Doch nicht mehr Kaiserschnitte nach Geburtseinleitung – zumindest nicht bei Erstgebärenden ab 35

Petra Plaum

Interessenkonflikte

12. April 2016

Eine Geburtseinleitung bei einer Schwangeren, die 35 oder älter ist und sich in der 40. SSW befindet, beeinflusst nicht die Wahrscheinlichkeit einer Sectio. Das ist das Ergebnis einer vor kurzem im New England Journal of Medicine veröffentlichten britischen Studie [1].

PD Dr. Dietmar Schlembach

„Insgesamt 619 Frauen wurden randomisiert“, berichtet das Autorenteam um Kate F. Walker von der Division of Child Health, Obstetrics and Gynaecology, School of Clinical Sciences des Universitätsklinikums Nottingham. „Eine Intention-To-Treat-Analyse ergab keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Teilnehmerinnengruppen, was die Kaiserschnittrate anging.“ Auch was mütterliches und kindliches Outcome, den Anteil an vaginal-operativen Entbindungen und die Zufriedenheit der Mütter mit dem Geburtsverlauf anging, gab es keine signifikanten Unterschiede.  

PD Dr. Dietmar Schlembach, Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin im Vivantes-Klinikum Neukölln in Berlin und in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe engagiert, lobt: „Das Design der Studie ist für die Fragestellung sehr gut.“ Da sich die Betreuung und das Einleitungs-Regime in Großbritannien und Deutschland weitgehend gleichen, gelte: „Das Kernergebnis dieser Studie – die Einleitung vor dem Termin erhöht nicht die Rate an Kaiserschnitten – ist durchaus übertragbar. Ob dies jedoch auch für kleinere Belegabteilungen in Deutschland zutrifft, die oft eine hohe Kaiserschnittrate haben, ist nicht mit Sicherheit zu sagen.“ Grundvoraussetzung dafür wäre ein gutes geburtshilfliches Team mit ausreichender Erfahrung, merkt er an. 

Einfluss auf Sectiorate bei über 35-Jährigen untersucht

Grundsätzlich empfehlen sowohl britische als auch deutsche Gynäkologen einen Einleitungsversuch ohne weitere medizinische Indikationen, wenn der errechnete Entbindungstermin um eine Woche überschritten ist. Faktoren wie Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie, Makrosomie oder Wachstumsretardierung des Kindes sprechen dafür, diese Maßnahme früher anzubieten. Walker ergänzt noch einen Grund: „Das Risiko für einen Tod im Mutterleib zum Entbindungstermin hin ist unter Frauen ab 35 höher als unter Jüngeren”, schreibt sie.  

Unklar war aus älteren Studien jedoch, wie häufig die Einleitung vor Termin dann doch zum Kaiserschnitt führt: Einige kamen zu dem Ergebnis, dass vor allem Spätgebärende nach Einleitungen eher per Kaiserschnitt entbinden als spontan. Andere legen nahe, dass die Einleitung nach der 37. Schwangerschaftswoche die Kaiserschnittrate eher senkt. Speziell für die Gruppe der Erstgebärenden ab 35 Jahre wollten Walker und ihre Kollegen mehr Klarheit schaffen.

Für ihre Studie mit dem Namen 35/39 Trial rekrutierten die Wissenschaftler in den Jahren 2012 bis 2015 an 39 britischen Kliniken werdende Mütter mit Einlingsschwangerschaften in der 37. Woche. Alle hatten ein insgesamt niedriges Risikoprofil mit Feten in Schädellage.

Das Kernergebnis dieser Studie – die Einleitung vor dem Termin erhöht nicht die Rate an Kaiserschnitten – ist durchaus (auf Deutschland) übertragbar. PD Dr. Dietmar Schlembach

305 Frauen wurden der Einleitungs-Gruppe zugeteilt. 314 bildeten die Kontrollgruppe, in der der Geburtsbeginn ohne Intervention abgewartet werden sollte. Bei der Einleitungs-Gruppe wurde die Induktion in Schwangerschaftswoche 40 anvisiert, und zwar dem üblichen Regime der Entbindungsklinik entsprechend – mit Prostaglandinen und/oder Blasensprengung und/oder Oxytocin. 

Gesunde Babys und zufriedene Mütter

Da einige Babys spontan vorzeitig ans Licht der Welt drängten bzw. mit Notkaiserschnitt geholt werden mussten, wurde schlussendlich nur bei 265 Müttern in der Induktions-Gruppe die Geburt zum geplanten Zeitpunkt eingeleitet. Bei 297 Frauen in der Kontrollgruppe kamen die Kinder wie beabsichtigt ohne Induktion bzw. mit medizinisch indizierter Induktion zu einem anderen Zeitpunkt zur Welt. Wie häufig eine Einleitung binnen kurzer Zeit produktive Wehen auslöste und wie lange es jeweils von der Intervention bis zur Geburt dauerte, verraten die Autoren in dieser Veröffentlichung nicht. 

Sectiones erhielten 98 von 304 Frauen (32%) in der Einleitungs-Gruppe und 103 von 314 Frauen (33%), bei denen die Ärzte den Wehenbeginn abzuwarten planten. Insgesamt erwies sich die Einleitung in SSW 40 als sicher.

Bei der Umfrage, wie zufrieden sie mit ihrem Geburtsverlauf waren, zeigten sich die Frauen aus der Einleitungs-Gruppe noch ein wenig zufriedener als die der Kontrollgruppe (Childbirth Experience Questionnaire-Score 3,03 vs 2,96 von maximal 4,00). Der Unterschied war jedoch nicht signifikant. Und das, obwohl es in der Gruppe mit Einleitung mehr vaginal-operative Entbindungen gab – 115 (38%) in der Induktions-Gruppe, 104 (33%) in der Kontrollgruppe.

Größere Studien müssten nun klären, ob es mehr Totgeburten oder schwere unerwünschte Ereignisse nach Geburtseinleitungen gebe, fordern die Autoren. Dem schließt sich NEJM-Kommentator Dr. William A. Grobman von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago an [2]. Er schreibt, dass in den USA gerade eine solche Studie mit 6.000 Frauen ausgewertet werde.

Schlembach wünscht sich von künftigen Studien zu diesem Thema darüber hinaus Antworten auf Fragen wie: „Wenn die frühe Einleitung einen Benefit für Mutter und Kind hat – wie hoch ist die Number Needed to Treat und wie ist das abhängig vom Alter der Mutter? Welche Vor- oder Nachteile hat die Einleitung bei Makrosomie?“

Deutschland sollte außerdem eigene Multicenterstudien auflegen und seine Daten analysieren, was zurzeit durch die Arbeitsgemeinschaft Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe vorangetrieben werde.

REFERENZEN:

1. Walker KF, et al: NEJM 2016;374:813-822

2. Grobman W: NEJM 2016;374:880-881

Kommentar

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