Giftige Dämpfe in Flugzeugkabinen: Forscher finden Schadstoffe in Blut und Urin des Flugpersonals

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

25. Februar 2016

Heutelbeck kritisiert, dass es für viele der nun erstmals im Labor gefundenen Substanzen bislang keine Richtwerte für die Atemluft gibt. „Das sind alles Stoffe, die in Verbraucherprodukten verboten sind. Es gibt nur Werte für Gefahrstoff-Arbeitsplätze, aber darum handelt es sich ja hier nicht.“

Die Berufsgenossenschaft Verkehr ist zuständig, wenn es infolge von Fume Events zu gesundheitlichen Beschwerden kommt. Sie ruft dazu auf, sowohl niederschwellige Ereignisse zu melden als auch Vorfälle, die unter die Meldepflicht (Arbeitsunfähigkeit von mehr als 3 Tagen) fallen. 2013 wurden bei der BG Verkehr für rund 300 Versicherte Vorfälle angezeigt, 2014 waren es 375 und 2015 nach vorläufigen Zahlen rund 320 Fälle. Ca. 90% dieser Vorfälle, die bei der Unfallanzeige auf ein Fume Event zurückgeführt wurden, waren nicht meldepflichtig, d.h. es lag entweder keine oder eine Arbeitsunfähigkeit von 3 Tagen oder weniger vor.

Der Fall Richard Westgate – nichts Genaues weiß man nicht

Doch es gibt auch dramatische Fälle. Schlagzeilen macht im Jahr 2012 der Tod des 43-jährigen Piloten Richard Westgate, der bei British Airways angestellt und überzeugt war, am aerotoxischen Syndrom erkrankt zu sein. Westgate führte seine Beschwerden auf eine Langzeitexposition mit Schmierstoffen aus Flugzeugtriebwerken zurück, die über die Zapfluftanlage ins Cockpit gelangt seien.

Der US-amerikanische Pharmakologe und Neurobiologe Dr. Mohamed Abou-Donia von der Duke University untersuchte damals Blut- und Gewebeproben des verstorbenen Piloten. Abou-Donia, Experte für Organophosphat-Vergiftungen, veröffentlichte seine Untersuchungsergebnisse Mitte 2014. Danach zeigten Westgates Proben eine Vergiftung mit Organophosphaten, die zu Herzmuskelschwäche und zu schweren Hirnschäden geführt habe.

Seit Jahren warnt der Wissenschaftler vor den Folgen von kontaminierter Kabinenluft: Er macht nicht einzelne Stoffe, sondern ihre Kombination für die Schäden verantwortlich. Der Pharmakologe bezieht in seine Forschungen zum aerotoxischen Syndrom auch die Erkenntnisse mit ein, die er seinerzeit im Umgang mit den inzwischen als „Golf-Kriegs-Syndrom“ anerkannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei amerikanischen und britischen Kriegsveteranen sammeln konnte.

Die Soldaten waren vor ihrem Einsatz im Irak 1991 mit einer Vielzahl von Chemikalien präventiv (zum Schutz vor Nervengas) behandelt worden, darunter auch Organophosphate. Damals wurde festgestellt, dass die einzelnen Stoffe zwar als unbedenklich galten, ihre Kombination aber z.B. bei Versuchstieren im Labor zum Tod führte.

Mehr als 2 Jahre lang hat der Berliner Filmemacher und Luftfahrtsicherheitsexperte Tim van Beveren die medizinisch-pathologischen Untersuchungen zum Fall Westgate begleitet. Sein Dokumentationsfilm „Ungefiltert eingeatmet“, kam Mitte vergangenen Jahres in die Kinos. Im Film gezeigte Dokumente legen nahe, dass das Problem den Flugzeugherstellern, den Airlines und ihren Verbänden bekannt ist. Der Film bekam vereinzelt positive Rezensionen wurde aber insgesamt überraschend wenig beachtet.

Kommentar

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