Schlank sein reicht nicht: Mangelnde Fitness in jungen Jahren heißt höheres Hypertonierisiko in der Lebensmitte

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

25. Januar 2016

Schlank sein reicht nicht. Wer hohem Bluthochdruck vorbeugen will, muss auch etwas für die körperliche Fitness tun, und das schon im jungen Erwachsenenalter. Dies belegt jetzt  eine prospektive Analyse von mehr als 1,5 Millionen schwedischen Wehrpflichtigen eindrucksvoll [1]. Rekruten, die mit 18 Jahren nicht körperlich fit waren, litten mit 50 Jahren mit erhöhter Wahrscheinlichkeit an Hypertonie, und dies egal ob sie als junge Erwachsene übergewichtig oder normalgewichtig waren.

Prof. Dr. Hans-Georg Predel

„Diese Studie ist ein massiver Weckruf“, sagt Prof. Dr. Hans-Georg Predel, Sprecher der Sektion Sport und nichtmedikamentöse Hochdrucktherapie der Deutschen Hochdruckliga, gegenüber Medscape Deutschland. „Es reicht also nicht schlank zu sein, wenn man dabei total schlaff ist.“ Diese Studie betreffe eine Altersgruppe, die in den letzten Jahren große Veränderungen erfahren habe. Auch durch die digitale Revolution sei die Fitness unserer Jugendlichen seit Jahren im Rückgang begriffen, gleichzeitig nähme das Durchschnittsgewicht dieser Population zu.

„Wir müssen junge Erwachsene dafür sensibilisieren, dass die Weichen bezüglich der künftigen Gesundheit sehr früh gestellt werden und der Zug bei ungünstigem Lebensstil schon frühzeitig in die falsche Richtung abfährt.“

Die Studienergebnisse beruhen auf der Wehrdienstuntersuchung von 1.547.189 schwedischen Wehrpflichtigen zwischen 1969 und 1997. Im Laufe der 2-tägigen Untersuchung wurde unter anderem der BMI ermittelt, die aerobe Fitness (in Watt) und die Muskelkraft (in Newton) gemessen. Als geringe aerobe Fitness galt eine Leistung unter 240 Watt auf dem Fahrrad-Ergometer, als geringe Muskelkraft war ein Wert unter 1.900 Newton beim Dynamometer-Test definiert. Die Männer wurden maximal bis zu einem Alter von 62 Jahren nachbeobachtet, im Schnitt lief das Follow-up über 26 Jahre.

Ausdauerleistung ist Prädiktor für Bluthochdruck

 
Diese Studie ist ein massiver Weckruf. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

In dieser Zeit wurde bei gut 93.000 (6%) Hypertonie diagnostiziert, im Schnitt im Alter von 50 Jahren. Ein hoher Body-Mass-Index (BMI) im Alter von 18 Jahren war ein signifikanter Risikofaktor für eine spätere Hypertonie. Übergewichtige oder fettleibige Rekruten hatten ein 2,5-fach höheres Risiko für Hypertonie als diejenigen mit Normalgewicht.

Auch die aerobe Fitness war mit einem erhöhten Risiko für Hypertonie assoziiert. Männer, die später an Hypertonie erkrankten, hatten im Alter von 18 Jahren eine mediane aerobe Fitness von 231,8 Watt – im Gegensatz zu den Männern, die später keinen Bluthochdruck hatten. Sie schafften 264 Watt. Bei der Muskelstärke gab es dagegen keinen signifikanten Unterschied: Männern, die später Bluthochdruck bekamen, hatten eine Muskelstärke von 2.000 Newton, und diejenigen, die später keinen Bluthochdruck bekamen, lagen bei 2020 Newton.

„Ein hoher BMI und eine geringe aerobe Fitness, aber nicht die Muskelstärke, waren mit einem erhöhten Risiko für Hypertonie assoziiert, und das unabhängig von familiären Risikofaktoren und sozioökonomischen Faktoren“, berichten die Studienautoren um Dr. Casey Crump von der Stanford University, Stanford, Kalifornien, USA.

Interaktion von BMI und aerober Fitness

„Interessant an dieser Studie ist aber, dass sie nicht nur die individuelle Bedeutung von BMI und aerober Fitness zeigt, sondern auch die Interaktion dieser Faktoren“, sagt Predel, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin leitet. Eine Kombination aus hohem BMI und niedriger aerober Fitness war mit dem höchsten Risiko für Bluthochdruck assoziiert. Aber eine geringe aerobe Fitness allein war auch bei Männern mit normalem BMI mit einem erhöhten Risiko für Hypertonie verbunden.

 
Wir müssen junge Erwachsene dafür sensibilisieren, dass die Weichen bezüglich der künftigen Gesundheit sehr früh gestellt werden. Prof. Dr. Hans-Georg Predel
 

Dem Kölner Sportmediziner zufolge ist die schwedische Studie deshalb „ein Glücksfall“, denn sie zeigt, „wo Prävention besonders notwendig und effektiv ist und dass wir frühzeitig an mehreren Schrauben gleichzeitig ansetzen müssen, nämlich nicht nur an Ernährung und Gewicht sondern auch an der körperlichen Fitness – und das auch bei den normalgewichtigen Jugendlichen“.

Einmal schlaff, immer schlaff?

Als Limitation ihrer Untersuchung räumen Crump und seine Kollegen ein, dass BMI und aerobe Fitness nur einmal im Leben der Studienteilnehmer gemessen wurde, wodurch der Effekt von Veränderungen dieser Faktoren im Laufe der Zeit nicht untersucht werden konnte. Doch: „Die traurige Realität ist, dass der weitere Weg meist schon gebahnt ist, wenn im Alter von 18 Jahren bereits Übergewicht und mangelnde Fitness vorliegen“, sagt Predel. „Untersuchungen bestätigen, dass Verhaltensmuster im Jugendalter im Erwachsenenalter fortgeführt werden und geradewegs zur Manifestation von lebensstilbedingten Erkrankungen führen.“

„Wenn wir Hypertonie und andere Folgeerkrankungen von hohem BMI und mangelnder aerober Fitness vorbeugen wollen, müssen wir effektive Handlungsoptionen und neue Präventionsfelder schon für die Altersgruppe der jungen Erwachsenen entwickeln, ein Aufgabenfeld, das wir auch im Rahmen des neuen Präventionsgesetzes unbedingt angehen müssen“, betont Predel.

 

REFERENZEN:

1. Crump C, et al: JAMA Internal Medicine (online) 19. Januar 2016

 

Kommentar

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