Neue Zulassungsempfehlungen der EMA: Gentherapie gegen tödlichen Immundefekt und erstes orales Fabry-Medikament

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

4. April 2016

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) hat bei seinem jüngsten Treffen Ende März 7 neue Arzneimittel zur Zulassung empfohlen, darunter auch ein Advanced Therapy Medicinal Product (ATMP) und eine zweite Sacubitril/Valsartan-Kombination zur Herzinsuffizienz-Therapie [1].

ADA-Mangel-SCID: (Kurzes) Leben ohne Immunabwehr

Strimvelis® ist eine neue Gentherapie zur Behandlung von Patienten mit ADA-Mangel-SCID (schwerer kombinierter Immundefekt – SCID – mit Adenosin-Desaminase (ADA)-Mangel), für die kein passender Spender für eine Stammzelltransplantation gefunden wird. Strimvelis® ist nicht nur als Orphan-Arzneimittel designiert, sondern auch als ATMP. Dabei handelt es sich nach Definition der EMA um Arzneimittel, die auf Genen, Zellen oder Geweben basieren und die „bahnbrechende neue Möglichkeiten für die Behandlung von Krankheiten und Verletzungen eröffnen“. ATMPs werden zentral durch die EMA zugelassen und profitieren deshalb von einem einzigen Überprüfungs- und Autorisierungsprozess.

Kinder, die mit ADA-Mangel-SCID geboren werden, haben keinerlei Immunität zur Abwehr von bakteriellen, viralen oder fungalen Infektionen. Die extrem seltene Erkrankung wird durch eine von beiden Elternteilen vererbte Genmutation verursacht, die die Produktion des Enzyms ADA stoppt. ADA ist notwendig, um Desoxyadenosin zu spalten, geschieht dies nicht, häuft sich die Substanz an und zerstört die für die Infektionsbekämpfung notwendigen Lymphozyten.

Unbehandelt führt die Krankheit innerhalb der ersten beiden Lebensjahre zum Tod. Bislang gibt es in der EU noch kein zugelassenes Medikament zur Behandlung von ADA-SCID.

Empfehlung für Entresto®-Kopie

Neparvis® (Sacubitril/Valsartan) zur Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion erhielt ebenfalls eine positive Einschätzung des Komitees. Die Empfehlung von Sacubitril/Valsartan basiert auf den Antragsunterlagen des Referenzproduktes Entresto® (Informed-Consent-Application).

Das im November 2015 zugelassene Herzinsuffizienz-Therapeutikum Entresto® hat gerade im Rahmen einer frühen Nutzenbewertung durch das IQWiG einen „beträchtlichen Zusatznutzen“ zugesprochen bekommen, wie der Hersteller Novartis Anfang April mitteilte.

In der zulassungsrelevanten Studie PARADIGM-HF war die Kombination aus Sacubitril und Valsartan der Standardtherapie für chronische Herzinsuffizienz, dem ACE-Hemmer Enalapril, signifikant überlegen gewesen. Die abschließende Entscheidung über den Zusatznutzen trifft der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Juni 2016.

Antikörper bei therapierefraktärem Multiplem Myelom

Eine bedingte Marktzulassung empfiehlt das CHMP-Komitee auch für den monoklonalen Antikörper Darzalex® (Daratumumab), ein Medikament zur Behandlung von rezidivierten und therapierefraktären multiplen Myelomen. Als Orphan-Arzneimittel wurde Daratumumab einer beschleunigten Überprüfung unterzogen.

Es soll bei Patienten eingesetzt werden, die schon mit einem Proteasom-Inhibitor und einer immunmodulierenden Substanz behandelt wurden, deren Erkrankung aber nach der Behandlung schlimmer wurde.

Die Zulassungsempfehlung basiert auf 2 Studien. In einer davon, mit 106 Patienten, schrumpften die Tumoren bei 29% der Patienten über einen Zeitraum von durchschnittlich 7,4 Monaten. In der 2. Studie gingen die Tumoren bei 36% der Patienten zurück. Teil der bedingten Marktzulassung ist, dass der Hersteller noch weitere Daten nachliefern muss. Bis dahin wird Daratumumab jährlich erneut daraufhin überprüft, ob die bedingte Zulassung aufrechterhalten werden kann.

Erste orale Therapie für Morbus Fabry

Mit Galafold® (Migalastat) empfiehlt das CHMP das erste orale Therapeutikum für die Behandlung des Morbus Fabry in Europa. Bislang gab es für Fabry-Patienten nur eine Enzymersatztherapie in Form von Infusionen.

