Konfrontation statt Kooperation? Mangelnde Zusammenarbeit der Forscher beim Zika-Virus-Ausbruch lässt Chancen ungenutzt

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

15. März 2016

Als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Anfang Februar angesichts der gehäuften Fälle von Mikrozephalie und weiterer neurologischer Erkrankungen im Zika-Ausbruchgebiet den globalen Gesundheitsnotstand ausrief, forderte sie zugleich, die Forschung zu Erkrankungsursachen und die Entwicklung von Vakzinen, Therapeutika und Diagnostika zu verstärken.

Am 9. März hieß es in einer Mitteilung der Organisation nun, dass mittlerweile 31 Unternehmen bzw. Forschungsinstitute an diagnostischen Tests, 18 an Impfstoffen, 8 an Therapeutika und weitere 10 Institute an Mitteln zur Vektorkontrolle arbeiteten.

„Bisher ist gemeinschaftliche Forschung keine Selbstverständlichkeit“

Es passiert etwas, will man damit wohl auch mitteilen. Aber nicht alles läuft rund bei Forschung und Entwicklung. Dies wurde auf einer Pressekonferenz nach dem 2. Treffen des WHO-Notfallkomitees am 8. März deutlich. Denn der Vorsitzende des Komitees, Prof. Dr. David L. Heymann, nutzte die Gelegenheit, um die wissenschaftliche Gemeinschaft unter anderem an die Umsetzung des Nagoya-Protokolls, eines internationalen Regelwerkes über den Zugang zu genetischen Ressourcen, zu erinnern.

Das Protokoll soll u.a. Biopiraterie verhindern. Wenn also auf genetische Ressourcen zugegriffen und der Nutzen nicht aufgeteilt wird, soll daraus kein Profit geschlagen werden können.

Heymanns Mahnung kommt nicht von ungefähr. Bereits in einem vor wenigen Tagen im New England Journal of Medicine (NEJM) publizierten Text forderte er gemeinsam mit Dr. Joanne Liu, Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, und Dr. Louis Lillywhite vom Centre of Global Health Security, London, (mehr) Zusammenarbeit unter den Forschern [1].

„Bisher ist gemeinschaftliche Forschung keine Selbstverständlichkeit“, schreiben sie. Welche Probleme daraus entstehen können, zeichnen sie am Beispiel der MERS-Epidemie (Middle East Respiratory Syndrome) nach. So sei das für MERS verantwortliche Korona-Virus bereits seit 3 Jahren bekannt und Wissenschaftler vermuteten, dass es von Fledermäusen und Kamelen auf den Menschen übertragen werden könne. Die genauen Übertragungsmechanismen lägen jedoch nach wie vor im Dunkeln, schreiben sie. Studien zu dem Thema seien bislang weder veröffentlicht, noch seien Daten, die zu Vorsorgemaßnahmen beitragen könnten, geteilt worden.

 
Bisher ist gemeinschaftliche Forschung keine Selbstverständlichkeit. Prof. Dr. David L. Heymann und Kollegen
 

„In einigen Fällen haben Wissenschaftler Probenmaterial aus dem Mittleren Osten in ihre eigenen Laboratorien mitgenommen, was zu Missverständnissen unter Forschern und zu Vorwürfen, Daten ohne Erlaubnis des Ursprungslandes zu veröffentlichen, geführt hat“, berichten sie.

Vertane Chancen durch „Fallschirm-Forschung“

Auch eine sogenannte „Fallschirm-Forschung“ könne man bei Seuchenausbrüchen beobachten: Dabei kämen ausländische Wissenschaftlerteams in die betroffenen Länder, forschten dort unabhängig von anderen Gruppen und zögen schließlich wieder ab. Wegen des fehlenden Informationsaustausches mit anderen Forschern würde die Effektivität von Notfallmaßnahmen verringert und auch die Chance vertan, die Kapazitäten von einheimischen Wissenschaftlern zu verbessern, kritisieren Heymann und seine Kollegen.

 
Es ist wichtig, dass sich Wissenschaftler, die zusammenarbeiten, auch die Autorenschaft bei Artikeln in wissenschaftlichen Fachzeitschriften teilen. Dr. Margaret Chan
 

Das Klima unter Wissenschaftlern könnte aber auch noch auf andere Art vergiftet werden, beschreiben sie, z.B. indem man sich die Autorenschaft bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen streitig macht. So hätten sich etwa brasilianische Forscher bereits beklagt, dass eine slowenische Forschergruppe Daten zum Zika-Virus-Genom, die von den Brasilianern online veröffentlicht wurden, für eine Veröffentlichung genutzt, aber deren Quelle nicht ordnungsgemäß angegeben hätten.

