Patient mit Ein- und Durchblick: Einsicht in die eigene Akte schafft gutes Arzt-Patientenverhältnis

Christian Beneker

Interessenkonflikte

4. Mai 2016

Man muss sich nicht immer mit neuen Tricks der Gesprächsführung um ein besseres Arzt-Patientenverhältnis bemühen – es geht auch einfacher: Eine Studie von Prof. Dr. Tobias Esch von der Universität Witten Herdecke zeigt nun einen überraschenden alternativen Weg, um das Arzt-Patienten-Verhältnis, die Adhärenz und das Krankheitsverständnis der Patienten zu verbessern [1]. „Wir waren wirklich baff, als wir die Daten ausgewertet haben", sagt Esch zu Medscape.

Esch hat an der Harvard Medical School zum Thema Arzt-Patienten-Beziehung geforscht und ist nun Professor für Integrierte Gesundheitsversorgung und -förderung an der Universität Witten/Herdecke. Seine Lösung des Kommunikationsproblems im Sprechzimmer: das OpenNotes-Projekt.

Laut Eschs Daten hilft es dem Arzt-Patienten-Kontakt offenbar enorm, wenn die Patienten absolut freien Zugang zu allen ihren Daten erhalten, also zur Patientenakte und den Notizen, die sonst nur der behandelnde Arzt sieht. Das hat Esch als Teil einer Gruppe von Forschern der Universität Witten/Herdecke und der Harvard University, Boston, USA, rund um Prof. Dr. Tom Delbanco von der Harvard Medical School herausgefunden. „Zudem stärkt die erhöhte Transparenz in der Behandlung die Mitarbeit und das Selbstmanagement der Patienten, verbessert das Verständnis der medizinischen Probleme und unterstützt die Selbstfürsorge", heißt es in einer Pressemitteilung der Universität Witten/Herdecke.

Die Methode: 1.000 Patienten per Fragebogen nach Erfahrungen befragt

„Wir haben in Boston, USA, Ärzte gefunden, die zusammen etwa 120.000 Patienten in die Studie eingebracht haben", berichtet Esch. „Sie wurden registriert und konnten seither über eine gesicherte Online-Verbindung ihre komplette Patientenakte einsehen." Immer wenn der Arzt einen neuen Eintrag in der Akte vornahm, wurde der betreffende Patient automatisch benachrichtigt.

Dann haben die Wissenschaftler über 2 Jahre lang verfolgt, inwieweit die Patienten von dem Angebot Gebrauch gemacht haben. Etwa 7.000 Patientinnen und Patienten wurden als Nutzer identifiziert, von denen diejenigen mit häufigen Arztbesuchen (etwa 1.000 Patientinnen und Patienten) näher untersucht wurden und per Fragebogen nach ihren Erfahrungen mit dem freizügigen Zugang zu ihren Daten befragt wurden.

„Wir haben die Bögen quantitativ nach Nutzerverhalten und -erfahrungen im Vorher-Nachher-Vergleich, zusätzlich anhand von harten Daten, unter anderem zum Medikamenten-Gebrauch, und qualitativ ausgewertet", sagt Esch. Anhand der Freitext-Antworten, die die Patienten auf den Bögen geben konnten, konnten Aspekte der Patientenperspektive im Umgang mit diesem neuen „Werkzeug" gesammelt und analysiert werden. Dabei wurden regelmäßige Nutzer auch mit weniger aktiven Patienten verglichen.

 
Die Patienten haben die Wertschätzung für den Arzt deutlich nach oben gefahren. Prof. Dr. Tobias Esch
 

Zusätzliche Interviews

Außerdem wählten die Wissenschaftler jene Patienten heraus, die im Untersuchungszeitraum mindestens 8-mal beim Arzt waren, also „eher kränker" waren, wie Esch sagt. 199 von ihnen schrieb man an und bat um zusätzliche Interviews. Die Patientinnen und Patienten wurden dann in die Studie nach einem ausgeklügelten Verfahren aufgenommen.

„Wir haben sie in etwa einstündigen Interviews gefragt, welche Determinanten des Verfahrens sie als hilfreich und medizinisch wirksam einstuften", berichtet Esch. Letztlich genügten 13 Interviews, um ein stabiles Ergebnis zu erhalten. Denn man habe im Zuge der Gespräche darauf geachtet, wie häufig ein und dieselben Angaben von verschiedenen Patienten zum Thema gemacht wurden, also nach „Codes" und deren erneuter Bestätigung gesucht. „Sobald sie sich in den verschiedenen Gesprächen wiederholten und keine neuen Codes mehr auftauchten, war der Sättigungspunkt erreicht", sagt Esch. „Das war bei unserer Studie nach 13 Interviews der Fall."

