Demenzprävention: Bewegung, Kontakte, Denksport – was bei Stoffwechselgesunden wirkt, hilft auch bei Diabetikern

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

11. Mai 2016

Berlin „Wer sich schon in mittleren Jahren regelmäßig bewegt, gesund ernährt, ein umfassendes soziales Netzwerk aufbaut und seine fluide Intelligenz trainiert, der hat eine realistische Chance auf erfolgreiche Demenzprävention oder ‑verzögerung.“ Dies gelte auch für Diabetiker, betonte Dr. Andrej Zeyfang vom Agaplesion Bethesda Krankenhaus Stuttgart beim Diabetes Kongress in Berlin [1]. „Das ist zwar nicht neu, wird aber durch aktuelle Studien eindrucksvoll bestätigt“, so der Vorsitzende der AG Diabetes und Geriatrie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) im Gespräch mit Medscape.

Dr. Andrej Zeyfang

Deutsche haben Angst vor Demenz

Die Zahl der Demenzpatienten liegt nach vorsichtigen Schätzungen in Deutschland bei 1,5 Millionen, Tendenz steigend. Kaum eine Erkrankung ist so gefürchtet wie der Verlust der kognitiven Fähigkeiten. So hatte in einer von der DAK beauftragten Forsa-Umfrage jeder zweite der 3.086 Teilnehmer Angst vor „Alzheimer oder Demenzen“. Ähnlich große Sorgen bereiteten den Befragten nur schwere Unfälle mit erheblichen Verletzungen und Schlaganfälle; noch mehr als Demenzen fürchteten sie nur Krebs.

Die 3 Hauptgründe für die Furcht vor krankhaftem Gedächtnisverlust waren die damit einhergehende Abhängigkeit von der Pflege durch Dritte, die bislang fehlenden Heilungsmöglichkeiten sowie die Tatsache, dass jeder betroffen sein kann.

Diabetiker haben ein um 60 Prozent erhöhtes Demenzrisiko

„Tatsächlich können Demenzen jeden treffen; bei einigen ist das Risiko aber deutlich erhöht“, gab Zeyfang zu bedenken. Zu diesen Risikopersonen gehören auf jeden Fall Diabetiker. So bestätigt eine aktuelle Metaanalyse mit Daten von insgesamt 2,3 Millionen Patienten ein um 60% (auf das 1,6-Fache) erhöhtes Risiko für Demenzen jeglicher Art bei Diabetespatienten. Das Risiko für vaskuläre Demenzen war bei Frauen sogar auf das 2,3-Fache und bei Männern auf das 1,7-Fache gesteigert.

Das gehäufte Auftreten von Demenzen bei Diabetikern kann die Folge schwerer Hypoglykämien sein, wie in der ABC-Studie nochmals deutlich wurde. Aber auch die dauerhafte Erhöhung der Blutzuckerwerte bei schlechter Stoffwechseleinstellung schlägt sich wohl direkt in einem gesteigerten Demenzrisiko nieder. Hinweise darauf ergab eine schwedische Beobachtungsstudie unter Leitung von Dr. Aidin Rawshani und seinen Kollegen, die im letzten Jahr beim EASD-Kongress vorgestellt wurde: In der Studie war eine deutliche Steigerung der Demenzhäufigkeit bei HbA1c-Werten über 7,5% zu erkennen, und jeder zusätzliche Prozentpunkt trieb den Anteil der Typ-2-Diabetespatienten, die zugleich an einer Demenz litten, nochmals deutlich in die Höhe.

Weitere Demenzfallen: Hypertonie, Dyslipidämie, Adipositas, PPI-Therapie

Neben dem Diabetes zählen laut Zeyfang alle weiteren Aspekte des metabolischen Syndroms –Hypertonie, Hypercholesterinämie, Übergewicht/Adipositas – sowie Bewegungsmangel und Rauchen ebenfalls zu den Risikofaktoren für Demenzen. So zeigte eine im Februar 2016 publizierte Studie, dass eine unkontrollierte Hypertonie im mittleren Lebensalter die Wahrscheinlichkeit für vaskuläre Demenzen und für frühzeitige Alzheimer-Demenz erhöht.

Wer sich schon in mittleren Jahren regelmäßig bewegt, gesund ernährt, ein umfassendes soziales Netzwerk aufbaut und seine fluide Intelligenz trainiert, der hat eine realistische Chance auf erfolgreiche Demenzprävention oder verzögerung. Dr. Andrej Zeyfang

Darüber hinaus haben kürzlich erschienene Studien einmal mehr den ungünstigen Einfluss bestimmter Medikamente auf die Kognition demonstriert, etwa die Dauerbehandlung mit Protonenpumpeninhibitoren (PPI) oder mit Substanzen, die anticholinerge Nebenwirkungen haben.

