Guillain-Barré, Mikrozephalie, besorgte Menschen – die WHO unterstützt Ärzte mit aktuellem Informationsmaterial

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

1. März 2016

Ab welchem Schädeldurchmesser gilt ein Kind als Mikrozephalie-Fall? Dürfen Frauen ihre Kinder trotz einer Infektion mit dem Zika-Virus stillen? Wie sollten Patienten mit dem Guillain-Barré-Syndrom behandelt werden und welche Unterstützung brauchen Angehörige? In 4 neuen Publikationen versucht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ärzten und medizinischem Fachpersonal Hilfestellung bei der Beantwortung dieser und weiterer drängender Fragen zu geben.

Besondere Aktualität erhielt dabei gerade das WHO-Dokument zur „Identifikation und Management des Guillain-Barré-Syndroms“ (GBS). So legen die Autoren einer am Montag im The Lancet veröffentlichten Fall-Kontroll-Studie mit 24 Patienten aus Französisch-Polynesien erstmals einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Virus und der neurologischen Erkrankung nahe [1]. Nach ihren Schätzungen erkrankten in dem französischen Überseegebiet, wo sich zwischen Oktober 2013 und April 2014 eine Zika-Virus-Epidemie abspielte, 24 von 100.000 Infizierten an dem neurologischen Syndrom.

Noch sei zwar unklar ist, ob die Infektionsraten mit dem Zika-Virus in Lateinamerika so hoch sein werden wie auf den Pazifischen Inseln, sagt der leitende Autor Prof. Dr. Arnaud Fontanet vom Institut Pasteur, Paris. In Französisch-Polynesien hatten sich zwei Drittel der Bevölkerung angesteckt. Aber er warnt schon jetzt: „In den kommenden Monaten sind hohe Fallzahlen des Guillain-Barré-Syndroms zu erwarten.“

Mediziner müssen ihr Wissen zum Guillain-Barré-Syndrom auffrischen

Das medizinische Fachpersonal sollte dementsprechend gut auf die Erkennung und Beurteilung der Erkrankung sowie den Umgang mit den Patienten vorbereitet sein, mahnt auch die WHO. Ihre Vorschläge diesbezüglich lauten:

1. Medizinisches Fachpersonal sollte in der Erkennung, der Beurteilung und dem Umgang mit GBS-Patienten geschult werden.
2. GBS-Fälle sollten anhand der Kriterien der Brighton Collaboration definiert werden. Bei allen Verdachtsfällen empfiehlt die WHO eine neurologische Untersuchung und – wenn möglich – weitere Tests zur Nervenleitgeschwindigkeit bzw. eine Elektromyographie und eine Lumbalpunktion.
3. Komplikationen wie Ateminsuffizienz, Herzrhythmusstörungen und Blutgerinnsel erhöhen das Sterberisiko der GBS-Patienten. Deshalb sollten die Patienten regelmäßig neurologisch beurteilt und die Vitalparameter sowie ihre Atemfunktion überwacht werden.
4. Bei GBS-Patienten, die nicht laufen können oder deren Symptome rasch voranschreiten, sollten Immunglobuline verabreicht oder eine Plasmapherese angewendet werden. Der Zugang zu den Medikamenten und deren sachgemäße Anwendung sollte sichergestellt sein.
4. Für Patienten mit schweren Erscheinungsformen sollten Krankenhäuser freie Betten bereithalten.

Die Erfassung von Mikrozephalie-Fällen muss standardisiert werden

Neben dem Guillain-Barré-Syndrom stehen auch die gehäuft auftretenden Mikrozephalie-Fälle bei Feten und Neugeborenen in Brasilien in dringendem Verdacht, mit der Zika-Virus-Epidemie im Zusammenhang zu stehen. Die WHO-Experten bemängeln allerdings, dass bislang sowohl in Überwachungsprogrammen als auch im klinischen Setting verschiedene Cut-off-Werte zur Falldefinition verwendet wurden. Um belastbare Zahlen zu den tatsächlichen Mikrozephalie-Fällen zu erhalten, rät die WHO nun in ihrer Publikation zur „Beurteilung von Kindern mit Mikrozephalie“ zu standardisierten Vorgehensweisen und Falldefinitionen.

Konkret empfiehlt die WHO:

