Hartes Urteil: Laut Ethikrat steht das Patientenwohl nicht mehr explizit im Vordergrund der Krankenhausbehandlung

Christian Beneker

Interessenkonflikte

13. April 2016

Der Deutsche Ethikrat fordert das Selbstverständliche. Die Krankenhäuser in Deutschland sollen das Patientenwohl als ethischen Maßstab in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen. Tun sie das nicht?

Nein, meint der Rat. Das Patientenwohl stehe nicht explizit im Vordergrund der Krankenhausbehandlung. Wie er zu dieser Einschätzung kommt, das legt der Rat in seiner jüngsten Stellungnahme dar und gibt Empfehlungen, wie die Situation verbessert werden soll [1].

Unter „Patientenwohl“ versteht das Gremium erstens die „selbstbestimmungsermöglichende Sorge für den Patienten“, zweitens die „gute Behandlungsqualität“ und drittens eine „Zugangs- und Verteilungsgerechtigkeit“, heißt es in einer Pressemitteilung. Um diese 3 Kriterien besser erfüllen zu können, brauche es eine bessere Kommunikation der Versorgenden untereinander und mit den Patienten, mehr Pflegestellen und ein weiterentwickeltes DRG-System, erklärt der Rat.

Kinder und weitere Patientengruppen benachteiligt

 
Was wir in den Krankenhäusern bei den Pflegenden und Ärzten erleben, das ist teilweise Verzweiflung. Prof. Dr. Thomas Heinemann
 

Derzeit gerieten vor allem Kinder und Jugendliche, Alte, demente Patienten und Migranten im Krankenhaus ins Hintertreffen. Ihnen stehen die Ressourcen und die Leistungen des Krankenhauses nicht so zur Verfügung wie den übrigen Patienten. So gab es zum Beispiel 1991 noch 440 Abteilungen für Kinderheilkunde mit 31.708 Betten, 2013 waren es noch 364 Abteilungen mit 19.199 Betten. Die Anzahl der Abteilungen für Kinderchirurgie sank von 99 auf 80. Zwar gebe es auch immer weniger Kinder in Deutschland. Aber die Zahl der stationären Behandlungsfälle bleibe etwa konstant, hieß es. „Als Konsequenz dieser Entwicklung nimmt die flächendeckende Versorgung ab“, so der Rat.

Der Rat beklagt außerdem vor allen Dingen die Erosion der Kommunikation zwischen den Berufsgruppen im Krankenhaus und mit den Patienten. „Was wir in den Krankenhäusern bei den Pflegenden und Ärzten erleben, das ist teilweise Verzweiflung“, sagt Prof. Dr. Thomas Heinemann vom Lehrstuhl für Ethik, Theorie und Geschichte der Medizin an der Universität Vallendar und Mitglied des Ethikrates, zu Medscape Deutschland. „Denn Ärzte und Pflegende können ihre berufsethischen Pflichten im Tagesablauf, so wie sie gefordert sind, nicht mehr umsetzen.“

Bei der Pflege wird als erstes gespart

Besonders laste der Druck auf der Pflege: Die „unsichtbaren“ und schwer messbaren Arbeiten würden hier als erste eingeschränkt, so der Rat: „Zuhören, Trost spenden, für Wohlbefinden sorgen, des Weiteren dann auch das Durchführen von Prophylaxen zur Verhinderung von Komplikationen (Dekubitus, Thrombose, Pneumonie, Kontrakturen), ferner auch Aktivitäten der Grundpflege, die entindividualisiert werden sowie überdies das Informieren, das Beantworten von Fragen und die Kommunikation mit dem Patienten über das Verhalten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus", erklärte Heinemann als die Stellungahme am 5. April in Berlin präsentiert wurde. Mit anderen Worten: Die Pflege kann nicht mehr das ihre tun.

Dabei legten die Patienten genau auf das besonderen Wert, was im Krankenhaus immer mehr fehlt, sagt Psychotherapeut und Ratsmitglied, Dr. Thomas Wunder, Leiter des Beratungszentrums Hamburg Alsterdorf, zu Medscape Deutschland. „Fragt man die Patienten, was ihnen am Krankenhausaufenthalt besonders wichtig war, so steht an erster Stelle die kommunikative Kompetenz der Pflegenden, an zweiter Stelle die Sauberkeit und das Essen und erst an dritter Stelle – enttäuschend für manchen Mediziner – der Behandlungserfolg“, sagt Wunder.

