Krebsprävention mit ASS: Funktioniert bei Darmtumoren – aber wer profitiert tatsächlich davon?

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

23. März 2016

Die regelmäßige Einnahme von niedrig dosierter ASS (Acetylsalicylsäure) über mindestens 6 Jahre – oder besser noch über 10 Jahre – reduziert, wenn auch in bescheidenem Maße, das Risiko, an irgendeiner Form von Krebs zu erkranken. Dies zeigt eine jüngst in JAMA Oncology veröffentlichte Studie, die mehr als 130.000 vorwiegend im Krankenpflegedienst tätige Personen in Amerika über mehrere Jahrzehnte retrospektiv untersucht hat [1].

Prof. Dr. Mathias Heikenwälder

© Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)

„Dies sind sehr interessante Daten. Klinisch von Bedeutung scheint jedoch vor allem der Effekt auf gastrointestinale Tumoren zu sein – und hier besonders auf das Darmkrebsrisiko“, kommentiert Prof. Dr. Mathias Heikenwälder, der am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg die Abteilung Chronische Entzündung und Krebs leitet, die Studienergebnisse gegenüber Medscape Deutschland. Und ergänzt: „An die präventive Effizienz eines regelmäßigen Darmkrebs-Screenings durch Koloskopie kommt dieser Effekt jedoch nicht heran.“

Die neuen Befunde bestätigen, was auch schon in früheren Studien gezeigt worden ist, nun an 2 sehr großen US-Kohorten (der Nurses’ Health Study, von 1980 bis 2010 und der Health Professionals Follow-up Study von 1986 bis 2012). In einem Beobachtungszeitraum von 32 Jahren traten bei den 88.084 männlichen  Studienteilnehmern20.414 Krebserkrankungen auf, bei den 47.881 Frauen waren es 7.571 Krebserkrankungen.

Die regelmäßige Einnahme von ASS zweimal oder häufiger pro Woche war mit einem um 3% geringeren Risiko für alle Arten von Krebserkrankungen assoziiert. Für dieses Ergebnis war jedoch vor allem ein um 15% geringeres Risiko für gastrointestinale Tumoren und besonders ein um 19% geringeres Darmkrebsrisiko verantwortlich.

Kein Schutz vor Brust-, Prostata- oder Lungenkrebs

Auf das Risiko für andere Krebsarten, wie Brust-, Prostata- oder Lungenkrebs, hatte die regelmäßige Einnahme von ASS dagegen keinen Einfluss, wie Dr. Andrew T. Chan vom Massachusetts General Hospital in Boston und seine Kollegen berichten.

 
Es sind weder die Mechanismen bekannt, … noch welche Nebenwirkungen eine jahrzehntelange Therapie mit ASS möglicherweise haben könnte und welche Patientengruppen bevorzugt ASS zu sich nehmen sollten. Prof. Dr. Mathias Heikenwälder
 

DerU.S. Preventive Services Task Force reichte die Evidenzlage in punkto ASS zur Krebsvorsorge bereits letztes Jahr aus. Seither empfiehlt sie bestimmten Personengruppen niedrig dosierte ASS nicht mehr nur zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen, sondern auch zur Vorbeugung von Kolorektaltumoren.

In Deutschland existiert bis dato keine solche Empfehlung. Zu Recht, wie Heikenwälder findet: „Es sind weder die Mechanismen bekannt, die für den Effekt von ASS auf den Gastrointestinaltrakt verantwortlich sind, noch welche Nebenwirkungen eine jahrzehntelange Therapie mit ASS möglicherweise haben könnte und welche Patientengruppen bevorzugt ASS zu sich nehmen sollten.“

Zudem sei davon auszugehen, dass es viele Menschen gebe, bei denen ASS überhaupt keine Wirkung habe – „und die würden das Medikament trotzdem über viele Jahre einnehmen, wenn man die Therapie nach dem Gießkannenprinzip verteilen würde. Weiterhin ist auch nicht klar, ob ASS bei übergewichtigen oder älteren Patienten die Wirksamkeit verliert oder ob bei ihnen höher dosiert werden muss“, fügt er hinzu. Für eine generelle Empfehlung sei es deshalb zu früh, erst müsse herausgefunden werden, welche Patientengruppen tatsächlich auf eine solche ASS-Gabe ansprächen.

Gute Ergänzung zur Darmkrebsvorsorge?

Chan und seine Mitautoren sehen in der Langzeiteinnahme von ASS dagegen eine „gute Ergänzung zu bereits bestehenden Darmkrebs-Screening-Programmen“. Wie eine Subgruppenanalyse von Studienteilnehmern über 50 Jahren zeigte, war der präventive Effekt von ASS bei Personen, die nicht zur Darmkrebsvorsorge gingen, höher (Risikoreduktion um 17%). Er war aber auch bei denjenigen, die am Screening teilnahmen, vorhanden (Risikoreduktion um 8,5%).

In einem Editorial schreiben Dr. Eduardo Vilar und seine Mitautoren vom University of Texas MD Anderson Cancer Center, Houston: „Der wohl wichtigste Beitrag der Studie ist die Untersuchung des Effekts auf Bevölkerungsebene und des absoluten Benefits von ASS im Kontext des Screenings … Dieser Befund ist wichtig, denn er zeigt, dass ASS zum einen das Darmkrebs-Screening ergänzen könnte, zum anderen aber unabhängig vom Koloskopie-Status einen absoluten Benefit aufweist.“ Dies sei eine entscheidende Information, die andere Studien bisher nicht geliefert hätten [2].

 
Die Wahrscheinlichkeit, Darmkrebs zu bekommen, wird durch die regelmäßige Teilnahme am Screening massiv reduziert. Die ASS-Therapie eröffnet eine weitere Möglichkeit, das Risiko zu reduzieren. Prof. Dr. Mathias Heikenwälder
 

„Die Wahrscheinlichkeit, Darmkrebs zu bekommen, wird durch die regelmäßige Teilnahme am Screening massiv reduziert. Die ASS-Therapie eröffnet eine weitere Möglichkeit, das Risiko zu reduzieren. Das sind die guten Neuigkeiten“, resümiert Heikenwälder. „Es sollte jedoch in Zukunft genau abgewogen werden, welchen Patientengruppen man diese jahrelange Therapie verabreicht, insbesondere wenn man ihr den damit verbundenen Aufwand und das Restrisiko für den Patienten gegenüberstellt“, sagte er.

Auch die Autoren um Chan räumen ein, dass für ein besseres Risiko-Nutzen-Verhältnis noch Möglichkeiten zur Patientenstratifizierung fehlen: „Genetische und molekulare Biomarker als Basis eines präzisionsmedizinischen Ansatzes könnten hilfreich dabei sein, Personen zu identifizieren, die am ehesten von der Langzeittherapie mit ASS profitieren und mit geringster Wahrscheinlichkeit Schaden nehmen.“

 

REFERENZEN:

1. Cao Y, et al: JAMA Oncology (online) 3. März 2016

2. Vilar E, et al: JAMA Oncology (online) 3. März 2016

 

Kommentar

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