Von Rinderzüchtern und „Big Soda“ beeinflusst? An den neuen US Ernährungs-Leitlinien scheiden sich die Geister

Veronica Hackethal, MD

Interessenkonflikte

4. Februar 2016

Nun liegen die neuen Ernährungs-Leitlinien für USA 2015 bis 2020 vor – und die Reaktionen sind sehr unterschiedlich [1]. Sie reichen von positiv unterstützend bis hin zu heftiger Kritik. Schon im Vorfeld waren sie heftig kritisiert worden, wie Medscape Deutschland berichtet hat. Die Experten haben nun die ersten Eindrücke verarbeitet. Medscape hat die verschiedenen Meinungen eingeholt.

Kritiker, einschließlich das Center for Science in the Public Interest und Experten in Harvard und Yale – äußerten gegenüber verschiedenen Medien, auch Medscape, dass die Leitlinien verwässert und politisch und industriell beeinflusst seien. Die größte Kontroverse besteht aber hinsichtlich der Qualität der Evidenz, auf welcher die Leitlinien fußen. Ebenfalls oft kritisiert: Dass es unterblieb, spezifische Nahrungsmittel als „schlecht“ zu klassifizieren. Hinzu kommt, dass die Leitlinien keine Empfehlungen zur Nachhaltigkeit beinhalten.

Andere Experten sind zurückhaltender: Die American Medical Association blieb relativ neutral und die Academy of Nutrition and Dietetics kam zu dem Schluss, diese Leitlinien sollten unterstützt werden.

Leitlinien nicht präzise genug

Zum Hintergrund: Das US Dietary Guidelines Advisory Committee (DGAC) hatte die wissenschaftliche Evidenz geprüft und dem Department of Health and Human Services (DHHS) und United States Department of Agriculture (USDA) im letzten Februar einen Bericht zum Thema Nachhaltigkeit geliefert. Das DGAC schloss auch ausdrücklich die Reduktion zucker-gesüßter Getränke und des Konsums roten und verarbeiteten Fleisches in seinen Bericht ein.Doch spezifische Referenzen zu diesen Nahrungsmitteln finden sich nun in den neuen Leitlinien nicht.

Fairerweise sei erwähnt, dass die Leitlinien tatsächlich empfehlen, insgesamt weniger und magereres Fleisch zu essen, aber dies kann rotes und verarbeitetes Fleisch umfassen, solange das allgemeine Essverhalten innerhalb der empfohlenen Grenzen von Salz, zugesetztem Zucker und gesättigten Fetten bleibt.

Zusätzlich erwähnt Kapitel 1 detaillierte Strategien für die Zucker-Reduktion und empfiehlt, „statt zuckergesüßter Getränke lieber solche ohne zugesetzten Zucker wie Wasser zu wählen, die Portionsgrößen bei zuckergesüßten Getränken zu reduzieren, diese seltener zu trinken und solche auszuwählen, die weniger Zucker enthalten“.

Aber viele Experten bleiben dennoch dabei, dass die Leitlinien nicht präzise genug sind und Möglichkeiten zur Krankheitsprävention auslassen und sie unterstellen, dass die Industrie dabei ihre Hand im Spiel hatte.

Eher „nahrungsmittelpolitische als Ernährungsleitlinien“

Prof. Dr. David L. Katz von der Yale University zeigt sich dabei besonders kritisch. Er nannte die Leitlinien in Social Media Posts eine „nationale Schande“. In einem Kommentar in der Huffington Post schrieb er, dies seien „Leitlinien, die dazu dienen, öffentliche Gesundheit und Firmenprofite gegeneinander aufzuwiegen“.

 
Die Leitlinien tragen offenbar die Hufabdrücke der Rinderzüchtervereinigung und die klebrigen Fingerabdrücke von Big Soda. Dr. Walter Willett
 

Katz erklärt, dass dies „eher Nahrungsmittel-politische als Ernährungsleitlinien für Amerika“ seien und er hat eine Online-Petition ins Leben gerufen, die versucht, den Namen der Veröffentlichung entsprechend zu ändern.

Eine andere einflussreiche Persönlichkeit, Dr. Walter Willett von der Harvard T.H. Chan School of Public Health, stimmt zu: „Die Leitlinien tragen offenbar die Hufabdrücke der Rinderzüchtervereinigung und die klebrigen Fingerabdrücke von Big Soda. Sie versagen dabei, die beste verfügbare wissenschaftliche Evidenz abzubilden und sind ein Bärendienst an der amerikanischen Öffentlichkeit …“ schreibt er in einem Online-Kommentar.

Der Bericht der DGAC „äußerte sich klar über die schädlichen Gesundheitseffekte von rotem und verarbeitetem Fleisch sowie von gesüßten Getränken, und die USDA hat sich in Zensur und Verschleierung verwickeln lassen“, fügt Willett hinzu.

Kommentar

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