Meinung

Digitalisierung auf dem Vormarsch – alles nur eine Frage der Generation?

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

13. April 2016

Mannheim – Der 122. DGIM-Kongress steht unter dem  Motto „Demografischer Wandel fordert Innovation“. Thema einer  Kongress-Pressekonferenz waren deshalb auch innovative Kommunikationswege über  eHealth, Telemedizin und Co. Medscape sprach  mit Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann,  Abteilung Community Medicine der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, und  mit Dr. Markus Müschenich,  Vorstandsmitglied im Bundesverband Internetmedizin (BiM), Berlin.

Medscape: Bei eHealth  denken viele nur an die elektronische Gesundheitskarte; was zählt noch dazu?

           

Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann

           

Prof. Dr. Hoffmann: eHealth  ist viel mehr – und meint die Unterstützung der medizinischen Versorgung durch  Informationstechnologie insgesamt. Dazu gehören die  Krankenhausinformationssysteme genauso wie Selbstmanagement-Portale für  Patienten oder die Telemedizin. eHealth hilft bei der Zusammenarbeit der  Gesundheitsprofis in der Behandlung eines Patienten, und idealerweise geschieht  dies papierlos und zügig. So lassen sich Wartezeiten und Doppeluntersuchungen  vermeiden.

Medscape: Was  macht die zunehmende Digitalisierung des Gesundheitswesen sonst noch möglich?

           

Dr. Markus Müschenich

           

Dr. Müschenich: Mit  Hilfe von eHealth oder Internetmedizin können vorliegende Befunde zur  fachärztlichen Abklärung oder zum Einholen einer Zweitmeinung zeitnah an einen  ärztlichen Kollegen versandt werden. Die meisten Befunde liegen heute ohnehin  in Dateiform vor, sogar manche Stethoskope funktionieren schon elektronisch.

Medscape: Ist die  Vermeidung von Doppeluntersuchungen durch eHealth bereits Realität – oder vertraut  nicht doch jede Klinik und jeder Facharzt lieber nur auf die selbst erhobenen  Befunde?

Dr. Müschenich: Das  Klischee, dass Klinikärzte prinzipiell die Befunde niedergelassener Kollegen  anzweifeln, gehört wohl weitgehend der Vergangenheit an. Sicherlich hat mancher  noch Vorbehalte, aber die Nutzung einmal generierter Patientenbefunde ist heute  Standard, schon aus Kostengründen.

Prof. Dr.  Hoffmann: In einigen Bereichen existieren bereits klare Vorgaben  oder sie sollen laut eHealth-Gesetz jetzt zeitnah präzisiert und beschlossen  werden, etwa bei der Teleradiologie oder auch der Videokonsultation. In vielen anderen  Bereichen dagegen ist der Austausch von Patientendaten noch nicht genau  geklärt.

 
Wir Ärzte sollten es als unsere Aufgabe ansehen, unseren Patienten Empfehlungen zu geben, wie sie seriöse und wissenschaftlich fundierte Portale finden können. Prof. Dr. Wolfgang Hoffmann
 

Medscape: Wo  liegen die Probleme?

Prof. Dr.  Hoffmann: Vorrangig bei dem Menschen, der die Befunde versendet:  Mancher hat heute noch Zweifel hinsichtlich der Datensicherheit bei der  Übertragung sowie der Fälschungssicherheit und Rechtsverbindlichkeit der elektronischen  Arztsignatur. Wir erleben momentan eine sehr komplexe Situation, eine  Umbruchsituation.

Medscape: Wie kann  man denn die Übertragungssicherheit gewährleisten, damit die Daten nicht in  falsche Hände geraten, etwa in die von Versicherern oder Arbeitgebern?

Prof. Dr.  Hoffmann: An der Gewährleistung der Datensicherheit wird intensiv  gearbeitet. Die technischen Voraussetzungen für die elektronische Fallakte  sollten bald gegeben sein, bei einer umfassenden elektronischen Patientenakte  wird es noch etwas länger dauern. Ganz unabhängig von Datenschutz und  Datensicherheit wird auch die durch eHealth aufkommende Transparenz der  ärztlichen Arbeit allerdings nicht von allen begrüßt, dazu kommen noch diffuse  Ängste vor den elektronischen Medien, die bei einigen älteren Kollegen noch  bestehen. Die Patienten haben heute schon viel weniger Probleme mit dem  Gedanken, dass der Datenaustausch zwischen ihren Ärzten künftig elektronisch abläuft.

