Weniger Vitamin D – mehr Stressfrakturen? US-Forscher empfehlen vor allem Sportlern die Supplementierung

Julia Rommelfanger

14. Januar 2016

Wissenschaftler entdecken immer mehr Erkrankungen, die als mögliche Folgen eines Vitamin-D-Mangels auftreten können. Jetzt haben US-Forscher herausgefunden, dass ein Defizit des fettlöslichen Sonnen-Vitamins bei aktiven Menschen eventuell Ermüdungsbrüche fördern kann. Einen Hinweis darauf ergab ihre retrospektive Kohortenstudie, bei der ein Großteil von Patienten mit diesen Stressfrakturen Serum-Vitamin-D-Spiegel unter 40 ng/ml aufwies [1].

 
Wir empfehlen daher zur Vorbeugung von Ermüdungsbrüchen eine Serum-Vitamin-D-Konzentration von mindestens 40 ng/ml, speziell für aktive Personen mit mittleren oder höheren funktionalen Ansprüchen. Dr. Jason R. Miller
 

„Wir empfehlen daher zur Vorbeugung von Ermüdungsbrüchen eine Serum-Vitamin-D-Konzentration von mindestens 40 ng/ml, speziell für aktive Personen mit mittleren oder höheren funktionalen Ansprüchen“, schreiben die Autoren um Dr. Jason R. Miller, Fuß- und Gelenkschirurg am Pennsylvania Orthopaedic Center in Malvern, Pennsylvania, USA.

Durch eine dauerhafte Überlastung, etwa durch intensives Lauftraining bei Sportlern; aber auch durch die normale Alltagsbelastung bei älteren Menschen, können feine Risse im Knochen, meist in der Ferse, im Mittelfußknochen, im Schien- oder Wadenbein, entstehen. Bisher sei noch kein Mindestwert des Serum-25-Hydroxycholecalciferol (25(OH)D) definiert worden, der bei „gesteigertem funktionalem Anspruch einen gesunden Knochenapparat garantiert“, monieren die Forscher und raten Patienten mit Stressfrakturen und Vitamin-D-Spiegeln von weniger als 35 ng/ml zu einer hochdosierten Vitamin-D-Supplementierung von 50.000 I.E. pro Woche für 4 bis 8 Wochen, bis die Fraktur verheilt sei.

Prof. Dr. Andreas Kurth

Vitamin-D-Tabletten für jedermann?

Zur Einnahme von Vitamin-D-Präparaten rät ebenfalls Prof. Dr. Andreas Kurth, Facharzt für Orthopädie aus Mainz und Vorsitzender des Dachverbands Osteologie (DVO); dies aber nicht nur Patienten, die bereits eine Stressfaktur haben, oder denjenigen, bei denen ein Defizit festgestellt wurde, sondern allen seinen Patienten. Unter anderem zur Prävention von Osteoporose empfiehlt er eine tägliche Zufuhr von 25 μg bzw. 1.000 Internationalen Einheiten (I.E.) Vitamin D, insbesondere in den sonnenarmen Monaten. „Da der Serum-Vitamin-D-Spiegel eng mit der Sonneneinstrahlung korreliert und vor allem im Winter oft zu niedrig ist, jedoch sowohl Knochen als auch Muskeln von einem normalen Vitamin-D-Spiegel profitieren, sollte die Bevölkerung Vitamin-D-Präparate einnehmen“, so Kurths Ansicht.

Den Erkenntnissen von Miller und seinen Kollegen misst der Orthopäde allerdings keine allzu große Bedeutung zu, denn die Studie weise gravierende methodische Mängel auf: „Der festgesetzte Grenzwert von 40 ng/ml ist fragwürdig“, kommentiert Kurth im Gespräch mit Medscape Deutschland. Sorgen mache er sich erst ab einem Spiegel von unter 30 ng/ml; von einer Insuffizienz und der Gefahr eines Knochenabbaus sei erst bei unter 20 ng/ml auszugehen.

Ein Wert unter 40 ng/ml, wie ihn die US-Forscher bei den meisten Patienten mit Frakturen festgestellt haben, sei „völlig aus der Luft gegriffen“ und mache im Zusammenhang mit Stressfrakturen keinen Sinn. Etwa 70% seiner Patienten, bemerkt Kurth, haben einen Spiegel von unter 30 ng/m, wie eine Studie zum Vitamin-D-Mangel bei Patienten der Orthopädie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz unter der Leitung von Dr. Gerrit Steffen Maier (Pius-Hospital Oldenburg) gezeigt habe, an der Kurth mitgewirkt hat. International gilt ein Wert bis 30 ng/ml als optimal und 20 bis 29 ng/ml als noch ausreichend. Zwischen 10 und 19 ng/ml spricht man von einer „Insuffizienz“ und unter 10 ng/ml von einer „Defizienz“. Die amerikanische Endocrine Society bezeichnet Werte unter 20 ng/ml bereits als „Deficiency“.

