MEINUNG

Gefahr durch das Zika-Virus in Brasilien: „Wir sollten die Olympischen Spiele 2016 jetzt verschieben“

Dr. Arthur Caplan

Interessenkonflikte

23. Februar 2016

 

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Guten Tag. Ich bin Arthur Caplan aus der Abteilung für Medizinethik des  Langone Medical Centers an der New York University. Ich bin hier, um Ihnen zu  sagen, dass ich nicht zu den Olympischen Spielen fahre. Sie finden im August  diesen Jahres in Rio de Janeiro statt und damit in einem Land, das gegen das  Zika-Virus kämpft.

Wie wir alle gerade erfahren haben, wird das Zika-Virus von einer  bestimmten Art von Stechmücke übertragen, die sich auf unbekannte Weise aus  Afrika nach Brasilien und dann nach Mittelamerika sowie in die Karibik  eingeschlichen hat. Vermutlich wird sie im Sommer in Richtung Vereinigte  Staaten wandern. Sie verbreitet das Zika-Virus und das Dengue-Fieber. Ich weiß  nicht genau, warum sich diese Krankheit so explosionsartig ausgebreitet hat. Wahrscheinlich  ist die Mücke schließlich hier hergekommen, zum Beispiel mit dem Flugzeug oder  versteckt im Gepäck eines Reisenden. Es gibt hier keine Immunität gegenüber der  Erkrankung, wie sie sich vermutlich in Afrika teilweise aufbauen konnte. Wie  auch immer, das Virus ist hier.

Die meisten Menschen wird das Virus nicht töten; es verursacht bei  ihnen lediglich grippeähnliche Symptome. Aber bei Schwangeren gibt es allem  Anschein nach eine mögliche Verbindung mit schweren Geburtsfehlern, insbesondere  Mikrozephalie. In Brasilien und Kolumbien werden viele Kinder mit dieser  Entwicklungsstörung geboren, gekennzeichnet durch einen abnorm kleinen Kopf.  Diese führt zu intellektuellen Einschränkungen und zu einer kürzeren  Lebenserwartung, denn die Infektion zieht andere Organsysteme ebenfalls in  Mitleidenschaft. Ich denke, dass niemand, der Kinder haben möchte oder bereits  schwanger ist, sich mit dem Zika-Virus infizieren möchte. Wir wissen nicht, wie  lange das Virus im Körper bleibt.

Dies bringt mich zurück zu den Olympischen Spielen. Warum verschieben  wir die Olympischen Spiele nicht? Momentan ringt Brasilien sehr damit, die  Spiele vorzubereiten. Sie versuchen, die Infrastruktur fertigzustellen, um  pünktlich zu Beginn der Wettbewerbe im August bereit zu sein. Das Land verschuldet  sich bis zum Hals, um dies zu leisten. Zudem haben wir einige Berichte gesehen,  die bezeugen, dass die Wassersportanlagen unhygienisch und verschmutzt seien.  Bislang war es den Organisatoren unmöglich, diese zu reinigen. Ich denke, sie  haben aufgegeben. So sind die Athleten in den Wassersportarten bereits beeinträchtigt.

Der Terrorismus ist eine ständige Bedrohung. Brasilien steht nicht  tonnenweise Geld zur Verfügung. Und nun muss dieses Land auch noch dem  Zika-Virus entgegentreten. Vielleicht wird die Epidemie im August ein wenig  abflauen, denn dann ist in Brasilien Herbst. Deshalb gibt es ein bisschen  weniger Wasser und auch weniger Stechmücken. Aber dennoch: eine Million  Menschen wird aufgrund dieses Wettbewerbs dem Virus gegenüber exponiert sein –  entweder durch Stechmücken oder Menschen, die es sexuell übertragen können. Ein  anderer Weg, den wir gerade erst lernen zu verstehen, sind Bluttransfusionen. Dies  sind alles Gründe zu sagen: „Hey, lasst uns doch 6 Monate warten.“

Warum? Wenn wir 6 oder 9 Monate warten würden, hätten wir die  Möglichkeit, diese Gebäude fertigzustellen, vielleicht das Wasser zu reinigen, aber  auch die Stechmücken zu töten. Wir könnten sicherstellen, allen den richtigen  Gebrauch von Repellentien zu vermitteln. Wir könnten sicherstellen, dass  finanzielle Mittel vorhanden sind, um den Kindern zu helfen, die mit diesen  furchtbaren Geburtsfehlern auf die Welt kamen. Wir könnten versuchen, Kondome  zu verteilen, um die sexuelle Übertragung zu kontrollieren, und öffentlich zu  ihrem Gebrauch aufzuklären. Es gibt viel zu tun und ein begrenztes Budget, um  es umzusetzen. Warum geben wir dem Kampf gegen Zika nicht höhere Priorität als  den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele?

Ich sagte zu Beginn, dass ich nicht zu den Spielen gehen werde. Nun, ich  hatte auch vorher nicht geplant, dorthin zu fahren. Aber wer – sofern die  Epidemie im August noch immer besteht – wird sagen: „Lasst uns die Kinder einsammeln  und nach Brasilien fahren, um einen Diskuswurf mitten in einer Zika-Epidemie anzusehen?“  Das wird einfach nicht passieren. Die Tourismuszahlen für Brasilien werden  fürchterlich sein; die Medien werden ununterbrochen über Zika berichten. Es  wird alles ein großes Chaos sein.

Wenn wir die Olympischen Spiele allerdings um 6 oder 9 Monate  verschieben, werden wir vielleicht einen besseren diagnostischen Test haben.  Vielleicht wird es einen Test geben, der uns ein Screening der Blutspender  erlaubt, damit nicht die gesamte Blutversorgung mit diesem Virus infiziert wird.  Wir werden vielleicht besser verstehen lernen, wie lange das Virus im Körper  verharrt und wie lange es danach dauert, bis Sex wieder sicher ist. Vielleicht  werden wir eine Impfung entwickeln können. Dies sind alles positive Ergebnisse,  auf die es sich zu warten lohnt. Deshalb frage ich: Warum fordern wir dies  nicht? Warum einigt sich das öffentliche Gesundheitswesen nicht darauf, dass es  Zeit ist, die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio zu verschieben?

Ich bin Arthur Caplan aus der Abteilung für Medizinethik des Langone  Medical Centers an der New York University. Vielen Dank.

 

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