Warnung vor zu häufigen MRTs: Kontrastmittel Gadolinium kumuliert möglicherweise im Gehirn

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

10. Februar 2016

Noch ist nicht bewiesen, dass Gadolinium-Ablagerungen im Gehirn zu Gesundheitsschäden führen. Aber das Metall, seit Jahrzehnten Bestandteil von Kontrastmitteln für die bildgebende Diagnostik im Rahmen von Magnetresonanztomographien (MRT), kann sich laut japanischen Forschern im Gehirn ablagern. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA hat eine Prüfung dieser eventuellen Risiken durch Gadolinium eingeleitet.

Der Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner e.V. (BDN) rät nun, Gadolinium enthaltende Kontrastmittel vorerst nur bei unvermeidbaren Untersuchungen einzusetzen [1]. Das Herz etwa lasse sich auch mit einer Myokardszintigraphie oder Ultraschall untersuchen, empfiehlt Prof. Dr. Detlef Moka, Facharzt für Nuklearmedizin in Essen und Vorstandsvorsitzender des BDN.

Auswirkungen bei Patienten nach vier oder mehr Kontrast-MRTs

Eine Forschergruppe um Dr. Tomonori Kanda, Department of Diagnostic Radiology des Hyogo Cancer Center, Akashi, Japan, hatte die Signale in unverstärkten T1-gewichteten Magnetresonanz-Untersuchungen (MRT) im Nucleus dentatus, einer Struktur im Kleinhirn, und dem Globus pallidus im Striatum mit anderen Regionen des Gehirns ins Verhältnis gesetzt.

 
Betroffen waren Patienten mit vier oder mehr Kontrast-MRT. Das Risiko steigt offenbar mit der Anzahl der Untersuchungen. Prof. Dr. Detlef Moka
 

Sie fanden hochsignifikante Korrelationen zwischen den Signalstärken in diesen beiden Hirnregionen und der Anzahl von vorausgegangenen MRT-Untersuchungen mit Gadolinium-gestützten Kontrastmitteln (p < 0,001 für beide). Dabei untersuchten sie 381 Patienten, davon allein 19 bzw. 16 mit mindestens 6 MRTs mit bzw. ohne Verwendung Gadolinium-haltiger Kontrastmittel.

„Betroffen waren Patienten mit vier oder mehr Kontrast-MRT“, berichtet Moka. „Das Risiko steigt offenbar mit der Anzahl der Untersuchungen.“ Mehrfachuntersuchungen, die wegen des fehlenden Strahlenrisikos bei der MRT bislang als unbedenklich eingestuft werden, sollten Patienten daher nach Möglichkeit vermeiden. „Man kann nur hoffen, dass weitere Forschungen keine Ergebnisse zeigen, die dazu führen, auf Gadolinium-haltige Kontrastmittel verzichten zu müssen. Das wäre für viele unserer Patienten, die an Tumoren oder entzündlichen Erkrankungen leiden, eine schlechte Nachricht“, bemerkt der Experte weiter.

Komplexiertes Gadolinium wird normalerweise rasch ausgeschieden

Gadolinium liegt in den zugelassenen Kontrastmitteln als Chelat-Komplexe vor und ist unter Berücksichtigung der Kontraindikationen im Allgemeinen gut verträglich. Gesunde Nieren scheiden das Mittel nach kurzer Zeit aus. „Wenn Gadolinium bei Patienten mit Nierenschwäche länger im Körper bleibt, kann es sich allerdings in Haut und Organen ablagern und eine schwere Bindegewebserkrankung, die Nephrogene Systemische Fibrose, auslösen“, erläutert Moka. Diese Kontrastmittel dürfen deshalb bei Patienten mit erheblich eingeschränkter Nierenfunktion nicht mehr eingesetzt werden.

Nach den Ergebnissen der japanischen Studie wäre es vorstellbar, dass sich Gadolinium-Ionen aus ihrem Chelat-Komplex lösen und in bestimmten Hirnstrukturen anlagern könnten. Ob es dadurch zu einer Schädigung kommt, konnte in der Studie jedoch nicht festgestellt werden. Es gibt deshalb derzeit keine darauf bezogenen Einschränkungen in der Verwendung von Gadolinium-haltigen Kontrastmitteln. „Bis neue Ergebnisse vorliegen, sind wir Ärzte jedoch aufgerufen, vor jeder Untersuchung noch gewissenhafter als bisher zu prüfen, ob die Verwendung eines Kontrastmittels mit Gadolinium erforderlich ist“, konstatiert Moka. 

Zur bildgebenden Untersuchung des Herzens gibt es praktikable Alternativen

 
Man kann nur hoffen, dass weitere Forschungen keine Ergebnisse zeigen, die dazu führen würden, auf Gadolinium-haltige Kontrastmittel verzichten zu müssen. Prof. Dr. Detlef Moka
 

Vorerst verzichtbar ist nach Einschätzung des BDN insbesondere das Herz-MRT. Mit der Untersuchung lassen sich Durchblutungsstörungen aufzeigen, es lässt sich die Pumpleistung des Herzens prüfen oder nach einem Infarkt feststellen, welche Teile des Herzmuskels ohne ausreichende Blutversorgung sind. „Für alle diese Aspekte steht uns mit der Myokardszintigraphie eine alternative Untersuchungsmethode zur Verfügung, die ebenso zuverlässig wie sicher ist“, erläutert Moka.

„Die Myokardszintigraphie kam in den vergangenen Jahrzehnten viele Millionen Mal bei der Diagnostik der koronaren Herzerkrankung zum Einsatz“, betont er. Obwohl in begrenztem Umfang Radioaktivität freigesetzt wird, ist diese Technik für die Patienten ungefährlich. „Es wurde bisher kein einziger Fall gefunden, bei dem ein Patient durch die radioaktive Substanz Nebenwirkungen erlitten hat oder Spätfolgen aufgetreten sind. Für die Überprüfung der Pumpleistung des Herzmuskels kommt wahlweise auch Ultraschall in Frage.“ 

 

REFERENZEN:

1. Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner e. V. (BDN): Pressemitteilung, 5. Februar 2015

 

Kommentar

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