Große Kohortenstudie bestätigt: Kalzium-Einnahme ist nicht mit erhöhtem KHK-Risiko assoziiert

Pam Harrison

28. April 2016

Malaga – Zum wiederholten Male konnte in einer Untersuchung gezeigt werden, dass die Einnahme von Kalzium – mit und ohne Vitamin D – die Entwicklung kardiovaskulärer Erkrankungen bei Männern und Frauen mittleren Alters (zwischen 40 und 69 Jahren) nicht begünstigt. Die aktuelle Studie zu dieser Fragestellung umfasst Daten von mehr als einer halben Million Teilnehmer. Sie wurde auf dem World Congress on Osteoporosis, Osteoarthritis, and Musculoskeletal Diseases in Malaga, Spanien, vorgestellt [1].

Der federführende Autor der Untersuchung, Dr. Nicholas Harvey von der University of Southampton, schreibt dazu in einer E-Mail an Medscape: „Früher rechnete man bei der Einnahme von Kalziumpräparaten höchstens mit Verdauungsstörungen und einem geringfügig erhöhten Risiko für Nierensteine. Doch in den letzten Jahren wurde von einigen Wissenschaftlern die Frage aufgeworfen, ob die Kalzium-Supplementierung nicht zu einem erhöhten Risiko für Herzanfälle führe.“

Und weiter: „Mithilfe der UK Biobank hatten wir die Möglichkeit, dieser Frage bei 500.000 britischen Männern und Frauen im mittleren bis höheren Alter nachzugehen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass sich das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse unter Einnahme von Kalzium nicht erhöht, unabhängig davon, ob sie mit oder ohne Vitamin-D-Gabe erfolgt.“

Keine Assoziation zwischen der Einnahme von Kalzium und ischämischer Herzkrankheit

 
Unsere Ergebnisse, die sich auf die bislang größte Einzelstudie stützen, sprechen dafür, dass die Supplementierung sicher ist. Dr. Nicholas Harvey
 

Die UK Biobank enthält die Daten einer prospektiven Kohorte von 502.664 Männern und Frauen, die bei Aufnahme in die Datenbank im Schnitt 58 Jahre alt waren.

Harvey und seine Kollegen zogen Informationen zur Einnahme von Kalzium und Vitamin D aus der Datenbank und verknüpften diese Daten mit Angaben zu Klinikeinweisungen aufgrund von ischämischer Herzkrankheit, kardiovaskulären Ereignissen jeder Art sowie Todesfällen in einem Beobachtungszeitraum von 7 Jahren.

Insgesamt substituierten in der untersuchten Kohorte 34.890 Personen Kalzium und 20.400 nahmen Vitamin D ein. Lediglich 2,1% der Kohortenmitglieder nahmen beides.

Sowohl die Rohdaten als auch die Auswertung unter Berücksichtigung aller möglichen Störvariablen zeigten keinerlei Assoziation zwischen der Einnahme von Kalzium und Klinikeinweisungen aufgrund von ischämischer Herzkrankheit oder kardiovaskulärer Ereignisse, ebenso wenig wie eine Assoziation mit Todesfällen in Folge dieser Hospitalisierungsursachen, berichtete Harvey.

Hazard Ratios der Studienendpunkte

Gruppe Klinikeinweisung mit ischämischer Herzerkrankung (HR; 95%-KI) Tod durch ischämische Herzerkrankung (HR; 95%-KI)
Frauen mit vs ohne Kalziumsupplementierung 1,06 (0,32–1,61; p = 0,62) 0,71 (0,32–1,61; p = 0,42)
Männer mit vs ohne Kalziumsupplementierung 1,02 (0,80–1,30; p = 0,87) 0,92 (0,52–1,62; p = 0,76)

KI = Konfidenzintervall; HR = Hazard Ratio

„Die Ergebnisse für die Vitamin-D-Einnahme und für die Einnahme von Vitamin D/Kalzium-Kombinationen waren sehr ähnlich“, so Harvey und seine Kollegen. Die weitere Analyse der Daten unter Berücksichtigung von Hormonersatztherapien bei Frauen veränderte die Assoziation zwischen Kalziumsupplementierung und kardiovaskulären Endpunkten nicht.

Die Wissenschaftler wiesen zudem darauf hin, dass die Ergebnisse selbst dann noch stabil blieben, als sie im Hinblick auf mögliche Störvariablen wie Alter, BMI und Medikation analysiert wurden. Es änderte auch nichts an den Ergebnissen, ob die Teilnehmer zu Untersuchungsbeginn anamnestisch durch eine kardiovaskuläre Erkrankung vorbelastet waren oder nicht.

 
Ich bin richtiggehend erleichtert, dass die vorliegenden Ergebnisse gegen einen kausalen Zusammenhang sprechen. Prof. Dr. Bess Dawson-Hughes
 

„Die Einnahme von Kalzium ist weit verbreitet, nicht zuletzt als adjuvante Therapie bei Osteoporose“, erklärte Harvey. „Unsere Ergebnisse, die sich auf die bislang größte Einzelstudie stützen, sprechen dafür, dass die Supplementierung sicher ist.“

Kein Hinweis auf Kausalität

Über die Sicherheit der Kalziumsupplementierung wird schon lange diskutiert. Ärzte empfahlen ihren Patienten, lieber für eine höhere Kalziumaufnahme über die Nahrung zu sorgen als durch Tabletteneinnahme.Da jedoch Kalzium und auch Vitamin D für den Knochenerhalt essenziell sind und ältere Menschen es häufig nicht schaffen, genügend davon über das Essen aufzunehmen, ist die Einnahme in Tablettenform dennoch weit verbreitet.

Auf Anfrage von Medscape sagte Prof. Dr. Bess Dawson- Hughes, Direktorin des Bone Metabolism Laboratory am United States Department of Agriculture Nutrition Center on Aging in Boston, USA, dass aktuell noch viel Material zu einem möglichen kausalen Zusammenhang zwischen einer Kalziumsupplementierung und kardiovaskulären Erkrankungen auszuwerten sei. Sie versicherte aber auch, dass nach der gegenwärtigen Evidenz von einer Kalziumsupplementierung kein erkennbares Risiko für Herz und Gefäße ausgehe.

Das sei besonders für ältere Menschen relevant, für die eine Substitution entscheidend für die Knochengesundheit sein könne, fügte sie hinzu. „Ältere Menschen haben nicht nur ein erhöhtes Risiko für Osteoporose, sondern auch für kardiovaskuläre Erkrankungen, sodass man keine Intervention gebrauchen kann, welche für die eine Seite präventiv wirkt, während sie die andere verschlechtert. Es handelt sich also um eine äußerst wichtige Fragestellung und ich bin richtiggehend erleichtert, dass die vorliegenden Ergebnisse gegen einen kausalen Zusammenhang sprechen.“


Dieser Artikel wurde von Dr. Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

REFERENZEN:

1. World Congress on Osteoporosis, Osteoarthritis, and Musculoskeletal Diseases, 14. bis 17. April 2016, Malaga/Spanien