 
Wir haben im Pflegebereich über die Jahre einen Personalabbau, der sich gewaschen hat. Dr. Thomas Wunder
 

Die Patienten registrierten ganz genau: ‚Wie ist mit mir umgegangen worden?‘.“ Man könne auch den Praxistest machen und die Pflegenden in den Kliniken selbst fragen, meint Wunder: „Da werden Sie ihr Heureka erleben!“ Im Übrigen leide in den Kliniken auch die interkollegiale Kommunikation. „Das führt zum Beispiel zu teuren Doppeluntersuchungen.“

Die Empfehlungen des Rates

Der Ethikrat gibt 29 Empfehlungen, wie das Patientenwohl wieder in den Mittelpunkt gerückt werden kann. Zum Beispiel durch eine Honorierung der Arbeit der Ethik-Kommissionen in Krankenhäusern. Auch „sollte der zeitliche und organisatorische Aufwand bei den Vorgaben für die Vergütung innerhalb des DRG-Systems berücksichtigt werden. Dies betrifft sowohl die Kommunikation mit Patienten als auch die interprofessionelle Kommunikation“, heißt es.

Außerdem fordert der Rat unter anderem Zusatzentgelte für Patienten mit seltenen Erkrankungen oder die Möglichkeit, bei multimorbiden Patienten zusätzliche DRGs abrechnen zu können. Zur besseren Krankenhausversorgung für Patientengruppen mit besonderen Bedarfen empfiehlt der Ethikrat unter anderem, kinderspezifische DRGs einzuführen bzw. die Kindermedizin vom DRG-Abrechnungssystem zu entkoppeln.

Vor allem fordern die Ratsmitglieder, „Voraussetzungen für personelle Kontinuität in der Pflege“. Will sagen: Mehr Geld, um wenigstens den Stellenabbau zu stoppen. „Denn wir haben im Pflegebereich über die Jahre einen Personalabbau, der sich gewaschen hat“, kritisiert Wunder.

 
Das Krankenhaus und letztlich das ganze Gesundheitssystem bezieht seine ethische Rechtfertigung aus der Hilfe für Patienten. Prof. Dr. Christiane Woopen
 

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. erklärte dagegen in einer Stellungnahme zum Papier des Rates, seit 2007 seien in den deutschen Kliniken 30.000 neue Pflegestellen (Rund 20.400 Vollzeitstellen) geschaffen worden. Allerdings habe es vor 2004 laut des Deutschen Institutes für angewandte Pflegeforschung „bereits einen massiven Stellenabbau in der Pflege um mehrere zehntausend Stellen gegeben“. Zwar habe der Bund nun die 90-prozentige Förderung von 6.000 Pflegestellen zugesagt. „Aber das reicht nicht“, sagt Wunder. Der Rat spricht sich zudem für eine Mindestquote für vollexaminierte Pflegekräfte aus.

Auch für die Kommunikation etwa am Krankenbett solle der Gesetzgeber die DRGs anpassen. um den „zeitlichen und organisatorischen Aufwand“ der Patientengespräche zu finanzieren. Die Krankenhäuser ihrerseits sollen für eine kontinuierliche Kommunikationsfortbildung für Ärzte und Pflegende sorgen.

Allerdings reiche Geld allein nicht aus, betont Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende des Rates: „Jedes noch so gute Finanzierungssystem und alle noch so idealen Rahmenbedingungen sind in ihrer Wirkung darauf angewiesen, dass jeder Einzelne aus einer Grundhaltung der Patientenwohlorientierung heraus handelt. Das Krankenhaus und letztlich das ganze Gesundheitssystem bezieht seine ethische Rechtfertigung aus der Hilfe für Patienten.“

 

REFERENZEN:

1. Deutscher Ethikrat: Stellungnahme „Patientenwohl als ethischer Maßstab für das Krankenhaus“, 5. April 2016

 

Kommentar

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