Kurth kritisiert außerdem die geringe Patientenquote mit verwertbaren Daten: Ursprünglich wurden in die Untersuchung am Pennsylvania Orthopaedic Center 124 Patienten mit Stressfrakturen eingeschlossen. Jedoch konnte nur bei 53 von ihnen die Vitamin-D-Konzentration gemessen werden – und das nicht immer unmittelbar nach Feststellen der Stressfraktur, sondern innerhalb eines Zeitraums von 3 Monaten nach deren Auftreten. Durch die möglichen Schwankungen des Werts innerhalb eines derart großen Zeitfensters sei der gemessene Wert der Patienten wenig aussagekräftig, so Kurth.

Experten uneins über ausreichenden Vitamin-D-Spiegel

 
Da der Serum-Vitamin-D-Spiegel eng mit der Sonneneinstrahlung korreliert und vor allem im Winter oft zu niedrig ist, … sollte die Bevölkerung Vitamin-D-Präparate einnehmen. Prof. Dr. Andreas Kurth
 

In die Studie waren 124 Patienten (34% männlich; Durchschnittsalter: 44 Jahre) eingeschlossen; bei 53 von ihnen wurde der 25(OH)D-Wert innerhalb von 3 Monaten nach dem Auftreten einer Ermüdungsfraktur gemessen. Miller und seine Kollegen stellten bei 44 von 53 Patienten (83%) Serum-Vitamin-D-Spiegel von weniger als 40 ng/ml fest. Der durchschnittliche Wert betrug sowohl bei den männlichen als auch bei den weiblichen Teilnehmern 31 ng/ml. Den Grenzwert von 40 ng/ml haben die Autoren angelehnt an die Richtgrößen des Vitamin D Councils. Die Wissenschaftler, die dieser amerikanischen gemeinnützigen Initiative angehören, betrachten Vitamin-D-Spiegel von 40-80 ng/ml als ausreichend; die Endocrine Society dagegen setzt die Grenze für einen nicht-ausreichenden Spiegel schon bei 30 ng/ml.

Bei Vitamin-D-Mangel, erklären Miller und seine Kollegen, „können nur rund zehn bis fünfzehn Prozent des mit der Nahrung aufgenommenen Kalziums und Phosphors absorbiert werden“, was eine verminderte Knochenmineralisierung und strukturelle Integrität zur Folge haben könne. Um einen Vitamin-D-Mangel festzustellen und, falls notwendig, ausgleichen zu können, empfehlen sie bei Patienten mit Stressfrakturen einen Vitamin-D-Test.

Kurth spricht sich jedoch gegen einen solchen Routinetest aus, der rund 20 bis 24 Euro koste. „Die Frage ist: Was sagt ein einmaliger solcher Test aus“, fragt der Orthopäde. Denn die Vitamin-D-Menge im Körper sei aufgrund der sich ständig verändernden Sonnenzufuhr starken Schwankungen unterworfen. „Die tägliche Einnahme eines Vitamin-D-Präparats in einer Dosierung von 1.000 I.E. kostet nur wenige Cent. Das heißt: Für den Preis eines Tests könnte man schon rund ein Jahr lang supplementieren“, argumentiert er. Studien zufolge ist mit Intoxikationen erst bei einer sehr hohen Vitamin-D-Zufuhr von 500.000 I.E. zu rechnen – daher sei die prophylaktische Einnahme eines Vitamin-D-Präparats unbedenklich.

Laut Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI) sind rund 60% der erwachsenen Deutschen nicht ausreichend mit Vitamin-D versorgt. Die WHO empfiehlt für Kinder und Erwachsene bis 50 Jahre eine tägliche Vitamin D-Zufuhr mit der Nahrung von 5 µg (200 I.E.); für 51- bis 65-Jährige 10 µg (400 I.E.) und für Menschen ab 65 Jahren 15 µg (600 I.E.).

 
Für den Preis eines Tests könnte man schon rund ein Jahr lang supplementieren. Prof. Dr. Andreas Kurth
 

In den USA werden Grundnahrungsmittel wie Milch oder Margarine mit Vitamin D angereichert. In Deutschland dürfen lediglich geringe Mengen von Calciferol in diätetischen Lebensmitteln und Margarine sowie Mischfett-Erzeugnissen zugesetzt werden. In der Nahrung ist Vitamin D in Lebertran, Fisch, z.B. in Hering, Lachs, Aal und Sardinen, und in sehr geringen Mengen auch in Pilzen, Avocado, Milch und Milchprodukten enthalten.

Um den Zusammenhang von Vitamin-D-Spiegeln und der Prävention von Stressfrakturen bei aktiven Menschen genauer beziffern zu können sei eine prospektive Studie notwendig, schreiben Miller und seine Kollegen. Kurth hält eine solche für „praktisch nicht durchführbar“, schon allein aufgrund der riesigen Population von schätzungsweise 15.000 Patienten, die für aussagekräftige Daten notwendig wäre. Bei einer generellen Supplementierung, wie er sie empfiehlt, sei zudem die Studienfrage „nicht wirklich relevant“.

 

REFERENZEN:

1. Miller JR, et al: J Foot Ankle Surg 2016;55:117-20