Früh zufüttern ist besser als vermeiden – Beikost ab dem dritten Monat kann vor Nahrungsmittelallergien schützen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

11. März 2016

Nahrungsmittelallergien unter Kindern sind verbreitet – 8% der unter 3-Jährigen leiden darunter, Tendenz steigend. „Seit Jahrzehnten haben wir versucht die Welle der Nahrungsmittelallergien dadurch aufzuhalten, dass wir Eltern nahelegen, bei ihren Kindern Eier, Erdnüsse und Fisch sehr früh im Leben zu vermeiden. Das basierte auf der Vorstellung, dass eine frühe Exposition mit diesen Nahrungsmitteln zu einer allergischen Sensibilisierung führe“, schreibt Dr. Gary W.K. Wong vom Department of Pediatrics des Prince of Wales Hospitals in Hong Kong im New England Journal of Medicine [1].

Neue Maxime: Konfrontation anstatt Vermeidung

Doch nun wird umgeschwenkt. Die 2015 veröffentlichte LEAP-Studie hat nämlich mit der Überzeugung aufgeräumt, eine Vermeidungsstrategie hätte Vorteile. Sie wies nach, dass die frühe Gabe von pürierten Erdnüssen bei Säuglingen einer Erdnussallergie vorbeugen kann. Nun belegen 2 weitere aktuellen Studien im New England Journal of Medicine, dass die frühzeitige Gewöhnung an allergieauslösende Lebensmittel Allergien besser vorbeugt als die Strategie, diese Lebensmittel zu vermeiden [2;3].

Dr. Michael A. Perkin vom Population Health Research Institute St. Georgs, University of London und seine Kollegen fanden sogar Hinweise, dass die Beikost von Erdnüssen, Kuhmilch, Ei, Weizen, Weißfisch und Sesam bei Säuglingen ab dem dritten Monat das Risiko für eine Nahrungsmittelallergie verringern könnte.

Dr. George Du Toit, Department of Pediatric Allergy, Division of Asthma, Allergy and Lung Biology am King´s College London und seine Kollegen konnten im LEAP-Follow-up jetzt nachweisen: Wenn Kinder mit hohem Allergierisiko bereits im ersten Lebensjahr pürierte Erdnüssen erhielten – und dies bis zum Alter von 5 Jahren weiter geführt wurde – hielt der durch die frühe Gabe hervorgerufene allergie-protektive Effekt offensichtlich selbst dann an, wenn eine 12-monatige „Pause“ erfolgte, in der Erdnüsse gemieden wurden.  

Wong sieht allerdings bezogen auf die Arbeit von Perkin noch einige offene Fragen, die geklärt werden müssten bevor eine solche Strategie in der Bevölkerung empfohlen werden könne. Doch es zeichne sich zumindest ab, dass eine frühe Beikost zur Prävention einer Nahrungsmittelallergie nützlicher sein könnte als eine spätere Gabe. „Also füttern Sie ihre Kinder und hoffen Sie, dass sie auch essen“, schließt Wong.

Frühe Beikost könnte Vorteile haben – generell besser ist sie aber nicht

„Einiges spricht dafür, dass eine frühe Gabe von Beikost Vorteile haben könnte“, sagt Prof. Dr. Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München zur Arbeit von Perkin, die er als interessant wertet. Gegenüber Medscape Deutschland warnt Koletzko aber davor, aus Perkins Ergebnissen die Schlussfolgerung abzuleiten, dass Beikost ab dem dritten Lebensmonat generell besser ist. Denn die Studienergebnisse seien nicht so eindeutig.

Prof. Dr. Berthold Koletzko

Perkin und seine Kollegen schlossen 1.303 exklusiv gestillte 3 Monate alte Säuglinge in ihre Studie ein und randomisierten sie auf die frühe Gabe von Erdnüssen, gekochten Eiern, Kuhmilch, Sesam, Weißfisch und Weizen (Interventionsgruppe) oder die gegenwärtig in Großbritannien empfohlene Praxis des alleinigen Stillens für 6 Monate (Standardgruppe). Primärer Endpunkt war eine Nahrungsmittelallergie im Alter von ein bis 3 Jahren auf eines der 6 Lebensmittel.

In der Intention-to-treat-Analyse entwickelte sich bei 7,1% der Teilnehmer (42 von 595) der Standardgruppe eine Allergie auf eines oder mehrere der 6 Nahrungsmittel, in der Interventionsgruppe war das bei 5,6% (32 von 567) der Fall (p = 0,32). In der Per-Protokoll-Analyse war der Unterschied signifikant: 2,4% vs 7,3% (p = 0,01). Offenbar spielte auch die Dosis eine Rolle: Für Kinder, die 2 g Erdnüsse oder Eiweiß pro Woche verzehrt hatten, war das Risiko für eine entsprechende Allergie signifikant geringer als für Kinder, die weniger von den Allergenen konsumiert hatten. „Die frühe Gabe der sechs Lebensmittel war nicht leicht zu erreichen, doch die Methode ist sicher“, so Perkin.

