Von Rinderzüchtern und „Big Soda“ beeinflusst? An den neuen US Ernährungs-Leitlinien scheiden sich die Geister

Veronica Hackethal, MD

Interessenkonflikte

4. Februar 2016

Wo ist die Evidenz?

Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die Qualität der Forschung, auf der die Empfehlungen basieren. Ob die Studien politisch beeinflusst wurden, ist weniger wichtig als ein zu großes Vertrauen auf Bevölkerungsstudien, „die in Wirklichkeit nur Assoziationen aufzeigen, die niemals mit Ursache und Wirkung verwechselt werden dürfen“, betont Dr. Keith Ayoob vom Albert Einstein College of Medicine, New York, gegenüber Medscape. Das wirkliche Problem sei der Mangel an hochqualitativen randomisierten Kontrollstudien in der Nahrungsmittelforschung.

Unglücklicherweise repräsentieren die augenblicklichen und früheren US-Ernährungs-richtlinien eine beinahe Evidenz-freie Zone. Dr. Steve Nissen

Dieser Gesichtspunkt wird auch in einem Kommentar beleuchtet, der kürzlich online von Dr. Steve Nissen von der Cleveland Clinic in Annals of Internal Medicine veröffentlicht worden ist.

„Ein detaillierter Review der neuen Leitlinien bestätigt eine verstörende Realität: die beinahe völlige Abstinenz von hochqualitativen, randomisierten, kontrollierten klinischen Studien (RCTs), welche die bedeutenden klinischen Ergebnisse ernährungstechnischer Interventionen untersuchen.“

„Der Bericht macht wiederholt Empfehlungen auf der Basis von Beobachtungsstudien und Ersatzendpunkten und unterscheidet nicht zu Empfehlungen, die nur auf der Basis von Expertenkonsens anstatt hochqualitativer RCTs gefallen sind“, kritisiert er. „Unglücklicherweise repräsentieren die augenblicklichen und früheren US-Ernährungsrichtlinien eine beinahe Evidenz-freie Zone“, urteilt Nissen.

Die Kritik an der Qualität der Forschung begann, als die DGAC ihren Bericht zur DHHS und USDA im vergangenen Jahr veröffentlichte.

In einem Beitrag in Mayo Clinic Proceedings and widely critiqued online äußern Dr. Edward Archer und Dr. Gregory Pavela von der University of Alabama in Birmingham und Dr. Carl Lavie von der Queensland University in New Orleans, dass die Hauptquelle der wissenschaftlichen Informationen, die die DGAC genutzt habe, auf „grundlegend fehlerhaften“ Studien basiere, die auf gedächtnisgestützten Protokollen von Nahrungsmittelaufnahmen fußten.

Solche Studien seien „pseudowissenschaftlich” und „wissenschaftlich inakzeptabel“, stellen sie fest, weil die Befragten sich nicht exakt daran erinnern konnten, was sie gegessen haben. Nationale Leitlinien sollten nicht auf den Daten solcher Versuche basieren, erklären sie.

Gesundheitsforscher wie Dr. Brenda Davy und Dr. Paul Estabrooks von der Virginia Tech in Blacksburg wenden in einem Editorial in derselben Ausgabe ein, dass die Limitationen der Selbstangaben bei Ernährung und körperlichen Aktivität bekannt seien und durch Nutzung verschiedener Datenquellen ausgeglichen werden könnten.

Davy und Estabrooks heben hervor, dass 2 der 3 Autoren (Archer und Lavie) des Beitrags finanzielle Beziehungen zu Coca Cola einräumen, „einer der Hauptfinanziers der Bemühungen, die DGAC zu kritisieren“.

Sie heben auch hervor, dass die DGAC ohnehin schon die Notwendigkeit von mehr RCTs betont habe, um den Bedarf für die Forschung an Nahrungsmittel-Biomarkern zu unterstreichen.

„Ich denke das Leitlinien-Komitee wäre das erste, das einräumen würde, dass sie manchmal nicht genügend gute Informationen haben, doch sie müssen sie (die Leitlinien) auf die verfügbare Evidenz stützen“, hob Ayoob hervor.

Das große Ganze im Blick: Empfehlungen für die Öffentlichkeit

Laut Lichtenstein geht es vor allem darum, das ultimative Ziel im Blick zu behalten. „Um in den Augen der Öffentlichkeit Glaubwürdigkeit zu behalten und um zu Veränderungen hin zu gesünderen Gewohnheiten der Nahrungsaufnahme zu ermutigen, denke ich, dass wir unseren Blick auf das große Ganze richten sollten statt nach Wegen zu suchen, die DGAC zu unterminieren“, sagt sie.

Was heißt das nun für Mitarbeiter des Gesundheitswesens? „Sie müssen den Leuten Hinweise geben, was praktikabel ist. Das sind Leitlinien, keine Vorschriften. Sie als Vorschrift für den Einzelnen zu sehen, führt in die Irre“, sagt Ayoob gegenüber Medscape.

Der springende Punkt sei es, praktikabler Empfehlungen für eine Veränderung zu erarbeiten, stellte Lichtenstein fest. Beispielsweise: Esse jemand zu viel verarbeitetes Fleisch, könne dies daran liegen, dass derjenige wenige Optionen an seinem Arbeitsplatz habe. Vorschläge die Ernährung zu verbessern, könnten dann darin bestehen, das Essen von zuhause mitzubringen oder es an anderen Orten zu kaufen, wo auch Mahlzeiten ohne verarbeitetem Fleisch angeboten werden.

Ein anderes Beispiel sei, den Menschen dabei zu helfen, die benötigten Zuckerkalorien intelligent zu sich zu nehmen, kommentiert Ayoob. Eine gute Möglichkeit biete dazu Joghurt statt zuckergesüßter Getränke. Die meisten Menschen zögen süßen Joghurt vor und die meisten Menschen bekämen nicht ausreichend Calcium und Probiotika, erklärt er.

Lichtenstein meint, dass große Veränderungen nicht notwendig seien. Die Verschiebung verschiedener Komponenten hin zu einem gesünderen Ernährungsmuster könnten alles sein, was erforderlich ist.

„Aus Sicht der Kliniker muss dazu wahrscheinlich eine individuelle Anpassung für jeden Patienten stattfinden”, sagt sie, „das mag wie eine große Aufgabe erscheinen, doch vermutlich muss das nur gelegentlich so sein.“

Kommentar

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