Prävention durch bewusste Ernährung …

Eine Demenz vermeiden möchte wohl jeder, allen voran die Personen der genannten Risikogruppen und ihre Angehörigen. Aber wie?

In der oben zitierten Forsa-Umfrage gaben jeweils 3 Viertel der über 60-Jährigen an, dass sie regelmäßig Sport treiben, sich gesund ernähren, wenig Alkohol trinken, nicht rauchen und geistige Herausforderungen suchen, um Krankheiten vorzubeugen. Und damit liegen sie goldrichtig: „Das sind genau die Maßnahmen, die sich in der Prävention sowohl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als auch von Demenzen bewährt haben“, bestätigt Zeyfang gegenüber Medscape: „Aktuelle Studien haben eigentlich nichts Neues gebracht, außer der guten Nachricht, dass wirklich alles, was den Gefäßen nützt, auch dem Erhalt der Intelligenz zugutekommt.“

Aktuelle Studien haben eigentlich nichts Neues gebracht, außer der guten Nachricht, dass wirklich alles, was den Gefäßen nützt, auch dem Erhalt der Intelligenz zugutekommt. Dr. Andrej Zeyfang

Er betonte, dass Lebensstilfaktoren in Europa laut einer aktuellen Studie fast 1 Drittel des Gesamtrisikos für die Entstehung einer Alzheimer-Demenz ausmachen. Umgekehrt könne man durch einen gesundheitsbewussten Lebensstil aktive Prävention betreiben. So haben weitere neue Studien gezeigt, dass eine mediterrane Ernährung bei der Demenzvermeidung helfen kann.

… und Training

Dass Sport bei der Demenzvorbeugung hilft, ist schon länger bekannt. Zeyfang verwies auf die kürzlich erschienene AGES-Reykjavik-Studie, in der gerade die moderate Bewegung im mittleren Lebensalter – unter 5 Stunden pro Woche – die besten Effekte gegen kognitiven Abbau brachte. Auch das ist eine gute Nachricht, betont der Diabetologe und Geriater gegenüber Medscape: „Einige wenige Stunden moderater Bewegung pro Woche genügen schon; Spaziergänge mit dem Hund, Wanderungen und Radtouren sind bestens geeignet. Es muss kein Hochleistungssport sein. Das kann praktisch jeder schaffen.“

Aber auch kognitives Training hat einen förderlichen Einfluss, wenn es nicht zu ungezielt ist und nicht zu spät beginnt. „Kreuzworträtsel und Quizfragen bei beginnender Demenz nützen gar nichts mehr“, stellt der Experte klar. Wer etwas für seinen Verstand tun wolle, könne in frühen und mittleren Jahren vor allem die „fluide Intelligenz“ schulen, also die Fähigkeit, logisch zu denken und Probleme zu lösen.

Besonders effektiv: Körperliche und geistige Übungen zugleich

Besonders effektiv ist es laut der prospektiven Healthy Mind, Healthy Mobility-Studie, beide Arten von Training miteinander zu verbinden: Sogenannte „Dual Tasks“, bei denen Bewegung und Nachdenken zugleich bewältigt werden müssen, fördern das Denkvermögen auch auf lange Sicht.

Es kann schon sehr viel nützen, in Gruppen spazieren zu gehen und sich nebenbei zu unterhalten. Dr. Andrej Zeyfang

Die Teilnehmer der Studie gehörten zu einer bestehenden Sportgruppe und hatten bereits leichte kognitive Einschränkungen, aber keine Demenz. Über 6 Monate musste die Hälfte der Testpersonen jeweils während der körperlich leichteren Übungen zum Trainingsbeginn zugleich knifflige Fragen beantworten; die übrigen absolvierten ihren Sport „ungestört“ wie immer. Bei der Auswertung nach 26 Wochen zeigten die 2-fach Herausgeforderten eine größere Verbesserung des Denkvermögens als diejenigen, die nur körperlich aktiv gewesen waren.

„Im Alltag kann man es sich auch leichter machen“, so Zeyfang, „es kann schon sehr viel nützen, in Gruppen spazieren zu gehen und sich nebenbei zu unterhalten, etwa bei einem Familien- oder Gemeindeausflug.“ Das fördere zugleich den Aufbau sozialer Netzwerke mit zahlreichen Freundschaften – ebenfalls ein Vorsorgefaktor gegen Demenzen.

Aber Achtung: „Muss der Gesprächspartner für jede Antwort stehenbleiben, um in Ruhe nachdenken und sprechen zu können, dann kann das ein Warnzeichen für beginnende Gedächtnisstörungen sein“, stellte Zeyfang klar. „Dann wird es Zeit für einen Besuch beim Facharzt zur Abklärung.“

REFERENZEN:

1. 51. Diabetes Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), 4. bis 7. Mai 2016, Berlin

Kommentar

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