).

„Grundsätzlich kann es bei einer akuten Cannabisintoxikation zu einer eingeschränkten Aufmerksamkeit und verminderten motorischer Fähigkeiten kommen, die ein erhöhtes Unfall- und Verletzungsrisiko mit sich bringen“, erklärt Hoch. Ob die hier dokumentierten tödlichen Verletzungen aber in einem Zusammenhang mit Cannabiskonsum stünden, ließe sich aus den Daten nicht ablesen.

Beeinflusste Angst vor negativen Konsequenzen die Antworten der Rekruten?

Es sind nicht die einzigen Schwachpunkte, die die Münchener Expertin in der Studie ausmacht. Zwar lobt sie das longitudinale Design und hebt insbesondere die lange Follow-up-Zeit, die komplexe Statistik und den großen Stichprobenumfang hervor. „Die Gruppe der Wehrpflichtigen ergibt ein gutes Abbild der schwedischen Männer in der Altersgruppe zwischen 18 und 19 Jahren“, sagt sie.

Aber bereits die Tatsache, dass die Befragungen der jungen Rekruten nicht anonymisiert erfolgt waren, schränke die Aussagekraft der Untersuchung ein. „Es ist vorstellbar, dass die Männer aus Angst vor persönlichen Konsequenzen keine korrekten Angaben machten“, erklärt Hoch. 

Die einzige Befragung liegt vier Jahrzehnte zurück

Abgesehen von dem möglichen Bias bei den Antworten sei ein weiteres großes Manko, dass die Männer nur ein einziges Mal – bei ihrer Einberufung – befragt worden seien, so die Psychologin. Ob überhaupt und wieviel Cannabis in den darauffolgenden 4 Jahrzehnten von den Männern konsumiert wurde, bleibt somit unbekannt.

 
Ungeachtet der Limitierungen der Studie konnten wir zeigen, dass Personen mit vorberichtlich starkem Drogenkonsum ein erhöhtes Sterberisiko in der Follow-up-Zeit aufweisen Dr. Edison Manrique-Garcia
 

Manrique-Garcia und seine Mitarbeitern bleibt an dieser Stelle nichts Anderes übrig, als sich auf frühere Statistiken zu berufen, nach denen z.B. etwa 10% der Marihuana-Konsumenten abhängig werden und die Droge über einen längeren Zeitraum konsumieren. Doch sie müssen zugeben: „Es ist möglich, dass andere Risikofaktoren nach der Ausgangsbefragung die Ergebnisse beeinflussten“. Zu solchen Faktoren zählten etwa ein risikoreiches Verhalten sowie der Konsum von Tabak, Alkohol und anderen Substanzen.

Aber auch über familiäre Dispositionen für bestimmte Erkrankungen (z.B. Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen), die Lebensweise der Männer, ihre Ernährung, ihren Beruf erfahre man nichts, ergänzt Hoch. Alles Risikofaktoren, die die Mortalität beeinflussen könnten.

„Ungeachtet der Limitierungen der Studie konnten wir zeigen, dass Personen mit vorberichtlich starkem Drogenkonsum ein erhöhtes Sterberisiko in der Follow-up-Zeit aufweisen“, fassen die Autoren um Manrique-Garcia am Ende ihrer Publikation zusammen. Die Frage nach dem „Warum“ müsse in weiteren Studien geklärt werden.

 

REFERENZEN:

1. Manrique-Garcia E, et al: Am J Psychiatry 2016 (online)

Kommentar

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