Adipositas und orale Kontrazeption – das Risiko für zerebrale venöse Thrombosen ist erhöht

Dr. Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

22. März 2016

Die Einnahme oraler Kontrazeptiva erhöht das Risiko für eine zerebrale venöse Thrombose (CVT), und zwar besonders dann, wenn die Frauen gleichzeitig adipös sind. Dies ergab eine von der Arbeitsgruppe um Dr. Jonathan Coutinho vom Academic Medical Centre in Amsterdam durchgeführte Fallkontrollstudie, die in JAMA Neurology publiziert worden ist [1].

 
Eine bessere Beratung und Unterweisung von übergewichtigen Frauen zu ihrem erhöhten Risiko wäre sinnvoll. Dr. Chirantan Banerjee
 

„Das absolute Risiko ist jedoch klein“, räumen die Autoren ein. Und: Eine zurückhaltende Anwendung oraler Kontrazeptiva ist ihrer Meinung nach nicht sinnvoll, denn „hierdurch kann die die Zahl unerwünschter Schwangerschaften und auch die Zahl Schwangerschafts-bedingter Thrombosen steigen.“

Auch Dr. Chirantan Banerjee, Department of Neurology, Medical University of South Carolina, Charleston, bestätigt im begleitenden Editorial, dass das absolute CVT-Risiko bei adipösen Frauen, die orale Kontrazeptiva einnehmen, gering sei und die Einnahme der „Pille“ nicht ausschließen sollte [2]. Er weist jedoch darauf hin, dass adipöse Frauen, die orale Kontrazeptiva nehmen, auch ein erhöhtes Risiko für einen arteriellen ischämischen Schlaganfall haben. „Eine bessere Beratung und Unterweisung von übergewichtigen Frauen zu ihrem erhöhten Risiko wäre sinnvoll, ebenso wie Überlegungen zu einer alternativen, nicht hormonalen Form der Empfängnisverhütung.“

Zerebrale venöse Thrombosen manifestieren sich in zerebralen Venen und Sinus. Sie sind sehr viel seltener als tiefe Beinvenenthrombosen oder Lungenembolien. Sie treten geschätzt mit einer Häufigkeit von 3 bis 4 Fällen pro 1 Mio. Erwachsener pro Jahr auf. Wie die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft im Dezember 2013 berichtete, erhöht die Einnahme oraler Kontrazeptiva das CVT-Risiko etwa um das Sechsfache.

 
Adipöse Frauen sollten über das erhöhte Thromboserisiko informiert werden, wenn sie orale Kontrazeptiva verwenden, insbesondere bei gleichzeitigem Vorliegen weiterer Risikofaktoren. Dr. Jonathan Coutinho und Kollegen
 

Das Risiko für eine tiefe Beinvenenthrombose und Lungenembolie steigt auch durch Übergewicht. Weil jedoch bislang unklar war, ob das CVT-Risiko mit zu hohem Körpergewicht ebenfalls zunimmt, ging die Arbeitsgruppe um Coutinho in einer Fall-Kontroll-Studie der Frage nach, ob Adipositas ein Risikofaktor für eine CVT ist. Sie analysierten hierzu die Daten von 186 Patienten, die im Academic Medical Center in Amsterdam und im Inselspital in Bern mit einer CVT aufgenommen worden waren. Sie verglichen sie mit den Daten von 6.134 gesunden Kontrollpersonen.

CVT bei Frauen häufiger

Die CVT-Patienten waren überwiegend weiblich (71,5 versus 52,5%), jünger (40 versus 48 Jahre), und sie verwendeten häufiger orale Kontrazeptiva (72,9 versus 23,5% der Frauen). Darüber hinaus waren sie zuvor häufiger an Krebs (9,1 versus 3,8%) erkrankt.

Ein Body-Mass-Index (BMI) ≥ 30 war mit einem erhöhten CVT-Risiko assoziiert (Odds-Ratio 2,63). Die Stratifizierung der Daten nach dem Geschlecht ergab, dass die Assoziation zwischen Adipositas und CVT-Risiko bei Frauen mit einer Odds-Ratio von 3,5 besonders deutlich, bei Männern (OR 1,16) jedoch nicht nachweisbar war.

CVT-Risiko steigt mit zunehmendem Übergewicht

Weitere Analysen ergaben, dass das CVT-Risiko bei Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen, mit steigendem Körpergewicht zunahm: Bei einem BMI von 25,0 bis 29,9 lag das OR bei 11,87, bei einem BMI ≥ 30 bei 29,26. Damit war das CVT-Risiko von stark übergewichtigen Frauen, die orale Kontrazeptiva einnahmen, 30-fach höher als bei Frauen mit normalem Körpergewicht, die keine oralen Kontrazeptiva nahmen.

Trotz insgesamt niedrigem absoluten CVT-Risiko sollten „adipöse Frauen über das erhöhte Thromboserisiko informiert werden, wenn sie orale Kontrazeptiva verwenden, insbesondere bei gleichzeitigem Vorliegen weiterer Risikofaktoren. Alternative Methoden zur Empfängnisverhütung, die das Thromboserisiko nicht erhöhen, wie Intrauterinpessare oder -spiralen, könnten diesen Frauen angeboten werden“, so die Autoren abschließend.

 

REFERENZEN:

1. Zuurbier S, et al . JAMA Neurol. (online) 14. März 2016

2. Banerjee C: JAMA Neurol. (online) 14. März 2016

 

Kommentar

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