Traumjob Hausarzt: Umfrage in Mecklenburg-Vorpommern ergibt hohe Berufszufriedenheit – zu Recht?

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

27. Januar 2016

„Was macht Ärzte glücklich?“ Schon der Titel der Studie macht gute Laune. Forscher vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Rostock haben anhand einer Befragung von Hausärzten in Mecklenburg-Vorpommern untersucht, wie es um ihre Berufszufriedenheit in dem ländlich geprägten Raum steht und kommen dabei zu einem äußerst positiven Befund: Knapp ein Viertel der befragten Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern, gab an, „sehr zufrieden“ mit ihrem Beruf zu sein. 49 Prozent bezeichneten sich immerhin noch als „eher zufrieden“ [1]. Es zeigte sich vor allem, dass die jüngeren Ärzte – insbesondere die in einer Gemeinschaftspraxis tätigen – ihre Situation deutlich positiver bewerteten als die älteren Kollegen.

Unzufriedenheit nur mit administrative Verpflichtungen und Arbeitsbelastung

Für ihre Studie hatten die Rostocker Wissenschaftler sämtliche 1.133 Hausärzte in Mecklenburg-Vorpommern angeschrieben. Sie erhielten einen relativ hohen Rücklauf: 568 Hausärzte, knapp die Hälfte, antwortete. Antworten waren auf einer Skala von 1 (= sehr unzufrieden) bis 5 (= sehr zufrieden) möglich.

Zufrieden bis sehr zufrieden waren die befragten Hausärzte mit dem Verhältnis zu Kollegen (Mittelwert 4,01 Skalenpunkte), dem Verhältnis zu ihren Mitarbeitern (4,41), dem Arzt-Patienten-Verhältnis (4,47), der Einbindung in die Gemeinde/Nachbarschaft vor Ort (4,02), den zur Verfügung stehenden Ressourcen (4,54) und dem Leben im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern (4,17). Unzufriedenheit zeigten die Hausärzte vor allem in den Bereichen „Administrative Verpflichtungen“ (2,49) und Arbeitsbelastung (2,38).

 
Stimmen die empfundene Qualität der Versorgung und die Vergütung, können Hausärzte administrative Übel damit kompensieren. Dr. Christin Löffler und Kollegen
 

„Angesichts eines sich immer stärker abzeichnenden Hausärztemangels in ländlichen Räumen sollten diese positive Sichtweisen auf den Arztberuf stärker in den Fokus der öffentlichen Darstellung und der universitären Ausbildung rücken“, so die Erstautorin Dr. Christin Löffler und ihre Kollegen. Womöglich könnten sich dann auch wieder mehr Medizinstudenten vorstellen, später einmal eine Hausarztpraxis auf dem Land zu übernehmen.

Viel Arbeit, aber auch viel Spaß

Die Ergebnisse bestätigten, dass „viele praktizierende Hausärzte ihren Beruf als ausgesprochen erfüllend empfinden. Sie wertschätzen den Patientenkontakt und das breite fachliche Spektrum“, kommentiert Prof. Dr. Nils Schneider, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Prof. Dr. Nils Schneider

Schneider hat mit seinen Kollegen eine ähnliche Befragung im Auftrag der Bundesärztekammer– unter Ärzten in Niedersachsen durchgeführt – und ist zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Die ländliche Gegend kann laut Schneider wesentlich dazu beitragen, dass das Arbeiten mehr Spaß mache. Zwar hätten Landärzte teilweise noch mehr Arbeit, aber dafür weniger Reibungsverluste. So sei der Kontakt zwischen den Ärzten und dem örtlichen Krankenhaus nicht selten sehr gut.

Gleichen die Vorteile des Landarzt-Berufs die Nachteile aus?

Doch die Hausärzte drücken auch ihren Unmut in der Befragung aus: Über die Fülle der administrativen Aufgaben äußerten 52% der Hausärzte starke bis sehr starke Unzufriedenheit. Als Belastung wurde auch die hohe Zahl der zu betreuenden Patienten empfunden: 57% der befragten Ärzte gaben an, diese sei in den letzten Jahren gestiegen. 74% wünschten sich auch mehr Zeit für die Betreuung von einzelnen Patienten.

Löffler und ihre Kollegen analysierten, wie stark die einzelnen Faktoren die Gesamtzufriedenheit beeinflussen und führten eine Regressions-Analyse durch. „Es zeigte sich, dass gerade der administrative Aufwand zwar als stark negativ empfunden wurde, auf die Berufszufriedenheit insgesamt jedoch nur einen geringen Einfluss hat“, schreiben sie. Viel bedeutsamer seien in diesem Zusammenhang etwa das Arzt-Patienten-Verhältnis, die Vergütung, Freizeit, das Verhältnis zu Kollegen oder die Patientenversorgung. „Stimmen die empfundene Qualität der Versorgung und die Vergütung, können Hausärzte administrative Übel damit kompensieren“, schlussfolgern die Autoren.

