Kolonkarzinom im Stadium II: Neuer Biomarker hilft bei Entscheidung über adjuvante Chemotherapie

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

1. Februar 2016

US-Krebsforscher haben ein Markerprotein entdeckt, das eine Vorhersage der Prognose nach kurativ intendierter Resektion eines Kolonkarzinoms ermöglicht – und mit dem sich darüber hinaus möglicherweise Patienten im UICC-Stadium II identifizieren lassen, die von einer adjuvanten Chemotherapie profitieren. „Im Stadium II haben Patienten nach der Operation bereits eine recht gute Prognose, das Fünfjahres-Überleben liegt bei über 80 Prozent“, sagt der Darmkrebsspezialist Prof. Dr. Dirk Arnold vom CUF Hospitals Cancer Centre, Lissabon, Portugal, gegenüber Medscape Deutschland. „Es stellt sich deshalb die Frage, ob und bei wem eine adjuvante Chemotherapie noch Sinn macht.“

Während in den vergangenen 10 Jahren signifikant mehr Patienten mit Stadium-III-Erkrankungen aufgrund der zunehmenden Implementierung der adjuvanten Therapie krankheitsfrei überleben, ließ sich dieser Therapieerfolg nicht auf Patienten in früheren Stadien der Erkrankung übertragen. „Es fehlen einfache, verlässliche Kriterien für die Identifikation von Patienten in früheren Krankheitsstadien, die ein höheres Rezidivrisiko haben, und bei denen deshalb die Risiken einer Chemotherapie durch den Nutzen einer verbesserten Überlebenswahrscheinlichkeit aufgewogen werden“, schreiben die Autoren um Prof. Dr. Piero Dalerba vom Herbert Irving Comprehensive Cancer Center der Columbia University in New York.

Prof. Dr. Dirk Arnold

„Momentan richtet sich die Entscheidung für oder gegen eine adjuvante Chemotherapie vorwiegend nach den bekannten klinischen Risikofaktoren, etwa einer Perforation vor oder während der Operation, oder einer unzureichenden Anzahl untersuchter Lymphknoten“, erklärte Arnold.

CDX2-negative Tumoren mit schlechterer Prognose

Dalerba und seine Kollegen durchsuchten eine Datenbank mit mehr als 2.300 menschlichen Genexpressions-Arrays sowohl von gesundem Darmgewebe als auch von Kolorektalkarzinomen nach geeigneten prognostischen Biomarkern und stießen auf CDX2. „Der Transkriptionsfaktor CDX2 landete bei unserem Screening auf Platz 1, da für ihn bereits ein diagnostischer Labortest zur Verfügung steht“, schreiben die Autoren. „CDX2 ist ein Masterregulator der intestinalen Entwicklung und Onkogenese, seine Expression ist hochspezifisch für das Darmepithel.“ 87 von 2.115 Tumorproben (4,1%) wiesen keine CDX2-Expression auf.

In einer Kohorte von 466 Patienten mit Kolonkarzinom im UICC-Stadium II und III zeigte sich, dass die Expression von CDX2 tatsächlich mit dem Überleben assoziiert war: Bei den 32 Patienten (6,9%) mit CDX2-negativen Kolorektalkarzinomen war die krankheitsfreie 5-Jahres-Überlebensrate signifikant niedriger als bei den 434 Patienten (93,1%) mit CDX2-positiven Karzinomen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient mit CDX2-negativem Kolorektalkarzinom ein Rezidiv hatte, war 3,44-mal höher als bei Patienten mit CDX2-positiven Karzinomen.

 
Es fehlen einfache, verlässliche Kriterien für die Identifikation von Patienten in früheren Krankheitsstadien, die ein höheres Rezidivrisiko haben. Prof. Dr. Piero Dalerba und Kollegen
 

Zur Validierung ihrer Ergebnisse analysierten Dalerba und seine Kollegen eine zweite Gruppe von 314 Patienten. Auch hier war das krankheitsfreie 5-Jahres-Überleben bei den 38 Patienten (12,1%) mit CDX2-negativem Karzinom signifikant niedriger als bei den 276 Patienten (87,9%) mit CDX2-Protein-positiven Karzinomen. Die Wahrscheinlichkeit für ein Rezidiv war um das 2,42-Fache höher.

In beiden untersuchten Patientengruppen waren die Ergebnisse unabhängig von Alter, Geschlecht, Tumorstadium und Differenzierungsgrad.

Bei den Patienten im Stadium II war der Unterschied im krankheitsfreien 5-Jahres-Überleben in beiden untersuchten Patientengruppen signifikant. In der ersten Gruppe lag es bei 49% unter 15 Patienten mit CDX2-negativen Tumoren vs 87% unter 191 Patienten mit CDX2-positiven Tumoren. In der zweiten Gruppe ergab sich für Stadium-II-Patienten (n = 15) mit CDX2-negativen Tumoren ein 5-Jahres-Überleben von 51%, verglichen mit 80% bei den 106 Patienten mit CDX2-positiven Tumoren.

Prädiktiver Parameter für Nutzen einer Chemotherapie

Patienten mit Kolonkarzinom ohne CDX2-Expression scheinen außerdem von einer adjuvanten Chemotherapie eher zu profitieren: In einer gepoolten Datenbank aller Patientengruppen war das rezidivfreie 5-Jahres-Überleben bei den 23 Patienten mit CDX2-negativen Tumoren im Stadium II, die mit einer adjuvanten Chemotherapie behandelt worden waren, signifikant höher als bei den 25, die keine adjuvante Chemotherapie erhalten hatten (91 vs 56%).

 
Ein Biomarker … kann nicht alleine ausschlaggebend sein. Er kann – möglicherweise in sehr dominanter Stellung – aber immer nur zusammen mit anderen Entscheidungskriterien Anwendung finden. Prof. Dr. Dirk Arnold
 

„Die Zahl der tatsächlich behandelten Patienten war sehr klein und da es sich um eine retrospektive und damit zudem nicht randomisierte Auswertung handelt, lässt sich nicht ausschließen, dass andere klinische Parameter die Studienergebnisse beeinflusst haben“, sagt Arnold. „Ein eindeutiger Schluss für das klinische Vorgehen lässt sich aus diesen Beobachtungen deshalb noch nicht ziehen.“

Auch Dalerba und seine Kollegen betonen: „Angesichts des exploratorischen und retrospektiven Designs unserer Studie bedürfen diese Ergebnisse der weiteren Validierung und Bestätigung in randomisierten klinischen Studien.“

„Der Bedarf an einem solchen Biomarker besteht ohne Zweifel“, sagt Arnold, „und wir nutzen solche Biomarker auch schon bei anderen Tumorentitäten. Doch ein Biomarker, egal wie gut er sein mag, kann nicht alleine ausschlaggebend sein. Er kann – möglicherweise in sehr dominanter Stellung – aber immer nur zusammen mit anderen Entscheidungskriterien Anwendung finden. Nicht umsonst legen die deutschen Leitlinien zum Kolorektalkarzinom sehr viel Wert darauf, dass alle prognostischen und/oder prädiktiven Biomarker nicht das Gespräch mit dem Patienten über den möglichen Nutzen und die Risiken ersetzen können.“

 

REFERENZEN:

1. Dalerba P, et al: NEJM 2016;374:211-22

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....