Neuartige Glioblastomtherapie: Elektrische Felder verlängern das Überleben

Michael Simm

Interessenkonflikte

5. Januar 2016

Die gezielte Anwendung elektromagnetischer Felder in Kombination mit einer Chemotherapie kann offenbar die Überlebenszeit und das progressionsfreie Überleben von Patienten mit einem bereits vorbehandelten Glioblastom verlängern, berichten Schweizer Wissenschaftler im Journal of the American Medical Association (JAMA) [1].

Die meisten Patienten erliegen dieser Krankheit binnen 1 bis 2 Jahren nach der Diagnose und in der vergangenen Dekade seien in großen randomisierten Studien alle Versuche gescheitert, diese Bilanz zu verbessern, erinnern die Autoren der Studie um Prof. Dr. Roger Stupp, Direktor der Klinik für Onkologie der Universität Zürich.

Elektrische Felder stören die Zellteilung

Mit den sogenannten Tumortherapiefeldern (TTF) soll durch schnell wechselnde elektrische Felder mit einer Frequenz von 200 kHz selektiv die Zellteilung unterbrochen werden. Appliziert werden die Felder mithilfe einer Kappe, in die 4 Elektroden eingebaut sind, und die auf der rasierten Kopfhaut getragen werden muss. Das von dem US-Unternehmen Novocure entwickelte System „NovoTTF-100A“ wurde für den mobilen Einsatz konstruiert und wiegt etwa 3 Kilogramm.

Stupp hatte mit seinen Kollegen in den USA, Europa, Kanada, Israel und Südkorea 695 Patienten rekrutiert und randomisiert, nachdem sie bereits eine Radiochemotherapie erhalten hatten. Anschließend erhielten sie entweder eine weitere Erhaltungs-Chemotherapie mit Temozolomid (n = 229) oder zusätzlich zu solch einer Chemotherapie die TTF (n = 466)

Die TTF-Behandlung erfolgte dabei kontinuierlich für mindestens 18 Stunden pro Tag, während das Temozolomid jeweils 5 Tage lang in jedem 28-tägigen Zyklus verabreicht wurde. 

 
In der Studie wurde die Wirksamkeit eines neuartigen Therapieprinzips belegt. Prof. Dr. Michael Weller
 

Progressionsfreies Überleben verlängert

Bei einer geplanten Interimsanalyse im Oktober 2014 ergab sich aus den Daten von 315 Patienten folgendes Bild:

  • • Bei einer medianen Nachverfolgung von 38 Monaten lag das progressionsfreie Überleben in der Gruppe mit zusätzlicher TTF-Behandlung bei 7,1 Monaten gegenüber 4 Monaten in der Gruppe, die ausschließlich Temozolomid bekommen hatte.

  • • Das Gesamtüberleben per Protokoll lag für die 196 Patienten unter TTF bei 20,5 Monaten, für die 84 Patienten die lediglich eine Chemotherapie bekommen hatten bei 15,6 Monaten.

Betrachtet man den Anteil der Überlebenden nach 2 Jahren, so beträgt der Unterschied 43% gegenüber 29% zugunsten der zusätzlichen Behandlung mit TTF. Dies sei im Rahmen des Nutzens, der für therapeutische Wirkstoffe in der Onkologie als klinisch bedeutsam gilt, heben die Forscher hervor. Dabei sei die Häufigkeit und Schwere der Nebenwirkungen in beiden Gruppen ähnlich gewesen.

Das Ergebnis fassen sie folgendermaßen zusammen: „In dieser Interimsanalyse von 315 Patienten mit einem Glioblastom, die eine Standard-Chemo-Radiotherapie abgeschlossen hatten, verbesserte die zusätzliche Anwendung der TTF zur Erhaltungs-Chemotherapie mit Temozolomid signifikant das progressionsfreie Überleben und das Gesamtüberleben.“

Prof. Dr. Michael Weller, Leiter der Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Zürich und derzeit Präsident der Europäischen Gesellschaft für Neuroonkologie ergänzt: „In der Studie wurde die Wirksamkeit eines neuartigen Therapieprinzips belegt.“

Nachdem die Studie die vordefinierten Erfolgskriterien vorzeitig erreicht hatte, wurde sie beendet und die Patienten der Kontrollgruppe konnten nun ebenfalls eine Behandlung mit TTF erhalten.

 
Angesichts des Überlebensvorteils in dieser Studie sollte es Priorität haben, die wissenschaftliche Basis für die Wirksamkeit der TTF zu verstehen. Prof. Dr. John H. Sampson
 

Die Nachverfolgung aller Patienten wird gemäß Protokoll fortgesetzt. Man erhoffe sich genauere Aussagen darüber, ob bestimmte Patientengruppen besser ansprechen als andere, wenn die Daten aller Studienteilnehmer vorliegen und ausgewertet sind, sagt Stupp. Auch wolle man den Ursachen von Therapieversagen auf den Grund gehen: „Liegt es daran, dass die Tumore außerhalb der TTF wachsen? Gibt es bestimmte molekulare Eigenschaften der Tumore, die mit dem Ansprechen auf TTF korrelieren?“ Daten, die diese Fragen beantworten könnten, sind nicht vor Ende des Jahres 2016 zu erwarten, da der letzte Patient Ende 2014 randomisiert wurde.

Wirkmechanismus ungeklärt

Unklar bleibt der Wirkmechanismus des neuen Verfahrens, wie Kommentator Prof. Dr. John H. Sampson von der Duke University in Durham, North Carolina, USA, bemerkt [2]: „Angesichts des Überlebensvorteils in dieser Studie sollte es Priorität haben, die wissenschaftliche Basis für die Wirksamkeit der TTF zu verstehen. Am besorgniserregendsten ist aber vielleicht, dass wegen des Studiendesigns Zweifel an der tatsächlichen Wirksamkeit bestehen bleiben. Wenn die TTF-Behandlung nicht angenommen wird, wird diese Entscheidung dann auf Engstirnigkeit beruhen oder darauf, dass man den Daten nicht traut?“

Mit seiner Bemerkung zielt Sampson auf die fehlende Placebo-Kontrolle in dieser Studie: Es gab keinen Studienarm, bei dem die Teilnehmer lediglich eine Scheinstimulation bekommen haben. Die Autoren rechtfertigen dies damit, dass dies „weder praktisch noch angemessen“ gewesen wäre. Wegen der Wärmeentwicklung durch die TTF hätten die Studienteilnehmer sofort bemerkt, ob sie eine Therapie erhalten oder nicht. Außerdem sei das Rasieren des Kopfes und das Anbringen der Apparatur für Pfleger und Patienten mit zu großen Belastungen verbunden gewesen.

Placebo-Effekte auf subjektive Endpunkte wie Kognition und Lebensqualität seien zwar nicht auszuschließen. Objektive Endpunkte wie das Überleben seien jedoch in der Krebstherapie unabhängig von Placebo-Effekten und die hier beobachteten Effekte jenseits dessen, was man einem Placebo zuschreiben könne, argumentieren sie.

Rupp jedenfalls ist von der Wirksamkeit der TTF überzeugt. Jetzt, da man den prinzipiellen Wirkungsnachweis der Methode erbracht habe (Proof of Principle), wolle man das Verfahren auch bei weiteren Krebserkrankungen testen, äußerte er in einem Video-Interview, das mit der Publikation verbreitet wurde.

 

REFERENZEN:

1. Stupp R, et al: JAMA 2015;314(23):2535-2543

2. Sampson JH: JAMA 2015;314(23):2511-2513

Kommentar

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