Erst der Krebs, dann die Armut: Patienten droht oft die Rente – mit erheblichen finanziellen Einbußen

Maren Schenk

Interessenkonflikte

22. Februar 2016

Heidelberg – „Das Gefühl existenzieller Bedrohung durch wirtschaftliche Not ist bei Krebspatienten oft schlimmer als die Angst vor der Krankheit“, schilderte Jürgen Walther, der Leiter des Sozialdienstes im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), seine Erfahrungen. Auf einer Veranstaltung des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg stellte er kürzlich einen typischen Beratungsfall vor [1].

Jürgen Walther

© Philip Benjamin

Zum einen berichten Patienten von zahlreichen Belastungen, z.B. verlorenes Selbstwertgefühl, das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gewachsen oder ausgeschlossen zu sein, und Versagensgefühle – zum anderen aber auch von wirtschaftlicher Not. „Beratungen zur wirtschaftlichen Existenzsicherung machen bei uns inzwischen 40 Prozent unserer Tätigkeit aus“, berichtete Walther. „Probleme mit Leistungsträgern nehmen zu – das ist sehr belastend für Krebspatienten, die meist in einer Extremsituation sind.“

Im Bundesdurchschnitt sind ca. 45 bis 55% der Krebspatienten bei ihrer Diagnose im erwerbsfähigen Alter, am NCT letztes Jahr sogar 70% der vom Sozialdienst Beratenen. Rund 65% der Patienten kehren zurück ins Erwerbsleben, viele leiden aber noch unter den Folgen ihrer Krankheit.

Ein typischer Fall …

Walther berichtete von einem 35-jährigen Patienten mit metastasiertem Magenkarzinom, der verheiratet ist und 3 Kinder hat. Er hat als Facharbeiter in der Metallindustrie ein durchschnittliches Einkommen von etwa 2.600 Euro netto, nach Ablauf von 6 Wochen erhält er ca. 1.800 Euro Krankengeld. „Der Patient ist im März 2015 erkrankt, erhielt im April die Diagnose – und am 15. Juni ein Schreiben seiner Krankenkasse: die Aufforderung nach §51 SGB V, eine Reha-Maßnahme zu beantragen“, berichtete Walther.

„Wenn eine gesetzliche Krankenversicherung die Vermutung hat, dass die Erwerbstätigkeit ihres Patienten erheblich gefährdet ist und voraussichtlich länger als ein halbes Jahr dauert, dann darf sie den Patienten auffordern, eine Reha zu beantragen“, erklärte Walther. „Jeder Antrag auf eine Reha-Maßnahme ist aber auch ein Rentenantrag – das wissen viele nicht.“ Denn wenn sich bei der Reha-Maßnahme herausstellt, dass die Erwerbstätigkeit gefährdet ist, dann kann der Reha-Antrag mit dem Erstellungsdatum in einen Rentenantrag umgewandelt werden. Damit hat der Patient Anspruch auf Rente.

Walther: „Dieses Verfahren hat eigentlich eine Schutzfunktion: Es dient dazu, sehr früh entsprechende (Reha-)Maßnahmen einzuleiten und den Leistungsträger (GKV) davor zu schützen, Menschen zu alimentieren, die eigentlich einem anderen Leistungsträger zugeordnet sind (Rente statt Krankengeld). Das klingt zwar theoretisch gut, ist aber in der Praxis manchmal ein Desaster für die Menschen.“

Denn: Bereits 2,5 Monate nach der Diagnose erhält der Patient ein solches Schreiben. Seine Krankenkasse drohte zudem mit Konsequenzen: Unter anderem wollte sie die Krankengeld-Zahlung einstellen und den Rentenantrag zurückziehen (den er ja noch gar nicht gestellt hatte).

„Ich habe versucht, dem Patienten das Verfahren zu erklären und was sich dahinter verbirgt. Der Mann hatte Angst, er ist noch in der Akutbehandlung – und jetzt soll er Reha beantragen?“ Die Situation sei sehr belastend für ihn gewesen, und es sei ihm schwer zu vermitteln gewesen, dass dies ein reines Verwaltungsverfahren sei, mit dem sich die Krankenkasse Ansprüche gegen einen anderen Leistungsträger sichert, berichtete Walther.

 
Das Gefühl existenzieller Bedrohung durch wirtschaftliche Not ist bei Krebspatienten oft schlimmer als die Angst vor der Krankheit. Jürgen Walther
 

„Dieses Verfahren ist fürchterlich“, betonte er. In diesem Fall waren auch noch rechtswidrige Aufforderungen (z.B. 3 Wochen anstatt 10 Wochen Antragsfrist) und formelle Fehler im Brief enthalten. Außerdem war der Patient ja noch in Akutbehandlung, während der keine Reha-Maßnahme durchgeführt werden kann. „Ich telefoniere in einem solchen Fall mit der Krankenkasse und weise auf die Fehler hin“, so Walther.