„Es ist wichtig, dass sich Wissenschaftler, die zusammenarbeiten, auch die Autorenschaft bei Artikeln in wissenschaftlichen Fachzeitschriften teilen“, betonte in diesem Zusammenhang WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chan, bei der Pressekonferenz.

Um ähnliche Probleme zukünftig zu vermeiden, fordern Heymann und seine Kollegen von der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft die Entwicklung und Übereinkunft auf ein Rahmenkonzept zum Austausch von Daten und biologischen Proben in Krisenfällen.

Fast alle Daten stammen aus Studien mit schwachem Studiendesign

Trotz eventueller Unstimmigkeiten scheint die Forschung zum Zika-Virus aber stetig voranzukommen. Dies wird auch bei der Lektüre eines weiteren, gerade im NEJM publizierten Textes deutlich.

Dr. Nathalie Broutet von der WHO hat darin mit Kollegen von der Berner Universität und der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO) die bisherigen Erkenntnisse zum Zusammenhang einer Zika-Virus-Infektion und Mikrozephalie sowie weiterer neurologischer Erkrankungen zusammengetragen [2].

 
Aber es ist wichtig zu betonen, dass die erste Vakzine für klinische Studien nach Expertenmeinung frühestens in einigen Monaten zur Verfügung steht, vielleicht sogar erst in zwei Jahren. Dr. Margaret Chan
 

Demnach finden sich in der Literatur bereits diverse Nachweise des Virus in Amnionflüssigkeit und im Gehirn von Feten bzw. Neugeborenen sowie über ein Dutzend Fallberichte oder Fallserien aus Brasilien (11), Französisch-Polynesien (1) und den USA (1), die auf einen Zusammenhang zwischen fetalen Hirnschäden und dem Zika-Virus hindeuten. Zuletzt wiesen zudem die Ergebnisse einer Kohortenstudie mit 88 werdenden Müttern aus Rio de Janeiro darauf hin, dass eine Infektion in der Schwangerschaft außer Mikrozephalie auch weitere Schäden, wie fetale Todesfälle oder Verkalkungen der Plazenta, hervorrufen kann.

Außerdem lassen die von Broutet und ihren Kollegen aufgezählten Veröffentlichungen, darunter eine umfangreiche Fall-Kontroll-Studie aus Französisch-Polynesien, den Zusammenhang zwischen einer Zika-Virus-Infektion und dem Guillain-Barré-Syndrom wahrscheinlich erscheinen.

Noch nicht berücksichtigen konnten die Autoren einen weiteren, parallel zu ihrem Text publizierten Fallbericht im NEJM, der nahelegt, dass das Zika-Virus bei infizierten Personen eine Meningoenzephalitis auslösen kann.

Letztgültige Beweise für kausale Zusammenhänge stehen allerdings in jedem Fall noch aus. „Fast alle hier aufgeführten Daten stammen aus Studien, deren Design als schwach bezeichnet werden muss“, beschreiben Broutet und ihre Kollegen das Dilemma. Die Daten seien zudem nicht immer einheitlich gewesen.

WHO will nicht auf den endgültigen Beweis eines kausalen Zusammenhangs warten

Die WHO bekräftigte jedoch zuletzt, dass ihre Reaktionen nicht bis zum definitiven wissenschaftlichen Beweis eines Zusammenhangs warten sollen. Die Entwicklung eines Impfstoffes stünde überdies auf der Prioritätenliste ganz oben.

Tatsächlich gebe es bereits verschiedene Impfstoffkandidaten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, erklärte Chan auf der Pressekonferenz. „Aber es ist wichtig zu betonen, dass die erste Vakzine für klinische Studien nach Expertenmeinung frühestens in einigen Monaten zur Verfügung steht, vielleicht sogar erst in zwei Jahren“, ergänzte sie. Eine unmittelbare Lösung dürfe man sich also nicht erhoffen.

 

REFERENZEN:

1. Heymann DL, et al: NEJM (online) 9. März 2016

2. Broutet N, et al: NEJM (online) 9. März 2016

 

Kommentar

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