Medscape: Werden  die Daten lediglich elektronisch übermittelt oder auch in einer abgesicherten  Cloud gespeichert?

Prof. Dr.  Hoffmann: Eine zentrale Speicherung etwa von Patientenakten ist  derzeit noch nicht vorgesehen, selbst deren Erfassung auf der individuellen  elektronischen Gesundheitskarte liegt noch in weiter Ferne. Ab Juli 2016 werden  erst einmal die Stammdaten der Patienten auf der Gesundheitskarte verfügbar  sein und müssen überprüft werden; ab Januar 2018 sollen dann auch die Daten zur  Notfallversorgung und zur Medikation dezentral auf der Karte gespeichert sein.

Medscape: Werden  die Patienten denn auch direkt von den neuen Optionen profitieren und selbst  Zugriff auf ihre Daten haben?

Prof. Dr.  Hoffmann: Es ist bereits jetzt gesetzlich geregelt, dass der  Patient die Hoheit über seine Daten hat. er kann jederzeit eine Kopie der ihn  betreffenden Befunde und Arztbriefe anfordern. Das wird durch die elektronische  Übermittlung künftig noch einfacher möglich sein, auch wenn der Patient dafür  kein eigenes Lesegerät hat.

Medscape: Gibt es  dabei Grenzen? Würde mit einer vollständigen Datenfreigabe nicht der intuitiven  Selbstbehandlung ohne ärztliche Konsultation Tür und Tor geöffnet?

Dr. Müschenich: Viele  Dinge können vom Patienten selbst geregelt werden. So kann einfaches  Grundlagenwissen über die Bedeutung leichter Krankheitssymptome – Dinge, die  früher die im Haushalt lebende Großmutter in ihrem Erfahrungsschatz hatte –  heute im Rahmen der Internetmedizin aus anderen Quellen abgerufen werden.  Sicherlich ist nicht jeder der jährlich 590 Millionen Arztbesuche in  Deutschland dringend notwendig. Darüber hinaus profitieren chronisch kranke  Menschen, etwa Menschen mit Diabetes, zwischen den vierteljährlichen  Facharztbesuchen von der Nutzung spezieller Internetportale.

Prof. Dr.  Hoffmann: Wir  als Ärzte können und sollten es deshalb als unsere Aufgabe ansehen, unseren  Patienten Empfehlungen zu geben, wie sie seriöse und wissenschaftlich fundierte  Portale finden und erkennen können.

Medscape: Patienten nutzen nicht nur Internetportale, sondern auch zahlreiche  Gesundheits-Apps und generieren damit große Datenmengen, die einige gern zum  Arztbesuch mitbringen. Ist es dem Arzt im Zeitalter der  Acht-Minuten-Konsultationen überhaupt möglich, darauf einzugehen?

Dr. Müschenich: Mit  Messwerten, die bislang so nicht zur Verfügung standen, wie etwa lückenlosen  Blutzucker- oder Fieberkurven, können wir bessere Medizin machen. Und als gute  Ärzte wollen wir eine bessere Medizin; wir sollten uns dem nicht verschließen,  sondern unseren Patienten auf Augenhöhe begegnen.

 
Die Internetmedizin wird sich als ein dritter Sektor neben der ambulanten und der stationären Medizin etablieren. Dr. Markus Müschenich
 

Medscape: Gibt es  Unterschiede in der Akzeptanz von eHealth bzw. Internetmedizin durch jüngere  vs. ältere Mediziner?

Prof. Dr.  Hoffmann: Durchaus: die traditionelle IT-Ferne vieler Mediziner ist  ein Hindernis für die Umsetzung der geplanten umfassenden  Telematik-Infrastruktur. Diese Probleme werden sich aber ganz von selbst lösen,  wenn eine jüngere Generation von Ärzten nachrückt, die mit diesen technischen  Möglichkeiten ganz selbstverständlich im Alltag umgeht. Und mit kollegialer  Arbeitsteilung, innerhalb der Ärzteschaft ebenso wie über die Grenzen der  Medizinberufe hinweg, haben die jüngeren Kollegen kaum Probleme.