Erst Reha, dann Rente?

Im Dezember vergangenen Jahres habe der Patient dann einen weiteren Brief, diesmal von der Rentenversicherung, erhalten: Sein Antrag auf Reha-Maßnahmen sei abgelehnt worden und gelte deshalb als Rentenantrag. Er sei voll erwerbsgemindert seit Krankheitsbeginn im März bis voraussichtlich Oktober 2017, er müsse nur noch den Antrag auf Rente ausfüllen. Doch: „Dies bedeutet einen großen wirtschaftlichen Verlust für diesen Patienten“, erklärte Walther, ihm stehe nur eine Erwerbsminderungsrente von ca. 1.060 Euro zu. Das Verfahren läuft derzeit noch. Der Patient möchte wieder arbeiten, seine Krankheit sei stabil, so der Experte.

„Dies ist nach unseren Erfahrungen kein seltener Fall.“ Denn oft dauert bei Krebspatienten die Behandlung mehr als ein halbes Jahr, dann droht dieses Verfahren. Nach §51 SGB V prüft der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) die Kriterien für eine Erwerbsminderungsrente. Für sein Gutachten schicke der MDK einen Fragebogen an den behandelnden Arzt, der u.a. die folgende Frage enthält: Droht Erwerbsminderungsrente? „Oft kreuzen Ärzte dann ‚ja‘ an, vor allem wenn beim Patienten Metastasen aufgetreten sind“, berichtete Walther.

„Unabhängig vom Ergebnis ist alleine schon das Verfahren extrem belastend für den Patienten“, betonte Walther. Er übernimmt daher oft Telefonate mit den Leistungsträgern, wenn Patienten überfordert sind. „Ich versuche Zeit zu gewinnen, damit der Patient möglichst lange Krankengeld vor der Rente erhält.“ Der Sozialdienst könne Hilfsquellen erschließen und den Anpassungsprozess an die neue Lebenssituation unterstützend begleiten – aber: „Wir können keine Rente erhöhen.“

Erwerbsminderungsrente oft unterhalb der Armutsgrenze

 
Ich versuche Zeit zu gewinnen, damit der Patient möglichst lange Krankengeld vor der Rente erhält. Jürgen Walther
 

Derzeit gilt in Deutschland jemand als armutsgefährdet, wenn er weniger als 979 Euro im Monat zur Verfügung hat (60% des Durchschnittseinkommens). Dies trifft auf rund 16% der deutschen Bevölkerung zu. Die Erwerbsminderungsrente richtet sich nach Beitragsdauer und Verdienst – und liegt im Durchschnitt inzwischen oft unterhalb der Armutsgrenze. So wurden 2014 bei etwa 12,5% von rund 180.000 neuen Erwerbsminderungsrentnern Krebserkrankungen als Ursachen angegeben, also bei rund 20.000 Menschen. Im gleichen Jahr lag die durchschnittliche Erwerbsminderungsrente bei ca. 650 Euro.

„Offizielle Zahlen zu den wirtschaftlichen Problemen von Krebspatienten gibt es nicht“, erklärte Walther. Nach seinen langjährigen Erfahrungen haben Krebspatienten kein höheres Armutsrisiko als andere chronisch Erkrankte, aber sie haben andere emotionale Belastungen. Bei einer Krebserkrankung steigen die Kosten – z.B. durch Zuzahlungen, Fahrkosten, Versorgung von Kindern, Kosten für Pflege – und sinken die Einnahmen – z.B. Krankengeld, Arbeitslosengeld, Erwerbsminderungsrente.

„Wir planen eine Studie, bei der wir die Einkommensentwicklung im Verlauf einer Tumorerkrankung untersuchen. Damit erhoffen wir uns zumindest für diese Gruppe – wir beginnen mit Patienten mit neuroendokrinen Tumoren – Zahlen darüber, wie viele Menschen gefährdet sind, ihren Lebensstandard verringern zu müssen und in die Armut abzustürzen“, so Walther.

„Wir sehen im NCT Einzelfälle, vor allem aus der klassischen Mittelschicht. Patienten, die schon in einer Armutssituation sind, erreichen wir mit unseren Beratungen nicht. Psychoonkologie und Sozialdienst sind klassische Dienste für die Mittelschicht.“

Soziale Beratungsangebote für Tumorpatienten

 

REFERENZEN:

1. Presseworkshop anlässlich des Weltkrebstags am Deutschen Krebsforschungszentrum: „Krebs und Geld“, 21. Januar 2016, Heidelberg

 

Kommentar

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