Orale Antikoagulation plus Sulfonylharnstoff – bei dieser Kombi könnten Unterzuckerungen drohen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

5. Januar 2016

Die zusätzliche Einnahme einer oralen Antikoagulation, etwa von Warfarin, erhöht für Typ 2-Diabetiker, die mit Sulfonylharnstoffen wie Glipizid oder Glimepirid behandelt werden, möglicherweise das Risiko für schwere Hypoglykämien. Das ist das Ergebnis einer retrospektiven Kohorten-Analyse von Dr. John Romley vom Leonard D. Schaeffer Center for Health Policy and Economics der University of Southern California [1].

Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland

In der im British Medical Journal erschienenen Studie analysierten Romley und seine Kollegen die Daten von 465.918 über Medicare versicherten Diabetikern (Alter: 65 Jahre oder älter). Alle Probanden hatten zwischen 2006 und 2011 Rezepte für Glipizid oder Glimepirid erhalten, 71.895 dieser Patienten (15,4%) wiesen auch ein Rezept für Warfarin auf.

Die Analyse ergab: Wurden gleichzeitig Warfarin und Glipizid bzw. Glimepirid eingenommen, waren Besuche in der Notaufnahme oder Krankenhausaufnahmen mit der Diagnose schwere Hypoglykämie häufiger als unter alleiniger Sulfonylharnstoff-Einnahme (Odds Ratio:1,22; 95%-Konfidenzintervall:1,05-1,42). Die gleichzeitige Gabe von Warfarin und Glipizid bzw. Glimepirid war auch assoziiert mit mehr Klinikeinweisungen aufgrund von sturzbedingten Frakturen (OR: 1,47, 95%-KI: 1,41-1,54) oder verändertem Mentalstatus (OR: 1,22; 95%-KI: 1,16-1,29).

 
Man muss berücksichtigen, dass die Patienten, die zusätzlich Warfarin einnehmen mussten, die kränkeren Patienten waren. Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland
 

„Die Arbeit von Romley et al. ist eine interessante Beobachtung mit großem Datensatz, dennoch handelt es sich nur um eine beobachtete Assoziation – allenfalls eine Hypothese. So fehlen z.B. Aussagen zur Dosis von Glimepirid. Und man muss berücksichtigen, dass die Patienten, die zusätzlich Warfarin einnehmen mussten, die kränkeren Patienten waren“, kommentiert Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Chefarzt des Herz-, Gefäß-und Diabeteszentrums der Asklepios Klinik St. Georg, die Ergebnisse.

Romley folgert: „Unsere Ergebnisse legen die Möglichkeit einer signifikanten Wechselwirkung zwischen diesen Medikamenten nahe.“ Nach den Daten der retrospektiven Analyse war das Risiko für Hypoglykämien unter denjenigen Patienten höher, die erstmals Warfarin erhielten (OR: 2,47) und bei denen, die zwischen 65 und 74 Jahre alt waren (OR: 1,54). Bei den Patienten hingegen, die 75 Jahre und älter waren, sank das Risiko wieder (OR: 1,08).

„Diese potenzielle Wechselwirkung ist längst nicht jedem Arzt bekannt, dessen Diabetespatient zusätzlich Warfarin erhält. Es könnte in Anbetracht unserer Ergebnisse deshalb schon hilfreich sein, bei Diabetikern unter Sulfonylharnstoffen, die Warfarin benötigen, mit einer möglichst geringen Dosis zu starten“, rät Romley. Er empfiehlt ein enges Medikamenten-Monitoring dieser Patienten.

Bei Marcumar- und KHK-Patienten gilt es Hypoglykämien zu vermeiden

 
Bei der antidiabetischen Therapie von KHK-Patienten und auch von Patienten unter Marcumar behandeln wir möglichst Hypoglykämie-sicher. Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland
 

Eine Wechselwirkung zwischen Cumarinen und Sulfonylharnstoffen ist bekannt. Denn bei gleichzeitiger Einnahme von Phenprocoumon wird bei Sulfonylharnstoffen deren Elimination in der Leber vermindert, die Wahrscheinlichkeit für Hypoglykämien nimmt damit zu. „Pharmakologisch ist das vergleichbar mit den Studienergebnissen zu Warfarin und Sulfonylharnstoffen“, erläutert Müller-Wieland. Der vermuteten Wechselwirkung zwischen Warfarin und Sulfonylharnstoffen solle man nachgehen, fügt er hinzu.

„Bei der antidiabetischen Therapie von KHK-Patienten und auch von Patienten unter Marcumar behandeln wir möglichst Hypoglykämie-sicher“, erklärt Müller-Wieland. Mittel der Wahl für diese Patienten sind nach seiner Empfehlung neben Metformin die Inkretin-basierten Therapien, entweder werden GLP1-Rezeptoragonisten oder Di-Peptidyl-Peptidase 4 (DPP4)-Inhibitoren und die sogenannten SGLT2-Hemmer. Er verweist unter anderem darauf, dass die kardiovaskuläre Langzeitsicherheit des DPP-4 Hemmers Sitagliptin auch bei Patienten mit KHK und Herzinsuffizienz in der TECOS-Studie nachgewiesen wurde. Und mit dem SGLT-2-Hemmer Empagliflozin konnte sogar ein Überlebensvorteil bei KHK-Patienten mit Diabetes in der EMPA-REG-Studie belegt werden.

 

REFERENZEN:

1. Romley JA, et al: BMJ 2015;351:h6223

 

Kommentar

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