Mukoviszidose: Kausaler personalisierter Wirkansatz mit Ivacaftor ist auch für Vorschulkinder vielversprechend

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

2. Februar 2016

Die erste Studie des Mukoviszidose-Medikaments Ivacaftor (Kalydeco®, Vertex Pharmaceuticals) bei Klein- und Vorschulkindern zeigte vielversprechende Ergebnisse: Bei 34 Kindern im Alter von 2 bis 5 Jahren mit der Stoffwechselkrankheit und einem speziellen Gendefekt, einer bestimmten Mutation des CFTR-Proteins (Cystic Fibrosis Transmembrane Conductance Regulator), erwies sich Ivacaftor in Dosierungen von 50 bzw. 75 mg als sicher und gut verträglich. Zudem führte das Medikament zu einem signifikanten Anstieg des Gewichts, einem Rückgang der Chlorid-Konzentration im Schweiß und möglicherweise sogar zu einer Verbesserung der exokrinen Pankreasfunktion. Das berichten die Autoren der KIWI-Studie, einer einarmigen Open-Label Phase-3-Studie [1].

Dr. Ernst Rietschel

„Das war eine kleine Studie, aber wir sind von den Ergebnissen begeistert“, sagt Studienleiterin Prof. Dr. Jane Davies vom National Heart and Lung Institute am Imperial College London. „Ivacaftor ist möglicherweise eine neue Therapieoption, die wir Kindern ab 2 Jahren, die unter zystischer Fibrose mit einer CFTR-Gating-Mutation leiden, anbieten können.“ Die Therapie könne „beträchtliche Auswirkungen“ auf das Leben dieser Kinder haben, so Davies‘ Prognose.

Als „großartige Studie“ bezeichnet Dr. Ernst Rietschel, Leiter des Schwerpunktes Pädiatrische Pneumologie und Allergologie der Klinik und Poliklinik für Kinder-und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Köln, die Untersuchung der britischen und amerikanischen Kollegen. „Denn erstmals wird ein Medikament bei Kindern dieser Altersgruppe mit Mukoviszidose getestet“, erklärt er im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Es ist eine tolle Leistung, so viele Kinder und Eltern zu einer Teilnahme zu motivieren.“

Rund vier Prozent der Mukoviszidose-Patienten profitieren

 
Das war eine kleine Studie, aber wir sind von den Ergebnissen begeistert. Prof. Dr. Jane Davies
 

Mukoviszidose (zystische Fibrose; CF) betrifft bekanntlich neben den Atemwegen auch die Bauchspeicheldrüse und die Verdauungsorgane. In Deutschland kommen jährlich rund 200 Kinder mit der Krankheit zur Welt. Rund 8.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene leben hierzulande mit der unheilbaren Krankheit, in deren Verlauf sich die Lungenfunktion immer weiter verschlechtert. Ursache der CF sind Mutationen im Gen, das für das Membranprotein CFTR kodiert, welches den Salztransport in die Zellen reguliert. Dies führt zu zähen Sekreten in verschiedenen Organen, was Entzündungen, Fehlfunktionen und Infektionen auslöst.

Ivacaftor, ein CFTR-Potentiator, wurde 2012 von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) und der Food and Drug Administration (FDA) als erstes ursächlich wirksames Medikament zur Behandlung von CF bei Erwachsenen und Kindern ab 6 Jahren zugelassen. Im November 2015 erfolgte die Zulassung der EMA für Kinder ab 2 Jahren.

Eine Behandlung mit Ivacaftor resultiert Studien zufolge in einer Reduzierung der Chlorid-Konzentration im Schweiß sowie erheblichen und beständigen Verbesserungen der Lungenfunktion und der Atemwegsbeschwerden sowie einer Gewichtszunahme. Allerdings wirkt es nur bei weltweit etwa 4% aller CF-Patienten – nämlich nur bei denen, die unter dem G551D-Gendefekt, einer seltenen Mutation im CFTR-Gen, leiden. In Deutschland seien rund 20 Kinder von 2 bis 5 Jahren von diesem speziellen Gendefekt betroffen, sagt Rietschel.

Sicherheitsprofil von Ivacaftor entsprach dem bei Erwachsenen und Schulkindern

In der KIWI-Studie wurde Ivacaftor erstmals bei Kindern dieser Altersgruppe mit der Diagnose CF und einer „Gating-Mutation“ auf mindestens einem Allel getestet. Die Kinder erhielten eine Dosis von 50 mg bei einem Körpergewicht unter 14 kg und 75 mg, wenn sie 14 kg oder mehr auf die Waage brachten; jeweils zweimal pro Tag. Die Kinder wurden Anfang 2013 in 15 Kliniken in Großbritannien, den USA und Kanada rekrutiert und in 2 Studienphasen mit Ivacaftor behandelt.

 
Erstmals wird ein Medikament bei Kindern dieser Altersgruppe mit Mukoviszidose getestet. Dr. Ernst Rietschel
 

In Teil A erhielten 9 Kinder das Medikament für 4 Tage, um die Sicherheit über kurze Zeit zu überprüfen. In Teil B komplettierten 33 von 34 Kindern eine 6-monatige Behandlungsphase; 8 von ihnen hatten auch an Teil A teilgenommen.

Insgesamt haben die teilnehmenden Kinder (Gewicht mindestens 8 kg) das Medikament gut vertragen; das Sicherheitsprofil entsprach dem bei Erwachsenen und Schulkindern, berichten Davies und ihre Kollegen. Etwas mehr als die Hälfte der Kinder (56%) klagte während der Behandlung über Husten, 10 Kinder (29%) litten unter Erbrechen. Letzteres „wirft die Frage auf, ob die veranschlagte Dosis wirklich notwendig ist, um therapeutischen Nutzen zu erzielen“, schreiben Dr. Sophie Yammine von der Universitätsklinik für Kinderheilkunde am Universitätsspital Bern und ihre Kollegen in einem Editorial zur KIWI-Studie [2].

Bei 5 Kindern (15%) zeigte der Leberfunktionstest (LFT) während der Behandlung Werte, die die obere Grenze der Normalwerte um das Achtfache überstiegen. Bei einem Kind wurde die Behandlung mit Ivacaftor daraufhin abgebrochen, bei den übrigen 4 unterbrochen. Alle Kinder mit erhöhten LFT-Werten hatten bereits vor der Behandlung erhöhte Werte. Alle Erhöhungen waren nach dem Absetzen von Ivacaftor reversibel.

Kommentar

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