Dr. Müschenich: Letztlich ist es eine Frage von Präferenzen und Engagement, auch über die  Altersgrenzen hinaus, und entsprechend ihren Präferenzen werden Ärzte und  Patienten zueinanderfinden. Langfristig  werden die analogen Methoden jedoch verschwinden und die Internetmedizin wird  sich gewissermaßen als ein dritter Sektor neben der ambulanten und der  stationären Medizin etablieren, als ein Sektor, der alles miteinander  verbindet.

Medscape: Die  Digitalisierung des Gesundheitswesen soll nun aber nicht erst in einigen  Jahren, sondern bereits jetzt beginnen. Der Gesetzgeber hat Vertragsstrafen  angedroht, wenn dies nicht funktioniert. Was kann jetzt getan werden, um die  Vorgänge zu beschleunigen?

Prof. Dr.  Hoffmann: Es tut sich ja schon einiges, es gibt durchaus gute  Beispiele. Dazu gehört etwa die Initiative der Bundesärztekammer in der AG  Telemedizin unter Leitung von Dr. Franz Joseph Bartmann, dem Präsidenten der  Ärztekammer Schleswig-Holstein. Darin wird betont, dass Telemedizin keine neue  und eigene Richtung der Medizin ist, sondern ein integraler Bestandteil der  alltäglichen ärztlichen Versorgung – eben nur mit elektronischen Mitteln. Diese  Betrachtungsweise nimmt der Telemedizin und eHealth insgesamt den falschen  Nimbus eines Paradigmenwechsels und diese realistische Verortung kann ihre  Implementierung in der Versorgung erleichtern. Wichtig ist, dass die Umsetzung  nicht vom grünen Tisch aus erfolgt, sondern dass ärztlicher und technischer  Sachverstand einbezogen wird.

Erfolgversprechendes  Beispiel für Telemedizin
           
           
Das vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Bayern entwickelte telemedizinische Expertenkonsil PädExpert® vernetzt niedergelassene Kinder- und Jugendärzte  und spezialisierte Pädiater digital. Damit wird die Versorgung von Kindern und  Jugendlichen mit seltenen oder schwer einstellbaren chronischen Krankheiten in  diesen Regionen deutlich verbessert. Lange Anfahrtswege und Wartezeiten durch  Überweisungen zum Facharzt können oftmals entfallen.
           
           
„Es ist für uns wichtig, dass wir rasch und ohne  großen Aufwand einen Experten konsultieren können“, betonte Dr. Martin Lang, Kinder-  und Jugendarzt, Bayerischer Vorsitzender der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ),  Augsburg, bei einer DGIM-Pressekonferenz in Mannheim. Dafür bieten sich  Projekte wie PädExpert®  als Lösung an.
           
           
Erste Erfahrungen aus der Pilotphase 2014/15 mit etwa 500 Kindern zeigen,  dass 70% der Patienten bzw. ihre Eltern gern auf den zusätzlichen  Facharztbesuch verzichteten, dass sich 63% der Fälle durch telemedizinischen  Rat lösen ließen und dass die Zeit von der Anfrage an den Facharzt bis zur  sicheren Diagnose von durchschnittlich 24 auf 8 Tage verkürzt wurde.
           
           
Besonders gut angenommen wurde das internetbasierte System von jüngeren  Ärzten, berichtete Lang. „Eine besondere Ausrüstung benötigen die teilnehmenden  Kinderärzte nicht, ein Internetanschluss genügt“, erklärte er auf Nachfrage von Medscape Deutschland. Auch Daten von  Patienten-Apps werden einbezogen. Die Datenübertragung erfolgt verschlüsselt.  Der deutschlandweite Einsatz des Telemedizin-Systems ist ab dem 1. Juli 2016  geplant.

 

REFERENZEN:

1. 122. Kongress der Deutschen Gesellschaft für  Inneren Medizin, 9. bis 12. April 2016, Mannheim

 

Kommentar

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