 
Einiges spricht dafür, dass eine frühe Gabe von Beikost Vorteile haben könnte. Prof. Dr. Berthold Koletzko
 

„Die Autoren schreiben ja, dass es alles andere als einfach war, Beikost bei drei Monate alten Säuglingen einzuführen. Das Füttern mit dem Löffel ist in diesem Alter schwierig, wenn die motorischen Fähigkeiten vieler Säuglinge noch nicht ausgereift sind.“ Es falle auf, dass bei den Säuglingen mit früher Beikost nur 43% die Vorgaben des Protokolls einhielten, dagegen waren es in der Standardgruppe (empfohlene Beikost mit 6 Monaten) 93%. „In der Gruppe mit der frühen Beikost wichen die Eltern auch dann vom Protokoll ab, wenn sie den Eindruck hatten, dass ihre Kinder nach der Beikost Beschwerden entwickelten oder ein Ekzem vorlag“, erklärt Koletzko.

Vorauswahl verzerrt trotz Randomisierung die Ergebnisse

Dies lasse aber befürchten, dass aufgrund der Reaktion der Eltern trotz Randomisierung eine Vorauswahl getroffen worden sei. „Die Kinder, die die frühe Beikost nicht vertrugen, wurden damit nicht gefüttert, die, die es ohnehin vertrugen hingegen schon. Das führt zu einer Verzerrung, weil bei früher Beikost möglicherweise mehr allergisch reagierende Kinder früh ausgeschlossen wurden und entsprechend später weniger Allergien gefunden wurden. Dass in der Gruppe mit der frühen Beikost weniger Allergien auftraten, kann also auch mit dieser Selektion zu tun haben. Das ist der kritische Punkt in dieser Studie, und das schwächt die Aussagekraft“, erklärt Koletzko.

Auch ein weiteres Ergebnis der Studie – wer eine höhere Dosis bekam, entwickelte seltener eine Allergie – könnte durch diese Vorauswahl mit beeinflusst worden sein. Hinsichtlich der 43% Adhärenz bringt Wong noch einen anderen Punkt ins Spiel: „Obwohl Perkin zeigen konnte, dass die frühe Gabe dieser Lebensmittel sicher ist, legt die geringe Rate an Adhärenz nahe, dass die protokollgerechte Umsetzung der Beikost im wirklichen Leben wohl noch geringer wäre und das macht den Versuch der frühen Einführung ineffektiv.“

Die Ergebnisse von Perkin und seinen Kollegen sind Koletzkos Einschätzung nach jedenfalls kein Grund die gegenwärtigen Ernährungsempfehlungen für Säuglinge infrage zu stellen: „Zwischen dem fünften und siebten Monat mit Beikost zu beginnen ist völlig in Ordnung, damit macht man nichts falsch“, so Koletzko.

Ergebnisse des LEAP-Follow-up stützen geltende Beikostempfehlungen

 
Zwischen dem fünften und siebten Monat mit Beikost zu beginnen ist völlig in Ordnung, damit macht man nichts falsch. Prof. Dr. Berthold Koletzko
 

Als wenig überraschend stuft Koletzo die Studienergebnisse von Du Toit ein. In ihrer Nachfolgestudie gingen Du Toit und ihre Kollegen der Frage nach, ob Probanden allergiefrei bleiben, wenn sie ein Jahr lang auf Erdnüsse verzichten.

Sie schlossen die Teilnehmer aus LEAP ein (n = 556), die früh pürierte Erdnüsse erhalten hatten, und randomisierten sie für 12 Monate auf den weiteren Erdnuss-Konsum oder auf Verzicht. Primärer Endpunkt war der Prozentsatz an Teilnehmern mit Erdnuss-Allergie am Ende der 12-Monats-Periode.

Zwar war eine Erdnuss-Allergie unter den Teilnehmern häufiger, die 12 Monate mit Erdnüssen pausiert hatten, als unter denen, die nicht pausiert hatten: 18% (52 von 280 Teilnehmern) vs 4,8% (13 von 270, p = 0,001). In beiden Gruppen traten in diesem Zeitraum 3 neue Fälle von Allergien auf. Kein signifikanter Anstieg in der Allergieprävalenz zeigt sich aber, wenn man die Raten der Konsumgruppe nach 60 Monaten (3,6%; 10 von 274) mit denen der Konsumgruppe nach 72 Monaten verglich (4,8%;13 von 270; p = 0,25).

 
Lebensmittel mit Erdnüssen müssen nicht gemieden werden, das macht es für die Familien leichter. Prof. Dr. Berthold Koletzko
 

„Insgesamt zeigte sich in der Gruppe, die im ersten Lebensjahr Erdnüsse aß und dies auch über vier Jahre beibehielt – und auch unter Erdnuss-Abstinenz für zwölf Monate – dass die Gruppe, die Erdnüsse aß, eine um 74 Prozent geringere Allergie-Prävalenz aufwies als die Gruppe, in der von Anfang an auf Vermeidung gesetzt wurde“, schreibt Du Toit. Vermeidung ist damit der frühen Gabe nicht nur eindeutig unterlegen, auch eine „Erdnuss-Pause“ von 12 Monaten hält den allergie-freien Status offenbar stabil.

„Du Toits Ergebnisse stützen unsere gegenwärtigen Empfehlungen mit Beikost zwischen dem fünften und siebten Monat zu beginnen. Das gilt für alle Kinder, unabhängig davon, ob in den Familien Allergien bekannt sind oder nicht. Lebensmittel mit Erdnüssen müssen nicht gemieden werden, das macht es für die Familien leichter“, erklärt Koletzko.

 

REFERENZEN:

1. Wong G.W.K: NEJM (online) 4. März 2016

2. Perkin MR, et al: NEJM (online) 4. März 2016

3. DuToit G, et al: NEJM (online) 4. März 2016

 

Kommentar

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