Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson: Moderne Technik verspricht endlich individuelle und gezielte Therapie

Axel Viola

Interessenkonflikte

18. April 2016

Düsseldorf – Die Tiefe Hirnstimulation (TSH) beim Morbus Parkinson habe „dramatische Fortschritte“ gemacht, berichtete Prof. Dr. Alfons Schnitzler bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) in Düsseldorf [1]. Denn trotz aller Erfolge sei die THS bisher „sehr krude“ erfolgt, so der DGKN-Präsident.

Die Elektrode liegt zwar fest an einem Ort, aber wir können den Strom nun in verschiedene Richtungen steuern. Das hört sich einfach an, ist aber ein dramatischer Fortschritt. Prof. Dr. Alfons Schnitzler

„Der Schrittmacher wird eingeschaltet und bleibt 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche angeschaltet. Er läuft also rund um die Uhr und beeinflusst ständig das Gehirn. Wir wissen aber, dass die Veränderungen bei den verschiedenen Erkrankungen nicht immer gleich stark sind. Das können Sie auch am Patienten mit Parkinson sehen, der zittert nicht immer gleich stark. Insofern war es uns schon immer klar, dass es eigentlich nicht wirklich Sinn macht, die ganze Zeit, sondern in Abhängigkeit vom aktuellen Zustand des Gehirns zu stimulieren.“

Doch inzwischen gibt es technische Neuerungen oder sind in der klinischen Entwicklung, die es ermöglichen, die THS gezielter und Patienten-individueller einzusetzen. Wie Schnitzler berichtete, war ein Problem die Lokalisation der Elektroden. Waren diese einmal „implantiert und festzementiert“, gab es bisher keine Möglichkeit der Korrektur mehr. „Ist die Position nicht optimal, das muss wirklich submillimetergenau gemacht werden, dann werden auch keine optimalen Therapieeffekte, sondern Nebenwirkungen induziert. Das ist natürlich schlecht“, erläuterte Schnitzler.

Gezieltere und bedarfsgerechte Stimulation, weniger Nebenwirkungen

Inzwischen gebe es aber neue Systeme, so berichtete der Neurophysiologe weiter, „die es ermöglichen, selbst wenn die Elektrode schon fest implantiert ist, Tage und Wochen später, den Strom im Gehirn durch neue Elektroden- und Programmiersysteme zu steuern“. Schnitzler: „Die Elektrode liegt zwar fest an einem Ort, aber wir können den Strom nun in verschiedene Richtungen steuern. Das hört sich einfach an, ist aber ein dramatischer Fortschritt.“ Erzeuge man durch die Stimulation zum Beispiel Nebenwirkungen in Form von Sprachstörungen, lässt sich nun der Strom in die Richtung der gewünschten Hauptwirkung umlenken, ohne dass eine erneute Operation notwendig werde.

Noch in einer frühen Phase der Entwicklung befindet sich die adaptive Neurostimulation. Unter Federführung von Prof. Dr. Peter Brown, UniversityOxford, Großbritannien, wurde an ersten wenigen Patienten dieses Verfahren getestet. Dabei erfolgt die Stimulation nicht dauerhaft, sondern bedarfsgesteuert, das heißt, sie wird in Abhängigkeit der Aktivität der erkrankten Nervenzellen gesteuert. Dazu gibt das System Impulse ab und misst zeitgleich die Aktivität der Nervenzellen. „Wenn nicht kontinuierlich stimuliert wird, werden bessere Effekte erzielt, und es werden vielleicht auch weniger Nebenwirkungen induziert“, hofft Schnitzler, dass die Neuentwicklung „möglichst bald breiter angewendet“ werden kann.

Wenn nicht kontinuierlich stimuliert wird, werden bessere Effekte erzielt, und es werden vielleicht auch weniger Nebenwirkungen induziert. Prof. Dr. Alfons Schnitzler

Eine weitere neue Technik, die bei der THS zur Anwendung kommt, ist die Verkürzung der Impulsdauer, was zu einer selektiveren Reizung von Nervenfasern um die Elektrode führt. Wie die DGKN in einer Pressemitteilung berichtet, haben Würzburger Neurologen entdeckt, dass eine Verkürzung der elektrischen Impulse von 60 auf 30 Millisekunden die Nebenwirkungsrate zu senken vermag.

Welcher Parkinson-Patient profitiert von der THS?

Wie Schnitzler ausführte, kommen für die THS im Prinzip alle Patienten mit idiopathischem Parkinson-Syndrom infrage: „Das sind etwa 80 Prozent aller Parkinson-Patienten.“ Nicht geeignet seien Patienten mit einer atypischen Parkinson-Erkrankung. „Parkinson ist eine neurodegenerative, langsam progrediente, über viele Jahre verlaufende Erkrankung. Deshalb ist die zweite Frage bei der THS, zu welchem Zeitpunkt der Schrittmacher infrage kommt“, sagte Schnitzler. Früher wurde der Schrittmacher erst im sehr weit fortgeschrittenen Stadium implantiert, „im Mittel nach 14 Jahren Krankheitsdauer“.

Inzwischen sei der Zeitraum bis zur Implantation auf die Hälfte reduziert – in Einzelfällen auch schon früher. „Ganz am Anfang der Erkrankung kann man mit einer medikamentösen Behandlung den Parkinson sehr gut kontrollieren“, verdeutlichte Schnitzler, sodass in dieser Phase die THS nicht angezeigt sei. Danach ginge das Hirnschrittmacher-Fenster für einige Jahre auf. Im weit fortgeschrittenen Erkrankungsstadium ließen die Effekte der THS deutlich nach, im Endstadium der Erkrankung schließlich bewirke der Hirnschrittmacher nichts mehr.

REFERENZEN:

1. 60. Wissenschaftliche Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologe und Funktionelle Bildgebung (DGKN), 16. bis 19. März 2016, Düsseldorf

Kommentar

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