Size matters: Neue Erkenntnisse, wie die Körpergröße das Krankheitsrisiko beeinflusst

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

24. Februar 2016

Die Größe eines Menschen kann in engem Zusammenhang mit seinem Risiko für Herz-Kreislauf-, Diabetes- und Krebserkrankungen stehen: Nach einer neuen Analyse leiden große Menschen seltener als kleinere unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes, erkranken jedoch häufiger an Krebs.

Prof. Dr. Norbert Stefan

Dies zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und der Harvard School of Public Health, die Prof. Dr. Norbert Stefan von der Universitätsklinik Tübingen geleitet hat. Dafür wurden rund 150 prospektive Studien und Maus-Experimente zum Zusammenhang von Körpergröße und Krankheitsrisiko analysiert. Die Studie ist in Lancet Diabetes & Endocrinology publiziert worden [1].

Die Körpergröße habe nicht nur Auswirkungen auf die Inzidenz, sondern auch auf die Sterblichkeit bestimmter Volkskrankheiten, unabhängig von Body-Mass-Index (BMI) und anderen Parametern, schreiben die Autoren: „Epidemiologische Daten zeigen, dass pro 6,5 cm Körpergröße das Risiko für die kardiovaskuläre Sterblichkeit um sechs Prozent sinkt, dafür aber die Krebsmortalität um vier Prozent steigt“, erklärt Studienautor Prof. Dr. Matthias Schulze, Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam (DifE).

Größe als Risikofaktor noch relativ unerforscht

Die Körpergröße sei ein Faktor, der in der Risikoforschung bisher zu Unrecht vernachlässigt wurde, meint Stefan im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Wir haben dieses Feld erforscht, weil die Körpergröße und ihre Beeinflussung für den Metabolismus und daher auch für das Krankheitsrisiko entscheidend ist“, erklärt der Leiter des interdisziplinären Forscherteams. International werde zu diesem Zusammenhang mehr und mehr geforscht, während „in Deutschland noch kaum jemand mit dem Thema etwas anfangen kann“, bedauert er.

 
Epidemiologische Daten zeigen, dass pro 6,5 cm Körpergröße das Risiko für die kardiovaskuläre Sterblichkeit um sechs Prozent sinkt, dafür aber die Krebsmortalität um vier Prozent steigt. Prof. Dr. Matthias Schulze
 

Sein Team habe sich zunächst an „Extremen“, etwa zwar übergewichtigen, aber trotzdem völlig gesunden Menschen orientiert und geschlussfolgert, dass nicht nur der BMI, sondern eventuell auch die Größe zum Krankheitsrisiko beitragen könne. Um diesen Zusammenhang besser zu beleuchten, haben die Forscher Studien mit epidemiologischen und kardiovaskulären Endpunkten sowie Endpunkten zu Krebserkrankungen, Ernährungsstudien und experimentelle Mausstudien, vor allem zum Insulin-like Growth Factor (IGF)-Signaling, analysiert.   

In die größte Metaanalyse zu diesem Zusammenhang, der Emerging Risk Factors Collaboration (ERFC) der University of Cambridge von 2012, flossen die Daten aus 121 prospektiven Studien und von mehr als einer Million Patienten ein. Die Analyse zeigte für größere Menschen eine deutlich reduzierte kardiovaskuläre Mortalität. Gleichzeitig war ihre Mortalität aufgrund von Krebserkrankungen im Vergleich zu kleineren Probanden stark erhöht.

In der Million Women Study wurden mehr als 1,2 Millionen Frauen für im Schnitt 9,4 Jahre beobachtet wurden. Hier zeigte sich, dass große Frauen ein erhöhtes Risiko haben, an bestimmten Krebsarten zu erkranken – an malignem Melanom, Leukämie, Non-Hodgkin-Lymphomen, Rektumkarzinomen, Brust-, Eierstock-, Gebärmutter-, Darm- und Nierenkrebs sowie Tumoren des Zentralnervensystems.

 
Wir haben uns gefragt, warum die Menschen immer größer werden – und sind auf die Zahl der Stammzellen als möglichen beeinflussbaren Motor des Größenwachstums gekommen. Prof. Dr. Norbert Stefan
 

In einer 2013 veröffentlichten Untersuchung der Women’s Health Initiative (WHI) stieg das Krebsrisiko pro 10 cm Körpergröße um 13%. Das Risiko eines Schilddrüsenkarzinoms oder eines Multiplen Myeloms stieg sogar um 29% pro 10 cm Größenwachstum.

Beobachtungen in einer kleinwüchsigen Volksgruppe in Ecuador deuten auch auf ein umgekehrt geringeres Krebsrisiko kleinerer Menschen hin, erklärt Stefan. Denn diese Volksgruppe scheint von bösartigen Tumoren komplett verschont zu bleiben.

Macht mehr Milch wirklich größer?