Ergebnis: Ärzte werden entlastet

Jene immer wiederkehrenden Aspekte sind im Prinzip alte Bekannte: allen voran das hilfreiche Gefühl, den Arzt verstanden zu haben. „Das klingt banal. Aber wir wissen aus zahlreichen Studien, dass die Hälfte der Patenten beim Verlassen des Sprechzimmers eben nicht genau verstanden haben, was der Arzt ihnen gesagt hat", berichtet Esch. „Hier konnte nach den Angaben der Patienten in den Interviews der freie Datenzugang viel verbessern."

Zudem hat es offenbar vertrauensbildend gewirkt, dass die Patienten in der Akte auch die großen Linien ihres Krankheitsverlaufes ablesen konnten, meint Esch.

 
Die Arbeitsbelastung hat sich für die Ärzte praktisch nicht erhöht. Prof. Dr. Tobias Esch
 

Vor allem aber habe der Blick über die Arztschulter ihr Verhältnis zum Arzt verbessert, gaben die Befragten an. „Das war für uns überraschend", sagt Esch. „Wir hatten erwartet, dass die Patienten die Aufzeichnungen des Arztes vielleicht unverständlich finden und ihn entsprechend bewerten." Dabei sei das Gegenteil der Fall gewesen. „Die Patienten haben die Wertschätzung für den Arzt deutlich nach oben gefahren." Offenbar hatten sie das Gefühl, mit dem Arzt auch über die 10 Minuten im Sprechzimmer hinaus in Verbindung zu stehen und in Verbindung zu bleiben.

Dass die Patienten die Akte gegenlesen, hatte auch einen ganz praktischen Vorteil: „Alle Patienten haben mindestens einen sachlichen Fehler in ihrer Akte entdeckt. Solche Fehler hatten oft mit der Medikamenten-Einnahme zu tun und können somit durchaus als medizinisch relevant eingestuft werden."

Es sei anfangs nicht leicht gewesen, Ärzte zum Mitmachen zu bewegen, sagt Esch. „Aber schließlich haben 100 Prozent der Ärzte, die bei der Studie mitgemacht haben, das Verfahren nach Ablauf der Studienphase beibehalten." Der vermeintliche Machtverlust, alle Daten herzugeben und die befürchteten Anrufe, Mails und langen Patientengespräche zur Akte haben sich als falsche Befürchtung heraus gestellt. „Die Arbeitsbelastung hat sich für die Ärzte praktisch nicht erhöht."

 
Die Stichprobe an Interviews ist zu klein. Gert Kowarowsky
 

Einfach fünf Minuten mehr Zeit nehmen?

Gert Kowarowsky, Psychotherapeut und Spezialist für Patienteninteraktion aus Bad Steben, zweifelt an dem Effekt, den Esch beschreibt. „Die Stichprobe an Interviews ist zu klein", kritisiert er. „Im Übrigen: Welche Patienten verfügen über das Wissen, eine Patientenakte zu verstehen?" Letztlich gehe es im Behandlungsgeschehen um die „Arzt-Patienten-Allianz", und für sie sei der Kontakt von Mensch zu Mensch „die unabdingbare Voraussetzung." Gegen die Information des Patienten per se hat Kowarowsky nichts einzuwenden. Aber irgendwann werde der Patient den Menschen als direkten Gesprächspartner (und nicht die Akte) bevorzugen.

Auch bangt Kowarowsky um die Ärzte. „Ich fürchte, die Studienergebnisse könnten dazu führen, dass auf uns noch mehr Patientenkontakte in immer weniger Zeit zukommen." Wäre es da nicht besser, meint der Therapeut, „wenn wir uns fünf Minuten mehr Zeit nehmen für den Patienten?"

Esch indessen will das Projekt nun auch in Deutschland an den Start bringen. Das wird schwierig. Nicht nur, weil die Ärzteschaft und Patientenverbände in Deutschland Vorbehalte gegen den elektronischen Gesundheitsdatenverkehr haben. Sondern auch deshalb, weil das Projekt ein hierzulande umstrittenes Projekt zur Voraussetzung hat: die elektronische Patientenakte.

 

REFERENZEN:

1. Esch T, et al: BMJ Open (online) 29. Januar 2016

 

Kommentar

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