Mehr Anerkennung auf dem Campus: Allgemeinmedizin beteiligt sich an der Uniklinik-Versorgung

Christian Beneker

Interessenkonflikte

23. März 2016

Endlich anerkannt? Am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und anderen Standorten der medizinischen Lehre hat sich die Allgemeinmedizin nicht nur in Lehre und Forschung etabliert – sondern auch in der Versorgung. Das Hamburger Institut betreut Patienten aus der Notaufnahme und in einem MVZ. Auf den Dresdner Campus arbeitet eine Hausarztpraxis, an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ebenso.

Prof. Dr. Martin Scherer

„Den Generalismus an den Universitätskliniken gab es fast nicht mehr“, sagt der Allgemeinmediziner Prof. Dr. Martin Scherer, Direktor des Institutes für Allgemeinmedizin am UKE. „Jeder ging mit seiner ‘Facharztbrille‚ über den Campus.“ Heute ist das vielerorts anders. Die Allgemeinmedizin sei als forschende, lehrende und versorgende Disziplin anerkannt. Allerdings ist nicht klar, inwieweit die bisherigen Modelle auf die Breite übertragbar sind. Jedenfalls gehen in der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) die Meinungen dazu auseinander.

Höhere Zufriedenheit, geringere Kosten

„Unsere ersten Gehversuche haben sich zu einem festen Versorgungsangebot am UKE entwickelt“, berichtet Scherer gegenüber Medscape Deutschland. Das Hamburger Institut hatte bereits im Herbst und Winter 2012 die Allgemeinmedizin in den Betrieb der zentralen Notaufnahme (ZNA) am UKE integriert und das Projekt 3 Monate lang evaluiert [1]. Alle Patienten, die zu Fuß ins Klinikum kommen, gehen seither zunächst durch die Allgemeinmedizin.

„Die allgemeinmedizinische Denke führt dazu, das Notwendige zu tun und das Unwesentliche zu unterlassen“, sagt Scherer. Die Folgen waren direkt zu messen. Die Kosten pro Fall lagen im Vergleich zur Kontrollgruppe von ZNA-Patienten aus dem Oktober 2011 mit 16,76 Euro um sensationelle 67% (ohne Personalkosten) niedriger.

 
Die allgemeinmedizinische Denke führt dazu, das Notwendige zu tun und das Unwesentliche zu unterlassen. Prof. Dr. Martin Scherer
 

Allerdings waren im Zuge des Projektes auch wirklich Fachärzte am Werk und nicht, wie sonst oft in der Notaufnahme üblich, junge Assistenten. „Wir Fachärzte verursachen natürlich weit weniger Laborkosten oder solche durch Röntgenuntersuchungen“, räumt Scherer ein. „Insofern ist der Vergleich nicht ganz fair. Die jungen Leute trauen ihrem ärztlichen Blick noch nicht und greifen eher auf die apparative Medizin zurück, die dann natürlich Geld kostet.“

Während die Kosten sanken, stieg die Patientenzufriedenheit und konnte „von einem guten bis sehr guten Ausgangsniveau noch weiter verbessert werden“, wie es in der Studie heißt.

Allerdings fehlen harte Endpunkte. „Da hätten wir Nachbefragungen machen müssen, nachdem wir die Patienten entlassen haben“, so Scherer. „Allerdings war unser subjektiver Eindruck, dass die Patienten sehr gut versorgt wurden.“

Da belastbare Aussagen dazu nur durch größere Studien möglich seien, dürfte die Auswertung der 3 Monate mehr über die Kooperation der verschiedenen Fachdisziplinen mit der Allgemeinmedizin aussagen als über den medizinischen Erfolg des Projektes. Ein Erfolg: Sowohl die Studierenden als auch die Vertreter der anderen Disziplinen nehmen die Allgemeinmedizin nun als vollwertige Disziplin im Kanon der medizinischen Fächer wahr, hieß es.

Inzwischen versorgen die Ärzte des Hamburger Instituts für Allgemeinmedizin ihre Patienten auch in der allgemeinmedizinischen Ambulanz auf dem UKE-Gelände, dazu insgesamt 1.300 Flüchtlingen in einer Hamburger Notunterkunft und die betagten Patienten eines Seniorenheimes.

 
Die Wertschätzung durch die Kollegen ist so hoch, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Prof. Dr. Martin Scherer
 

„Die Wertschätzung durch die Kollegen ist so hoch, wie ich es mir nie hätte träumen lassen“, resümiert Scherer. „Unsere Tätigkeit profitiert von der guten Zusammenarbeit mit unseren Partnern außerhalb und innerhalb des UKE.“ Allerdings komme es für einen solchen Erfolg sehr auf das Vertrauen aller Akteure untereinander an, sagt Scherer. „Deshalb ist das Hamburger Modell auch nicht ohne weiteres auf andere Universitäten zu übertragen.“

Das Modell passt nicht überall

Kein Wunder also, dass etwas Ähnliches nur selten vorkommt auf einem medizinischen Campus in Deutschland. „Lediglich bei fünf von 36 allgemeinmedizinischen Universitätsabteilungen finden sich Angaben zur Patientenversorgung“, schreibt der Augsburger Hausarzt, Dr. Manfred Lohnstein in einem Kommentar der Zeitschrift für Allgemeinmedizin [2]. Lohnstein hatte eine entsprechende Befragung vorgenommen.

 
In Mecklenburg-Vorpommern ist es vielleicht schwer zu vermitteln, wenn die Allgemeinmediziner auf dem Campus ihre Patienten versorgen statt raus aufs Land zu gehen. Prof. Dr. Martin Scherer
 

Er und eine Gruppe weiterer Hausärzte aus den Reihen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) haben sich denn auch dafür ausgesprochen, „die Allgemeinmedizin auf jedem Campus in der Mitverantwortung für die Versorgung zu sehen“, so Lohnstein. Vor allem müsse dies unter der Regie des jeweiligen allgemeinmedizinischen Institutes geschehen, betont er. „Denn wenn der Geschäftsführer die Versorgung bestimmt, dann will er vor allem nur eines: Zuweisungen.“

Eine Gruppe von Aktivisten, zu der auch Lohnstein gehört, will auf dem kommenden Kongress der DEGAM im September einen Antrag durchbringen, der eine versorgende Allgemeinmedizin an jedem medizinischen Campus fordert. Allerdings wird in der DEGAM auch diskutiert, ob das Modell wirklich zu jedem Campus passt. Auch Scherer hat da seine Zweifel: „Hier in Hamburg gibt es genug Hausärzte“, sagt der Vizepräsident der DEGAM. „Aber in Mecklenburg-Vorpommern ist es vielleicht schwer zu vermitteln, wenn die Allgemeinmediziner auf dem Campus ihre Patienten versorgen statt raus aufs Land zu gehen.“

 

REFERENZEN:

1. Scherer M, et al: Z Allg Med. 2014;90(4):165

2. Lohnstein M: Z Allg Med. 2015;00(10):25

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....