Die in den vergangenen Jahren angestiegene Körpergröße sei nach heutigen Erkenntnissen nicht ausschließlich genetisch bedingt, sondern hänge weitgehend von äußeren beeinflussbaren Faktoren wie Ernährung, Infektionen oder Stress ab, vermuten die Forscher des DZD. „Wenn man heute auf die Straße schaut, sieht man viel mehr große Menschen als früher – das ist allein durch die Genetik nicht erklärbar“, sagt Stefan. „Wir haben uns gefragt, warum die Menschen immer größer werden – und sind auf die Zahl der Stammzellen als möglichen beeinflussbaren Motor des Größenwachstums gekommen.“

 
Das Vermeiden einer Überernährung würde bei Kindern … auch übermäßiges Größenwachstum vermeiden und könnte daher das Krebsrisiko im Erwachsenenalter reduzieren. Prof. Dr. Norbert Stefan
 

Eine starke Aktivierung der IGF-1- und -2-Systeme könne zu einer größeren Anzahl an Stammzellen in den Organen führen, was wiederum ein stärkeres Größenwachstum widerspiegle, erklärt der Endokrinologe. Was jedoch führt zu dieser stärkeren Aktivierung der IGF-Signaling-Systeme und damit zu mehr Längenwachstum?

Die Forscher des DZD vermuten einen Einfluss der Ernährung im Mutterleib sowie im Kindes- und Jugendalter. Vor allem ein übermäßiger Konsum von Produkten mit vielen tierischen Proteinen, also Milch- und Molkeprodukte, in Wachstumsphasen könne ein stärkeres Größenwachstum nach sich ziehen, erklären sie.

Betrachtet man die weltweite Entwicklung der Körpergröße, findet diese Vermutung Unterstützung: In den Niederlanden nahm die durchschnittliche Körpergröße in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten zu. Holländische Männer sind heute 20 cm größer als noch vor 150 Jahren. In den Niederlanden ist ebenfalls der Pro-Kopf-Milchkonsum am höchsten. In China ist der Milchkonsum in den vergangenen Jahren stark gestiegen. „Die Jugendlichen dort machen im Vergleich zu früher Riesen-Sprünge im Größenwachstum“, bemerkt Stefan.

Schon die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft könne bestimmte Signalketten wie die IGF-1/2-Systeme lebenslang programmieren, so die Vermutung seines Teams. Eine Aktivierung dieser Systeme begünstigt sowohl die Insulinempfindlichkeit als auch den Fettstoffwechsel. „Entsprechend zeigen unsere neuesten Daten, dass große Menschen insulinempfindlicher sind und einen geringeren Fettgehalt in der Leber haben, was ihr niedriges Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes mit erklären kann“, erklärt Stefan.

Größeres Krebsrisiko bei der Prävention berücksichtigen

 
Mit unserer Analyse wollen wir die Ärzte aufrütteln, denn … viele vergessen, dass das Risiko für Tumore mit der Größe ansteigt. Prof. Dr. Norbert Stefan
 

Das erhöhte Krebsrisiko großer Menschen stehe ebenfalls mit der Aktivierung des IGF-1/2-Systems in Zusammenhang, so Stefan. Denn eine dauerhafte Zellwachstumsförderung durch ein aktives IFG-1/2-System könne auch das Wachstum von Tumorzellen positiv beeinflussen und das Risiko etwa für Darm-, Brust-, Dickdarm- und schwarzen Hautkrebs erhöhen.

„Das Vermeiden einer Überernährung während der Schwangerschaft, in der frühen Kindheit und in der Pubertät würde bei Kindern nicht nur Übergewicht, sondern auch übermäßiges Größenwachstum vermeiden und könnte daher das Krebsrisiko im Erwachsenenalter reduzieren“, schreiben die Forscher. Daher sei die Frage, ob der Milchkonsum derart gefördert werden müsse, wie es aktuell der Fall sei. „Insbesondere für die frühen Wachstumsphasen sollte man das zumindest überdenken und weiter erforschen“, fordert Stefan.

Aufgrund der Rolle, die die Körpergröße scheinbar als Risikofaktor für bestimmte Volkskrankheiten spielt, fordern die Wissenschaftler deren stärkere Einbeziehung in die Prävention. Ärzte, sagen sie, sollten besser für die spezifischen Krankheitsrisiken kleiner und großer Menschen sensibilisiert werden. „Mit unserer Analyse wollen wir die Ärzte aufrütteln, denn den meisten ist zwar das geringere Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bewusst – viele vergessen jedoch, dass das Risiko für Tumore mit der Größe ansteigt“, sagt Stefan.

Während die kardiovaskuläre und diabetesassoziierte Mortalität aufgrund immer besserer Therapien rückläufig sei, sehe die Prävention von Krebserkrankungen weiterhin relativ schlecht aus. Sowohl die Inzidenz als auch die Krebsmortalität steigen weiter an. „Positiv ist, dass wir möglicherweise zumindest hinsichtlich der Ernährung im Wachstum einen Einfluss auf die Körpergröße – und auch auf das Krebsrisiko – nehmen können“, so Stefans Fazit.

 

REFERENZEN:

1. Stefan N, et al: Lancet Diabetes Endocrinol (online) 27. Januar 2016

 

Kommentar

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