Mammakarzinom: Wenn geheilte Frauen später an Leukämie erkranken, könnte dies an den Genen liegen

Dr. Ingrid Horn

Interessenkonflikte

11. Januar 2016

Dass Krebspatienten nach erfolgreicher Chemotherapie oder Bestrahlung als Spätfolge eine Leukämie entwickeln können, ist bekannt. Dies betrifft besonders Brustkrebspatientinnen. Kaum bekannt sind aber die Risikofaktoren für eine therapiebedingte Leukämie. Um diese zu erfassen, hat ein Team unter Leitung von Dr. Jane E. Churpek von der Universität von Chicago die Merkmale von 88 Brustkrebspatientinnen aus den vergangenen 40 Jahren analysiert. Wie in Cancer publiziert, spricht vieles für einen genetischen Hintergrund [1].

 
Die Patientinnen sind häufig Trägerinnen von Keimbahnmutationen in den Bereichen jener Gene, die das Brustkrebsrisiko erhöhen. Dr. Jane E. Churpek und Kollegen
 

„Die Patientinnen sind häufig Trägerinnen von Keimbahnmutationen in den Bereichen jener Gene, die das Brustkrebsrisiko erhöhen“, schreiben Churpek und ihre Mitautoren. Für diesen Kreis von Patientinnen fordern sie deshalb Langzeitstudien und begleitende Untersuchungen, inwieweit sich heterozygote Mutationen in den in Frage kommenden Genen auf die Funktion des Knochenmarks nach Chemotherapie auswirken.

Entsprechende Register fehlen

Diese Risikopatientinnen herauszufiltern, bleibt nach Ansicht von Dr. Judith E. Karp und Dr. Antonino C. Wolff von der Johns Hopkins Universität in Baltimore die große Herausforderung. Für ein populationsbasiertes Keimbahnscreening nach entsprechenden Mutationen sei die Zeit nicht reif, schreiben die beiden Kommentatoren [2]. Von einer prospektiven Sammlung maligner wie normaler Zellproben gepaart mit der sorgfältigen Erfassung der familiären Anamnese versprechen sie sich jedoch ein wachsendes Verständnis für das genetische Risiko bei bestimmten Krebstypen. In diesem Sinne sei die Arbeit von Churpek und ihren Kollegen ein wichtiger Anstoß.

Prof. Dr. Wolfgang Janni

Sowohl Karp und Wolff als auch Prof. Dr. Wolfgang Janni vom Universitätsklinikum Ulm halten die analysierten Fälle von Brustkrebspatientinnen aus der Datenbank der Universität Chicago nur für die Spitze des Eisberges. „Um die Konsequenzen der Studie im Hinblick auf eine personalisierte Brustkrebstherapie und die Vermeidung von lebensbedrohlichen Spätfolgen einschätzen zu können, sind viel höhere Fallzahlen aus umfangreicheren Datenbanken erforderlich“, äußert der Ärztliche Direktor der Universitäts-Frauenklinik Ulm gegenüber Medscape Deutschland.

Janni gibt allerdings auch zu bedenken, dass Brustkrebspatientinnen mit einer späteren therapiebedingten Leukämie selten sind. Ihre Häufigkeit liege unter einem Prozent. Zwar würden ihre Daten in klinischen Studien sorgfältig erhoben und analysiert, ein studienübergreifendes Register gebe es in Deutschland hierfür jedoch nicht, erläutert der stellvertretende Vorsitzende der Kommission Mamma der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie die hiesigen Verhältnisse.

Starke Indizien für genetische Vorbelastung

Wie die amerikanischen Wissenschaftler der Studie feststellten, besitzen die ehemaligen Brustkrebspatientinnen zum Großteil eine hohe persönliche oder familiäre Prädisposition für Krebserkrankungen. 22% aller Patientinnen erkrankten an einem weiteren bösartigen Tumor. Von 70 der 88 Personen war die Familiengeschichte bekannt und erwies sich in 40 Fällen als eindeutig vorbelastet. Hier war mindestens ein naher Verwandter an Brustkrebs, Eierstockkrebs oder Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt.

Anhand verfügbarer DNA-Proben von insgesamt 47 Personen konnten Churpek und ihre Kollegen sogar nachweisen, dass jede fünfte Frau eine vererbbare Mutation in einem Gen aufwies, das mit einem erhöhten Risiko für Brustkrebs assoziiert ist. Mutiert waren die Gene BRCA1 (21%), BRCA2 (4%), das TP53-Gen für das Tumorprotein p53 (6%), das CHEK2-Gen für die Checkpoint-Kinase (2%) und PALB2 (2%).

 
Um die Konsequenzen der Studie … einschätzen zu können, sind viel höhere Fallzahlen aus umfang-reicheren Datenbanken erforderlich. Prof. Dr. Wolfgang Janni
 

Alle Fälle entstammen einer speziellen Datenbank der Universität von Chicago. Sie war für Patienten eingerichtet worden, die als Spätfolge einer Behandlung mit Zytostatika ein myeloplastisches Syndrom oder Leukämien entwickelt hatten. 92% der ausgewählten Brustkrebspatientinnen zeigten als Spätfolge eine Therapie bedingte myeloide Neoplasie (t-MN), die übrigen eine akute lymphatische Leukämie.

Brustkrebspatientinnen überleben eine erfolgreich behandelte Ersterkrankung heute länger als früher. Churpek und ihre Mitautoren halten es daher für wichtig, mehr über das persönliche Risiko der Patientinnen und auch naher Verwandter in Erfahrung zu bringen, um letztlich solche späten Komplikationen wie eine therapiebedingte Leukämie zu vermeiden.

Nach Ansicht von Karp und Wolff dürfte es jedoch sehr schwierig werden, zwischen einer therapiebedingten und einer eigenständigen sekundären Krebserkrankung zu unterscheiden.

 

REFERENZEN:

1. Churpek JE, et al: Cancer 2016;122:304-311  

2. Karp JE, Wolff AC: Cancer 2016:122:178-180

 

Kommentar

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