Raus aus der Grauzone: Der Ethikrat spricht sich für eine gesetzliche Regelung der Embryonenspende aus

Christian Beneker

Interessenkonflikte

30. März 2016

Der Deutsche Ethikrat hat empfohlen, die Spende von Embryonen unter bestimmten Bedingungen gesetzlich zu erlauben [1]. Einige ethisch heikle Fragen zum Thema hat er aber ausgespart.

Nach der In-Vitro-Fertilisation (IVF) bleiben oft befruchtete Eizellen übrig, die nicht mehr in den Mutterleib eingepflanzt werden. Sie werden eingefroren und aufbewahrt für den Fall, dass ein erneuter Befruchtungszyklus nötig wird. Falls dies aber nicht eintritt, sind die befruchteten Eizellen „überzählig“.

Was tun mit diesen kleinen, potentiell zukünftigen Menschen? Manche Paare lassen die Embryonen einfrieren und spenden sie Elternpaaren, die keine Kinder bekommen können und in der Embryo-Adoption den einzigen Weg sehen.

Potenzielles menschliches Leben in der rechtlichen Grauzone

Was in vielen anderen Ländern wie England oder den USA gesetzlich geregelt ist, geschieht auch in Deutschland – allerdings in einer rechtlichen Grauzone. Die Embryonenspende „zur Austragung durch Dritte“ sei in Deutschland unter bestimmten Umständen weder verboten, noch klar geregelt, so der Ethikrat. Er hat nun empfohlen, die Embryo-Adoption zu erlauben und gesetzlich zu regeln.

Der Rat hat es als seine Aufgabe angesehen, die Gesetzeslücke in Deutschland zu schließen und die Umstände der Embryo-Adoption nicht der Vereinbarung privater Gruppen zu überlassen. Prof. Dr. Christiane Woopen

Zahlreiche Fragen sind dabei zu klären wie: Wer darf Embryonen adoptieren? Darf ein als Embryo adoptiertes Kind seine Spendereltern erfahren? Dürfen die Spender – und Empfängereltern einander aussuchen? Sollte das Kind seine soziale Elternschaft anfechten können? „Der Rat hat es als seine Aufgabe angesehen, die Gesetzeslücke in Deutschland zu schließen und die Umstände der Embryo-Adoption nicht der Vereinbarung privater Gruppen zu überlassen“, sagt Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, gegenüber Medscape Deutschland.

Die wichtigsten Empfehlungen des Ethikrates

Für eine Spende sollen nur bei der IVF übrig gebliebene Embryonen in Frage kommen und nur dann, wenn die Spendereltern ihre Familienplanung abgeschlossen haben oder aus Krankheitsgründen kein Kind mehr bekommen können. Die künstliche Herstellung von Embryonen eigens für die Adoption soll so verhindert werden.

Wenn ein Elternpaar einen Embryo spendet, gibt es nach den Vorstellungen des Rates auch seine Elternrechte und -pflichten an das Empfängerpaar ab. Mit dem Embryo erhält das Empfängerpaar also auch die rechtliche Elternschaft, es wird „ihr Kind“.

Beide Paare sollen rechtlich, medizinisch und psychologisch beraten werden. Spender- und Empfängereltern sollen wissen, dass das Kind ein Recht hat, seine Abstammung zu erfahren sobald es 16 wird. „Für uns steht der Schutz des Kindeswohls bei den Empfehlungen im Vordergrund“, sagt Woopen.

Darum schlägt der Rat eine Stelle vor, die die Identität beider Elternpaare und die Geburt des Kindes dokumentiert und die Daten 110 Jahre lang aufbewahrt. So soll jedes Kind die Möglichkeit erhalten, seine genetische Abstammung zu erfahren.

Die Frage, welche Elternpaare zueinander finden, solle eine „zentrale Einrichtung“ nach „ausgewiesenen Kriterien“ entscheiden, so der Rat, zum Beispiel das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Private Institutionen aber lehnt der Rat für diese Aufgabe ab.

Bei der Entscheidung könne auch die „phänotypische Passung“ von Embryo und Empfängerpaar eine Rolle spielen – also sollen die Eltern auch danach entscheiden können, ob ihr zukünftiges Kind ihnen ähneln könnte oder nicht. Nach Wunsch können die Elternpaare anonym bleiben oder sich kennenlernen. Diese Stelle soll auch die Zahlen der freigegebenen Embryonen, der Transfers, der Schwangerschaften und Geburten dokumentieren.