Diese Interpretation seiner Kollegen ist Schneider jedoch „zu rosa getönt, weil sie nur das Positive am Hausarztberuf hervorhebt. Das fällt mir zu einseitig aus“, kritisiert er an der Studie, die vom Land Mecklenburg-Vorpommern unterstützt wurde. „Die Autoren stellten es so dar, als ob die empfundenen Vorteile die empfundenen Nachteile ausgleichen könnten. Das kann man in Studien zwar statistisch errechnen, aber im wahren Leben in der Praxis geht das nur bedingt“, schränkt er ein. Aus Gesprächen mit Hausärzten wisse man schließlich, dass viele über die Bürokratie und das Abrechnungssystem extrem frustriert seien, so Schneider. Hier sei es nützlicher, auf den Missstand hinzuweisen, anstatt ihn zu „kompensieren“, meint er.

 
Die Interpretation der Studie hebt nur das Positive am Hausarztberuf hervor. Das fällt mir zu einseitig aus. Prof. Dr. Nils Schneider
 

Trotz seiner Einwände, findet es Schneider gut und innovativ, den Einfluss einzelner Dimensionen auf die Gesamtzufriedenheit zu ermitteln. Eine Stärke der Studie sei es, die Faktoren zu gewichten und gegenüberzustellen. Insgesamt sei die Studie methodisch gut gemacht, hob er hervor. Löblich sei, dass die Forscher vor ihrer Befragung qualitative Interviews in Fokusgruppen geführt hatten, um dies in die Fragebogenentwicklung zu integrieren und Hypothesen zu generieren.

Ältere Hausärzte sind unzufriedener als jüngere

Ein spannendes Ergebnis der Studie sei es ferner, dass jüngere Hausärzte signifikant zufriedener als ältere Hausärzte sind (3,93 vs 3,73), meint der Allgemeinmediziner. „Die Vermutung liegt nahe, dass die älteren Ärzte in ihrer Niederlassung eher frustriert sind durch die administrative Belastung“, sagt Schneider. Sie seien aber auch gefrustet, weil sie wegen des Hausärztemangels oft vergeblich versuchten, ihre Praxis zu verkaufen. Jüngere Ärzte, die sich in Gemeinschaftspraxen niederließen, sind insgesamt zufriedener (3,93 vs 3,77), fanden die Autoren der Studie heraus.

Allerdings sei es nicht trennscharf, beim Alter einen Cut ab 50 Jahren zu machen, da sich Ärzte in unterschiedlichen Lebensphasen frisch niederlassen können und so zu den „Neulingen“ zählten, bemängelte Schneider. Präziser wäre es gewesen, die Anzahl der Jahre in der Niederlassung zu erheben.

Ärzte, die von einem guten Arzt-Patienten-Verhältnis berichten, sind auch zufriedener als jene, die das Arzt-Patienten-Verhältnis eher als schwächer beurteilten (Odds Ratio: 1,6; p = 0,130). Um das 3-bis 4-Fache steigert sich jeweils die Berufszufriedenheit im Bereich „Patientenversorgung (OR: 04,3, p < 0,001). Ärzte, die von einem guten Verhältnis zu Kollegen berichteten, fühlten sich gegenüber jenen mit einem schwierigen Verhältnis doppelt so zufrieden (OR: 2,1; p = 0,002).

Im Bereich der Vergütung, empfinden 53% der befragten Hausärzte ihr Einkommen als fair und angemessen, 22 % stimmten dem nur teilweise zu.

Zufriedene Hausärzte sind gute Hausärzte

Der Faktor Berufszufriedenheit hänge insgesamt mit der Qualität der medizinischen Versorgung zusammen, betonen Löffler und ihre Kollegen. So sei es bekannt, dass unzufriedene Ärzte weniger produktiv und effizient arbeiten, häufiger Fehlzeiten haben und dazu neigen, aus der medizinischen Versorgung auszuscheiden oder eine Frühverrentung in Betracht zu ziehen. Sie verordneten unnötige Medikamente und Untersuchungen und wenden weniger Zeit für ihre Patienten auf. „Auf der anderen Seite kann eine hohe Berufszufriedenheit dazu beitragen, die Effizienz des Gesundheitssystems zu steigern“, so die Autoren.

 

REFERENZEN:

Löffler C, et al: Gesundheitswesen 2015; 77(12): 927-931

 

Kommentar

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