Meinung

Pädiatrie 3.0: Wie die Digitalisierung bei der Behandlung von Kindern hilft

Hansa Bhargava, MD, Daniel Kraft, MD

Interessenkonflikte

4. Mai 2016

Dr. Bhargava: Es ist interessant, dass Sie über den Nutzen von  Anreizen sprechen. Es wurde viel geforscht um zu zeigen, dass Erinnerungs-SMS –  oder jede Art von Erinnerung – dem Patienten helfen, die Behandlung besser einzuhalten.  Es gibt ein neues Armband für Kinder, das sogenannte UNICEF Kid  Power Band, das die Bewegung  von Kindern trackt, und bei einem bestimmten Aktivitätslevel die Lieferung von  Nahrungspaketen andere Kinder auf der Welt veranlasst, die  ernährungsphysiologisch nicht ausreichend versorgt sind. Ich denke aber, dass  sich viele Ärzte in erster Linie um FDA-Zulassungen sorgen. Gibt es zu den  Geräten die erforderliche Forschungsgrundlage, um die Zuverlässigkeit der Daten,  die das Gerät aufzeichnet, sicherzustellen? Und was tun wir mit positiven oder negativen  Falschmeldungen sowie anderen Falsch-Daten, wenn dies nicht der Fall ist?

Dr. Kraft: Ich denke, dass wir alle in gewissem Maße einen  Goldstandard wollen, der besagt, dass dies die genaue Anzahl der gemessenen Schritte  ist, oder der genaue Blutdruck oder Blutzucker. Es gibt Endgeräte, die sich auf  die FDA-Zulassung zubewegen und einige von ihnen sind bereits zugelassen. Aber  in vielen Fällen, – insbesondere wenn es um die Änderung des Lebensstils geht –  brauchen Sie keinen von der FDA-zugelassenen Schrittzähler.

Wir können das Verhalten auf unterschiedliche Art und Weise ändern.  Nicht jeder will Punkte, Abzeichen oder Geld als Anreiz. Wir müssen jeden Einzelnen  verstehen, um jene Trigger besser zu verstehen, die das Verhalten ändern, und  die einzelnen Anreize so modifizieren, dass sie Teil der täglichen  Gesundheits-Routine werden. Früher war es so, dass Sie sich an Ihren Arzt oder  Kinderarzt wandten, und dieser Ihnen sagte, was zu tun ist. Aber in dieser  neuen Ära des emanzipierten Patienten, sind Sie selbst das neue Medikament – das  ermächtigte Individuum, das für den Arzt zu einem Partner oder Copiloten  geworden ist, anstatt nur darauf zu warten, dass dieser Ihnen sagt, was zu tun  ist. Apps, die das Verhalten ändern sollen, können zum Game-Changer bei der  Prävention als auch bei der Behandlung akuter und chronischer Krankheiten  werden.

Dr. Bhargava: Sie sagen, dass die Vorteile dieser Technologie uns  helfen können, die Patienten beim Einhalten ihrer Therapie zu unterstützen und  diese Veränderungen vorwärts zu bringen. Also müssen wir uns auf die Vorteile  mehr als auf die Frage konzentrieren, ob die FDA mit diesen Änderungen Schritt  halten wird.

Dr. Kraft: Geht es um eine App, die die Schrittzahl oder die Diät  trackt, dann ist das eine Sache. Eine andere Sache ist aber, wenn es sich um  eine App handelt, die mit einem Glucometer verbunden ist und Ihnen zeigt, wie  viel Insulin Sie zu sich nehmen müssen. Die FDA gibt für die Regulierung  bestimmter Arten von Apps und Connected Devices, die in die Kategorie digitaler  Therapeutika fallen, die Richtung an. Denn in Zukunft werde ich Ihnen  vielleicht nicht mehr allein Medikamente verschreiben. Diese können vielmehr  zusammen mit einem tragbaren Gerät oder einer App kommen, die bei der Einnahme  helfen oder Erinnerungen senden, sofern dies notwendig ist.

Dies ist Beginn der Zeit des Coachings: Jeder kann einen persönlichen  Trainer haben, der mit seinem Smartphone verbunden ist, und bald wird es ihn  auch in von Form künstlicher Intelligenz geben. Einige Apps werden Ihnen helfen,  Ihre Daten aufzuzeichnen und Sie zu erinnern – in einer Art und Weise, die  sowohl intuitiv ist, als auch Spaß macht.

