Langzeitfolgen von Krebs im Kindesalter: Geheilt heißt nicht gesund

Dr. Thomas Meißner

Interessenkonflikte

5. Februar 2016

Wenn ein Mann in den besten Jahren sich mit Zeichen der Herzinsuffizienz vorstellt, und wenn eine junge Frau, deren Mediastinum während ihrer Pubertät bestrahlt werden musste, einen verdächtigen Knoten in der Brust spürt, lässt sich im Allgemeinen rasch ein Zusammenhang herstellen. Aber so einfach ist es nicht immer. Vieles ist noch unbekannt, bedarf der Forschung.

Klar ist aber: „Voraussichtlich deutlich über 90% der geheilten Krebspatienten werden mit zunehmendem Lebensalter neu diagnostizierte Folgeerkrankungen bekommen“, schreiben Prof. Dr. Thorsten Langer, Universität zu Lübeck, Kinder- und Jugendmedizin, und Kollegen in einer Publikation der Monatsschrift Kinderheilkunde im vergangenen Jahr.

 
Voraussichtlich deutlich über 90 Prozent der geheilten Krebspatienten werden mit zunehmendem Lebensalter neu diagnostizierte Folgeerkrankungen bekommen. Prof. Dr. Thorsten Langer
 

Deshalb müsse die Nachsorge multidisziplinär erfolgen, erklärt der Leiter der Arbeitsgruppe Spätfolgen LESS (Late Effects Surveillance System) gegenüber Medscape Deutschland. „Das können die Kinderärzte nicht alleine machen, wir brauchen die anderen Fachdisziplinen, gerade dann, wenn die Kinder erwachsen geworden sind“, betont Langer. Gemeint sind damit vor allen Dingen Hausärzte und Internisten, aber auch Urologen, Neurologen, Augen- und HNO-Ärzte und andere Fachdisziplinen.

Beispiel Herzerkrankungen: Anthrazykline wie Doxorubicin und Daunorubicin gehören zu den effektivsten Medikamenten in der Kinderonkologie, ihr kardiotoxisches Potenzial ist bekannt. In Kombination mit Bestrahlung können die Herzkranzgefäße geschädigt werden, es treten Erregungsleitungsstörungen auf, eine Herzinsuffizienz bis hin zum plötzlichen Herztod kann die Folge sein. Eine sichere kumulative Anthrazyklin-Dosis scheint es nicht zu geben, individuell reagieren Patienten sehr verschieden auf die Chemotherapeutika, auch mit Blick auf die Langzeitfolgen.

Beispiel Nieren: Radiotherapie, Platinderivate und Ifosfamid können zu leichten Nierenfunktionsstörungen bis zum Fanconi-Syndrom (Glukosurie, Proteinurie, renaler Phosphat- und Bikarbonatverlust) führen.

Beispiel Gehör: Schädelbestrahlungen wegen Hirntumoren verursachen Gefäßobliterationen im Innenohr, Platinderivate schädigen die äußeren Haarzellen des Innenohrs – in der Regel sind beide Ohren von den irreversiblen Hörverlusten betroffen.

 
Das können die Kinderärzte nicht alleine machen, wir brauchen die anderen Fachdisziplinen, gerade dann, wenn die Kinder erwachsen geworden sind. Prof. Dr. Thorsten Langer
 

Bei 20 bis 50% der ehemals krebskranken Kinder ist mit endokrinologischen Folgen zu rechnen – von Störungen des Längenwachstums bis zu Schilddrüsen-Pathologien. Hinzu kommen Zweitmalignome in früheren Bestrahlungsfeldern oder akute Leukämien als Folge der Behandlung mit Topoisomerase-II-Inhibitoren. Methotrexat-Behandlungen können neurokognitive Defiziten bedingen, Alkylanzien Unfruchtbarkeit, andere Substanzen haben Katarakte oder Polyneuropathien zur Folge.

Pläne und Leitlinien für die Langzeitbeobachtung

Die Arbeitsgruppe LESS hat deshalb mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe, der Kinderkrebsstiftung und weiterer Organisationen Nachsorgepläne für Leukämien, Lymphome, solide und ZNS-Tumore erstellt, die in tabellarischer Form im Internet verfügbar sind. Es existiert eine S1-Leitlinie zur Nachsorge krebskranker Kinder ebenso wie eine S3-Leitlinie zur endokrinologischen Nachsorge. Langer bietet Kollegen auch die Möglichkeit einer direkten Kontaktaufnahme mit ihm an.

 
Ziel ist es, künftig zehn bis 15 auf ehemals krebskranke Kinder spezialisierte Zentren in Deutschland zu haben. Prof. Dr. Thorsten Langer
 

Für die Patienten und ihre Angehörigen sollen insgesamt 6 Informationsbroschüren zur Nachsorge hergestellt werden, derzeit stehen 2 zur Verfügung (Leukämie, Knochentumore), in Kürze werden 2 weitere fertiggestellt sein (Hirntumore, Hodentumore).

Nachsorgesprechstunden für erwachsene, ehemals krebskranke Kinder bieten nach Langers Angaben den kinderonkologischen Zentren in Lübeck, Freiburg, Erlangen, Mainz sowie an der Charité Berlin an. „Ziel ist es, künftig zehn bis 15 auf ehemals krebskranke Kinder spezialisierte Zentren in Deutschland zu haben.“ Die Hauptarbeit jedoch müsse dezentral geleistet werden, meint Langer, also von niedergelassenen Internisten und Hausärzten, jeweils in Kooperation mit Kinderonkologen.

 

REFERENZEN:

1. Armstrong GT, et al: NEJM 2016 (online) 13. Januar 2016

2. Langer T, Schuster S, Eggert A: Monatsschr Kinderheilkd 2015;163:1177-78

 

Kommentar

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