„Erschütternde Wahrheit“ nicht nur im Kino – eine Gehirnerschütterung erhöht das Suizidrisiko noch Jahre später

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

26. Februar 2016

Hirnschäden infolge von Gehirnerschütterungen führten bei US-Footballspielern zum Suizid. Diese auf wahren Begebenheiten beruhende „Erschütternde Wahrheit“ – so der Titel des gerade laufenden Kinofilms – deckte der Pathologe und Neuro-Wissenschaftler Dr. Bennet Omalu auf (im Film gespielt von Will Smith). Seine Erkenntnisse werden nun durch eine aktuelle kanadische Kohortenstudie bestätigt.

Erwachsene nach einer Gehirnerschütterung hatten in der Studie ein langfristig deutlich erhöhtes Suizidrisiko. Dabei lag dieses etwa 3-fach über dem der Normalbevölkerung und war sogar 4-fach erhöht, wenn die Gehirnerschütterung an einem Wochenende aufgetreten war. Publiziert wurden diese Ergebnisse jetzt im Canadian Medical Association Journal [1].

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Die Autoren um Dr. Donald Redelmeier vom Institute for Clinical Evaluative Sciences (ICES) und dem Sunnybrook Health Sciences Centre in Toronto, Kanada, folgern daraus, dass Ärzte auch nach lange zurück liegenden Gehirnerschütterungen fragen und solche Patienten im Hinblick auf erhöhte Suizidrisiken betrachten sollten.

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Direktor der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Essen, bestätigt diese Problematik: „Aus Militärdaten in den Vereinigten Staaten ist bekannt, dass es bei Soldaten, die ein Schädelhirntrauma erlitten haben, ein erhöhtes Suizidrisiko gibt, was darauf zurückgeführt wird, dass bei einem Teil der Patienten posttraumatisch eine Depression auftritt.“

667 Suizidfälle unter 237.110 Patienten mit Gehirnerschütterung

Die kanadischen Forscher untersuchten die Krankenversicherungsdaten von 235.110 Erwachsenen, die zwischen 1992 und 2012 wegen einer Gehirnerschütterung behandelt worden waren. Aus dieser Population nahmen sich 667 Patienten während einer Nachbeobachtungszeit von median 9,3 Jahren das Leben.

 
Aus Militärdaten in den Vereinigten Staaten ist bekannt, dass es bei Soldaten, die ein Schädelhirntrauma erlitten haben, ein erhöhtes Suizidrisiko gibt … Prof. Dr. Hans-Christoph Diener
 

Dies entspricht einer Inzidenz von 31 Suiziden pro 100.000 Einwohner und Jahr und ist nach den Autoren 3-fach höher als der Landesdurchschnitt. Bei Patienten, die zwischen Freitagnachmittag und Sonntagabend eine Commotio cerebri erlitten hatten, kam es sogar zu 39 Suiziden pro 100.000 Einwohner und Jahr. Die Suizide wurden median nach 5,7 Jahren begangen und die Betroffenen waren im Schnitt 41 Jahre alt.

Prädiktoren für einen Suizid nach Commotio

Bezogen auf die Suizidrate von Menschen, die während eines Wochentags eine Gehirnerschütterung erlitten hatten, gehörte ein entsprechender Unfall am Wochenende mit einem relativen Risiko (RR) von 1,27 (95%-Konfidenzintervall: 1,06-1,53) zu den signifikanten Prädiktoren für einen Suizid nach Commotio.

Stärkere Prädiktoren waren allerdings:

  • ein früherer Suizidversuch (RR: 5,65; 95%-KI: 3,26-9,81),

  • Drogenkonsum (RR: 3,60; 95%-KI: 2,94-4,41),

  • Angststörungen (RR: 3,04; 95%-KI: 2,57-3,60),

  • männliches Geschlecht (RR: 2,47; 95%-KI: 2,08–2,94),

  • Schizophrenie (RR: 2,38; 95%-KI: 1,68-3,37),

  • bipolare Störungen (RR: 1,96; 95%-KI: 1,43-2,68),

  • Depressionen (RR: 1,65; 95%-KI: 1,30-2,11),

  • niedriges Einkommen (RR 1,30; 95%-KI: 1,02-1,65)

  • und Bildgebung nach der Gehirnerschütterung (RR 1,31; 95%-KI: 1,09-1,65).

  • Auch jede weitere Gehirnerschütterung erhöhte das relative Risiko signifikant um jeweils 1,30 (95%-KI: 1,12-1,50).

Diener hält dementsprechend die Schlussfolgerung für übertrieben, dass eine Gehirnerschütterung am Wochenende eine besondere Suizidgefahr berge: „Die Ergebnisse dieser Studie müssen in einen absoluten Kontext gestellt werden. Ein Unterschied von 10 Suiziden bei 100.000 Menschen rechtfertigt keinen anderen Umgang mit diesen Patienten.“

Frühere Gehirnerschütterungen bleiben in der Praxis oft unerwähnt

Da etwa die Hälfte aller Patienten in der Woche vor ihrem Tod noch einen Hausarzt aufgesucht hatten, könnten viele Suizide verhindert werden, meint dagegen Redelmeier. Er vermutet, dass die Gehirnerschütterungen am Wochenende, also während der Freizeit, eine allgemein erhöhte Risikobereitschaft dieser Patienten anzeigen. In der Studie wird allerdings nichts darüber ausgesagt, weshalb diese Betroffenen kurz vor ihrem Suizid noch einen Arzt aufgesucht haben und ob und welche Therapie dieser verordnet hatte.

„Schädelhirntraumen sind bei unter 60-Jährigen relativ häufig“, erläutert Diener aus seiner Erfahrung: „Unter der Woche handelt es sich meistens um Gehirntraumen im Rahmen von Berufsunfällen und am Wochenende im Rahmen von Sport oder als Folge eines erhöhten Alkoholkonsums.“ Die Patienten erholen sich nach dem Erwachen aus der kurzen Bewusstlosigkeit bald von etwaigen postkommotionellen Symptomen wie Apathie, Leistungsminderung, Kopfschmerzen, Schwindel oder Übelkeit und werden deshalb als gesund eingestuft.

Veränderte Hirnoxygenierung nach Commotio

 
Ein Unterschied von 10 Suiziden bei 100.000 Menschen rechtfertigt keinen anderen Umgang mit diesen Patienten. Prof. Dr. Hans-Christoph Diener
 

Da Gehirnerschütterungen auch bei Sportlern häufig vorkommen, arbeitet die Abteilung für Neurologie, Psychosomatik und Psychiatrie der Deutschen Sporthochschule Köln an der Entwicklung sensitiver diagnostischer Möglichkeiten. Die Kölner Forscher zeigten jüngst, dass Personen, die an Symptomen nach einer Gehirnerschütterung leiden, im Vergleich zu gesunden Kontrollprobanden eine verminderte Hirnoxygenierung aufweisen.

Die dafür genutzte funktionale Nah-Infrarot-Spektroskopie (fNIRS) ist eine nicht-invasive bildgebende Methode, mit deren Hilfe in vivo Änderungen der Hirnoxygenierung gemessen werden, wodurch Rückschlüsse auf neuronale Prozesse möglich sind. Mit dieser neuen sensitiven Messmethode könne zukünftig die Möglichkeit bestehen, die Diagnostik und Therapie sportbedingter Gehirnerschütterungen langfristig zu verbessern, erklärte Dr. Ingo Helmich , Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation der Sporthochschule Köln.

 

REFERENZEN:

1. Fralick M et al: CMAJ (online) 8. Februar 2016

 

Kommentar

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