Migalastat, auch ein Orphan-Arzneimittel, hat eine andere Funktionsweise als die Enzymersatztherapie. Es bindet an das defekte Alpha-Galaktosidase-A-Enzym und ermöglicht so dessen Transport an den Wirkort und stellt damit die Aktivität wieder her. Migalastat darf nur bei Patienten mit spezifischen Mutationen eingesetzt werden, von denen man weiß, dass sie auf den Wirkstoff ansprechen.

Die Empfehlung des CHMP basiert auf den Ergebnissen zweier Phase-3-Studien mit etwa 110 Patienten, die genau diese Mutationen hatten. In den Untersuchungen erwies sich Migalastat sowohl gegenüber Placebo als auch gegenüber einer Enzymersatztherapie langfristig als wirksam.

Pandemieschutz: Neuer Vogelgrippe-Impfstoff

Europa soll künftig besser auf Grippe-Pandemien vorbereitet sein, unter anderem mit dem ersten pandemischen attenuierten Lebendimpfstoff gegen die Vogelgrippe H5N1 des Herstellers MedImmune, den das CHMP nun zur Zulassung empfohlen hat.

Eine weitere Zulassungsempfehlung hat der monoklonale Antikörper Flixabi (Infliximab) erhalten: Er wird vom CHMP empfohlen zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis, von Morbus Crohn bei Erwachsenen und Kindern, Colitis ulcerosa, pädiatrischer Colitis ulcerosa, Spondylitis ankylosans, psoriatrischer Arthritis und Psoriasis.

Außerdem wird ein Generikum, Palonosetron Accord® (Palonosetron), durch das CHMP zur Zulassung empfohlen. Es dient der Prävention von Übelkeit und Erbrechen unter Chemotherapie.

Neue und abgeschlossene Reviews

Das Komitee hat die erneute Überprüfung von Dropcys® (Mercaptamin) mit negativem Ergebnis abgeschlossen. Mercaptamin ist ein Medikament, das gegen Cystinose der Cornea eingesetzt werden soll. Das CHMP hatte sich schon im Dezember 2015 gegen die Marktzulassung ausgesprochen. Daraufhin hatte der Hersteller eine erneute Überprüfung beantragt, die nun erneut zu einem negativen Fazit kommt.

Neue Überprüfungsverfahren startete das CHMP zum einen zu Medikamenten mit dem Antibiotikum Vancomycin. Dieser Review ist Teil der Bemühungen des Gremiums, die Produktinformationen älterer antibakterieller Substanzen im Hinblick auf die Bekämpfung antimikrobieller Resistenzen zu aktualisieren.

Ein weiterer Review beschäftigt sich mit Symbioflor 2® (Escherichia coli-Bakterien). Das Präparat ist in einigen EU-Staaten zur Behandlung von Magen-Darm-Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom zugelassen.

Außerdem überprüft das CHMP Medikamente, für die Studien in einer bestimmten Einrichtung in Indien (Alkem BE) durchgeführt wurden. Dies geschieht aufgrund einer Good Clinical Practice (GCP)-Inspektion der Einrichtung, die Besorgnis hinsichtlich von Studiendaten aufgeworfen hat, die die Marktzulassungsanträge einiger Medikamente in Europa stützen sollen.

Drei Indikationserweiterungen

Für die Medikamente Halaven® (Eribulin), Humira® (Adalimumab) und Opdivo® (Nivolumab) empfiehlt das Komitee Indikationserweiterungen.

Eribulin, das bislang bei Brustkrebs zum Einsatz kam, soll nun auch bei erwachsenen Patienten mit nicht resezierbaren Liposarkomen angewendet werden können – wenn sie zuvor eine Therapie mit Anthrazyklinen erhalten haben.

Die Indikation von Adalimumab soll von schwer aktivem Morbus Crohn auf moderat bis schwer aktiven Morbus Crohn ausgeweitet werden.

Und Nivolumab soll auch in Kombination mit Ipilimumab zur Behandlung fortgeschrittener Melanome indiziert sein, wobei der Anstieg des progressionsfreien Überlebens unter Kombinationstherapie – verglichen mit der Monotherapie – nur bei Patienten mit niedriger Tumor-PD-L1-Expression etabliert ist.

 

REFERENZEN:

1. Meeting highlights from the Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP), 29. März bis 1. April 2016

 

Kommentar

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