1. Der Kopfumfang sollte innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt sowie in der ersten Lebenswoche gemessen werden. Interpretiert werden müssen die Ergebnisse abhängig vom Geschlecht und Gestationsalter mittels Standardabweichungen. Dabei sollte sich das medizinische Personal an den Standardwerten der WHO orientieren (können).
2. Als Mikrozephalie-Fälle gelten Neugeborene mit einem Kopfumfang von mehr als 2 Standardabweichungen unterhalb der Norm; Babys mit einem Kopfumfang von mehr als 3 Standardabweichungen unterhalb der Norm leiden unter einer „schweren“ Mikrozephalie.
3. Bei Neugeborenen mit Kopfumfängen zwischen 2 und 3 Standardabweichungen unterhalb der Norm raten die WHO-Experten zu regelmäßigen Untersuchungen, bei denen das Kopfwachstum und die weitere Entwicklung des Kindes überwacht werden. Dabei sollen körperliche und neurologische Einschränkungen, die mit einer Mikrozephalie einhergehen können, evaluiert werden. Die Dokumentation von Auffälligkeiten in der Schwangerschaft, der Vorgeschichte der Mutter und ihrer Familie soll zudem Aufschluss über mögliche andere (z.B. genetische) Ursachen der Mikrozephalie geben.
4. Zusätzlich zu den unter 3. genannten WHO-Empfehlungen, sollte bei Neugeborenen mit einem Kopfumfang von mehr als 3 Standardabweichungen unterhalb der Norm ein CT oder MRT erfolgen (bei ausreichend großer Fontanelle bietet sich auch ein Ultraschall an), um strukturelle Hirnschäden nachzuweisen. Die WHO-Experten empfehlen ferner, ein spezielles Augenmerk auf mit Mikrozephalie assoziierte Hör- und Seheinschränkungen zu legen.
4. Als „Mikrozephalie-Fälle mit Hirnschäden“ gelten nur Kinder, bei denen sich die strukturellen Anomalien im Gehirn in neurologischen (Entwicklungs-)Störungen manifestieren oder durch bildgebende Verfahren nachweisen lassen.

Die WHO-Stillempfehlungen gelten bis auf Weiteres

Man kann sich vorstellen, wie groß die Erleichterung von Frauen in Zika-Epidemiegebieten sein muss, wenn sie nach der Geburt ein gesundes Kind in ihren Armen halten. Doch viele Mütter fragen sich dann, ob sie das Virus auch über die Muttermilch auf ihr Kind übertragen könnten.

Die WHO sieht allerdings derzeit keinen Grund, ihre grundsätzlichen Still-Empfehlungen anzupassen. Mütter – unabhängig davon, ob sie sich (vielleicht) mit dem Zika-Virus infiziert haben oder Babys mit Mikrozephalie zur Welt brachten – sollten ihren Nachwuchs weiterhin wenn irgend möglich stillen. So lässt sich das aktuelle WHO-Dokument zum Thema „Stillen“ zusammenfassen.

 
In den kommenden Monaten sind hohe Fallzahlen des Guillain-Barré-Syndroms zu erwarten. Prof. Dr. Arnaud Fontanet
 

Was sich wie eine Entwarnung liest, fußt jedoch noch auf sehr wenigen validen Daten, wie die Verfasser selbst zugeben. Noch seien viele Frage offen und weitere Forschung unbedingt notwendig, schreiben sie. Angesichts der vorliegenden Befunde würden jedoch die Vorteile des Stillens für Mutter und Kind das potentielle Risiko einer Virus-Übertragung durch die Muttermilch überwiegen.

Psychosoziale Unterstützung der Menschen

Aktuelle Informationen zu standardisierten Falldefinitionen, Behandlungsstrategien und Komplikationsrisiken sind das eine – Mediziner sind dabei auf die regelmäßig aktualisierten Informationen von der WHO (und anderen Organisationen) dringend angewiesen. Aber im ärztlichen Alltag gibt es auch Bereiche abseits von Datenerhebungen und Therapiekonzepten. Viele Menschen in den Zika-Epidemiegebieten haben Angst vor Infektionen und deren Folgen, sorgen sich um ihren Nachwuchs, sind traurig, fühlen sich schuldig (z.B. wenn sie keine Repellentien benutzt haben) oder schlafen schlecht – und erhoffen sich auch dabei Unterstützung von ihrem Arzt.

Die Weitergabe akkurater Informationen an die Patienten ist dabei ein wichtiger Aspekt, aber auch die Art, wie die Informationen übermittelt werden, kann sich auf das Wohlbefinden der Betroffenen und ihrer Familien auswirken. In einer weiteren Richtlinie wendet sich die WHO deshalb auch der psychosozialen Unterstützung der Menschen im Zika-Virus-Kontext zu.

Die Hinweise der WHO-Experten umfassen u.a. die Bereiche unterstützende Kommunikation, häufige (Stress-)Reaktionen und Ratschläge zur Elternschaft. Der Fokus ihrer Publikation liegt dabei klar auf dem Umgang mit werdenden Müttern und Familien mit Mikrozephalie-Kindern. Die Ratschläge lassen sich aber auch auf die Handhabe neurologischer Erkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom übertragen.

Für Mediziner außerhalb eines Zika-Epidemiegebiets kann sich die Lektüre ebenfalls lohnen. Erinnert sie doch auch an grundsätzliche „Don’ts“ im Patientenumgang wie „Benutzen Sie keine allzu technischen Ausdrücke“ und „Urteilen Sie nicht darüber, was die Person getan oder nicht getan hat oder wie sie sich fühlt“.

 

REFERENZEN:

1. Cao-Lormeau V-M, et al: The Lancet (online) 29. Februar 2016

 

Kommentar

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