Während die FDA als Element wichtig ist, müssen wir bei bestimmten  Anwendung nicht auf sie fixiert sein. In dieser Zeit, in der wir mit der  Messung unserer Gesundheit beginnen, lernen wir, was gemessen werden sollte.  Wir hatten diese digitalen Daten aus nicht-medizinischen Zusammenhängen bisher  nicht. Vielmehr waren sie nur auf der Intensivstation, der Notaufnahme oder der  Krankenhaus-Station verfügbar. Auf diese Weise werden wir zum Beispiel lernen,  dass eine Temperatur von 37° Celsius nicht immer normal ist.

Wir treten in eine Ära des ermächtigten Patienten und Verbrauchers ein.  Ich war Berater für die XPrize® Foundation. Diese Stiftung hat einen Wettbewerb unterstützt, bei  dem es darum ging, einen medizinischen Monitor für Privathaushalte zu entwickeln.  Ein solches Gerät, das bereits bei der Firma Scanadu in der Entwicklung ist, ist  ein Vitaldatenmonitor, der Herzfrequenz und Temperatur trackt und den Blutdruck  und die Sauerstoffsättigung berechnet. Das wird Eltern beispielsweise ermöglichen,Krankheiten  wie Asthma oder Grippe frühzeitig zu erkennen, proaktiv zu sein und die Daten dem  Kinderarzt oder anderen Gesundheitsversorgern zuzuschicken. Wir werden weit  über das digitale Thermometer hinausgehen, und dabei die Technologie in kontinuierlicher  und proaktiver Weise nutzen. Da wir im Gesundheitssystem Anreize verankern, um  uns gesund zu halten, werden wir den Durchbruch dieser Technologien sehen, im  Gegensatz zur Kranken-Pflege-Gleichung, nach der wir dafür bezahlt werden, immer  mehr kranke Kinder zu sehen und neue Verfahren anzuwenden.

Dr. Bhargava: Wenn zum Beispiel der Kinderarzt um 2 Uhr nachts  mit einem Patienten spricht und herauszufinden versucht, ob die Familie in die  Notaufnahme kommen muss, könnte er von diesem Pulsoximeter profitieren, das ihm  die Daten zur Verfügung stellen könnte, die er bei der Unterstützung zur Entscheidung  braucht, nicht wahr?

Dr. Kraft: Natürlich. Und das Gerät wird nicht nur eine  Momentaufnahme machen. Das Kind kann über einen längeren Zeitraum getrackt  werden, und die Daten können mit Hilfe von Machine Learning und Crowdsourcing  von Hunderten bis Tausenden Patienten analysiert werden, wie es dieses  Unternehmen zusammen mit der AI von IBM Watson tut. So erfahren Sie vielleicht,  ob ein bestimmtes Stadtviertel einer Influenzawelle ausgesetzt ist und können  diese Information bei der Auswahl berücksichtigen. Der Arzt will nicht von  Daten überwältigt werden. Daher benötigen wir eine intelligente Analyse und nicht  nur AI, sondern auch IA  (Intelligence Augmentation),  um intelligentere, kosteneffektive Untersuchungen und personalisierte und  präzise Therapeutika zur Auswahl zu haben, wenn wir eine Entscheidung über eine  bestimmte Therapie treffen müssen.

Dr. Bhargava: Das klingt sehr interessant, und unsere Welt scheint  sich wirklich zu verändern. Gibt es etwas, was Sie noch hinzufügen möchten?

Dr. Kraft: Es gibt ein berühmtes Zitat von William Gibson: „Die  Zukunft ist schon da – sie ist nur nicht gleichmäßig verteilt.“ Die Technologie  ist nicht gleichmäßig verteilt, und ich denke, es ist an den Ärzten überall auf  der Welt zu beginnen, die Zukunft zu gestalten, und nicht darauf zu warten. So  gibt es eine ganze Reihe von Geräten, die Sie online oder anderswo kaufen  können, einschließlich der vernetzten Blutdruckmanschetten, Personenwaagen und Glucometer,  die Sie bereits heute bei Ihren Patienten einsetzen können. Vielleicht arbeiten  diese Apps derzeit nicht perfekt mit Ihrer elektronischen Krankenakte zusammen,  aber bald werden sie es tun. Seien Sie an vorderster Front mit dabei! Beginnen  Sie, Lösungen für Ihre Probleme mit einigen dieser neuen intelligenten,  vernetzten Werkzeuge zu finden, um Sie, Ihre Patienten und deren Familien einzubeziehen  sowie um Ausgänge zu verbessern und Kosten zu senken.

Dr. Bhargava: Es klingt, als sei die Veränderung  schon hier – wir müssen uns nur auf sie  einlassen. Vielen Dank, Dr. Kraft.

 

Kommentar

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