Je höher man den moralischen Status des Embryos einschätzt, also je mehr Würde und Lebenswert man ihm zuerkennt, umso weniger überzählige Embryonen möchte man haben. Prof. Dr. Christiane Woopen

Ethisch heikle Fragen ausgespart

Umstritten war im Rat, ob die Empfängereltern verheiratet sein sollten. Einig war man sich indessen darin, dass es 2 Elternteile sein sollen, die einen Embryo adoptieren dürfen.

Auch zur so genannten Dreierregel gehen die Meinungen im Rat auseinander. Die Regel besagt laut Embryonenschutzgesetz von 1990, dass bei einer IVF nicht mehr als 3 Embryonen erzeugt werden dürfen. In der Praxis werden aber mehr Embryonen hergestellt. „Je höher man den moralischen Status des Embryos einschätzt, also je mehr Würde und Lebenswert man ihm zuerkennt, umso weniger überzählige Embryonen möchte man haben“, sagt Woopen zu Medscape Deutschland.

14 Mitglieder des Rates befürworten eine erweiterte Auslegung der Dreierregel, 12 wollen eine striktere Interpretation. Letztere Gruppe stimmte einer möglichen Adoption vor allem deshalb zu, um wenigstens einigen der Embryonen eine Lebenschance zu eröffnen. Hier fordert der Rat den Gesetzgeber, er soll die Umsetzung der Dreierregel gesetzlich klarstellen.

Der Rat hat indessen eine im Zusammenhang mit der Embryonenspende wichtige Frage bewusst ausgelassen, und zwar die Frage, wie die imprägnierten Zellen im Vorkernstadium zu bewerten sind. Sind sie schon wie Embryonen zu bewerten oder nicht?

Was passiert mit ohne Spendeabsicht imprägnierten Zellen?

Die Spende dieser Pronukleid-Zellen (PN-Zellen) sei „nach einhelliger Auffassung des Ethikrates“ verboten, sagt Woopen [2]. Problematisch sei die Konstellation, in der die ohne „Spendeabsicht“ imprägnierte Eizelle, die sich im Vorkernstadium befindet, kryokonserviert wird, bevor man sie zu einem späteren Zeitpunkt auftaut und weiterkultiviert – nun allerdings in der Absicht, den dadurch entstehenden Embryo auf eine Frau zu übertragen, von der die Eizelle nicht stammt“, heißt es in er Stellungnahme des Rates.

Tatsächlich werden aber derzeit auch diese PN-Zellen aufgetaut und sobald sie ganz zum Embryo geworden sind, auf andere Frauen als die biologischen Mütter übertragen – zum Beispiel durch das Netzwerk Embryonenspende. Dr. Angelika Eder vom Vorstand des Netzwerkes erklärt im Gespräch mit Medscape Deutschland: „Bei den PN-Zellen ist das männliche Genom schon in der Eizelle und das kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.“ Für Eder sind also die PN-Zellen bereits befruchtet, beziehungsweise „Zellen unter Befruchtung“, wie sie sagt.

Sie sind besonders bei der IVF von Eizellen älterer Frauen entstanden, weil die Schwangerschaft nach IVF bei ihnen seltener eintritt – also mehr Versuche und mehr Embryonen gebraucht werden. Gerade bei diesen Frauen wird die Dreierregel weiter ausgelegt, „im Sinne der Patientinnen“, wie Eder sagt.

Seit Bestehen des Netzwerkes, also seit 2013, spendeten nach Angaben Eders 62 Elternpaare einen Embryo. 49 wurden transferiert. Daraus entstanden 15 Schwangerschaften, von denen 6 scheiterten – aber 9 Kinder wurden geboren. „Wir sprechen also von einer sehr geringen Anzahl“, so Eder.

Zugleich gingen jährlich rund 2.000 Elternpaare ins Ausland, um dort anonyme Embryospenden für sehr viel Geld zu erhalten, berichtet die Ärztin. „Das können wir absolut nicht unterschreiben!“ Eder wünscht sich deshalb eine Regelung „für die vielen tausend PN-Zellen, die in Deutschland lagern“. Immerhin gebe es bundesweit 131 reproduktionsmedizinische Zentren und auf der anderen Seite viele austherapierte Paare.

REFERENZEN:

1. Deutscher Ethikrat:Stellungnahme zur Embryospende, Embryoadoption und elterlichen Verantwortung, 22. März 2016

2. Pressekonferenz des Deutschen Ethikrates: Stellungnahme Christiane Woopen , 22. März 2016

Kommentar

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