Sie wachsen wieder: Mädchen mit kreisrundem Haarausfall erfolgreich mit einem topischen JAK-Inhibitor behandelt

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

21. Dezember 2015

Bei der Behandlung des kreisrunden Haarausfalls ist man jetzt vielleicht einen Schritt weitergekommen: Dr. Brittany Craiglow vom Department of Dermatology der Yale University in New Haven, Connecticut, und ihre Kollegen behandelten jetzt die Alopecia areata eines Mädchens erfolgreich mit dem topisch angewandten Janus-Kinase-(JAK)-Inhibitor Ruxolitinib. Ihre Beobachtungen haben sie in JAMA Dermatology veröffentlicht [1].

„Es handelt sich um eine interessante Kasuistik“, sagt Prof. Dr. Hans Wolff, Leiter der Haarsprechstunde an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der LMU München. „Die topische Anwendung hatte bereits bei Mäusen Erfolg, jetzt auch bei einer Patientin mit Verlust der Augenbrauen.“ Allerdings, gibt Wolff zu bedenken, sind erfolgreiche Einzelfallberichte noch lange kein genereller Wirknachweis.

An kreisrundem Haarausfall leiden in Deutschland zwischen 1 und 1,5 Millionen Menschen. Die meisten verlieren nur stellenweise ihre Haare. Am Totalverlust des Kopfhaares (Alopecia areata totalis) und am Verlust der kompletten Körperbehaarung (Alopecia areata universalis) leiden ca. 10% dieser Patienten. Eine Heilung gibt es nicht und die Therapien sind – sofern sie überhaupt anschlagen – nur solange wirksam, bis man sie wieder absetzt. Hinzu kommt, dass die meisten Therapien für Kinder unter 16 Jahren nicht zugelassen sind.

 
Es handelt sich um eine interessante Kasuistik. Prof. Dr. Hans Wolff
 

Behandlung der Psoriasisarthritis führte zu Haarwuchs

Craiglow beschrieb bereits 2014 in Nature   die Therapie der Psoriasisarthritis mit dem JAK- Inhibitor Tofacinib, wie Medscape Deutschland berichtete . Nach 2 Monaten zeigte sich unter der Gabe von 5 mg Tofacinib 2-mal täglich eine Besserung der Psoriasisarthritis. Außerdem entwickelte sich bei dem Patienten, der auch eine Alopecia areata universalis aufwies, Haarwuchs auf der Kopfhaut und im Gesicht.

„Janus-Kinase(JAK)-Inhibitoren erwiesen sich kürzlich als effektiv für die Behandlung dieser Erkrankungen“, nimmt Craiglow Bezug auf diesen Fall, schränkt aber ein: „Es gibt Risiken für schwerwiegende Nebenwirkungen unter systemischer Therapie – durch die topische Anwendung lassen sich diese womöglich umgehen.“ Ruxolitinib hemmt die Januskinasen 1 und 2, direkte Folge ist eine Unterbrechung bzw. Deaktivierung des JAK-STAT-Signalweges. Es wird in Deutschland zur Therapie chronisch myeloproliferativer Erkrankungen wie der Polycythaemia vera eingesetzt.

Erst Ruxolitinib ließ Augenbrauen wieder wachsen

Der jetzt mit topischem Ruxolitinib behandelte Teenager hatte Therapieversuche mit Prednisolon, intraläsionalem Triamcinolon, Sulfasalazin, topischem Quadratsäuredibutylester und topischem Cignolin (Dithranol) hinter sich. Keines der Mittel schlug an.

In den vorangegangenen beiden Jahren war die Patientin nicht therapiert worden. Sie war ansonsten gesund und nahm keine Medikamente. Die Familienanamnese wies weder Alopecia areata noch andere Autoimmunerkrankungen auf. Bei der Untersuchung zeigte sich eine vollständige Haarlosigkeit an Kopf und Armen und nur ein spärlicher Haarwuchs an der rechten lateralen Augenbraue.

 
Es gibt Risiken für schwerwiegende Nebenwirkungen unter systemischer Therapie – durch die topische Anwendung lassen sich diese womöglich umgehen. Dr. Brittany Craiglow und Kollegen
 

Die Ergebnisse der Labortests vor Therapiebeginn waren unauffällig,  auch ein HIV-Test sowie  Tests auf Hepatitis B und C waren negativ.  Allerdings war die Zahl der weißen Blutzellen (WBC) mit 4.500/ml grenzwertig niedrig (Normalwert: 4.500–13.000/μl).

Die Patientin begann die Behandlung mit topischem Ruxolitinib 0,6%, als Salbe 3-mal täglich auf die Kopfhaut und die Augenbrauenregion aufgetragen. Nach 12 Wochen Behandlungsdauer waren die Augenbrauen nahezu normal, und es zeigte sich ein Haarwachstum von 10% mit zahlreichen 5 bis10 mm dunkel pigmentierten Haaren in bogen-und ringförmigen Mustern über die ganze Kopfhaut verteilt. Die Patientin tolerierte die Salbe ohne Nebenwirkungen. Das Monitoring im Labor nach 4, 8 und 12 Wochen zeigte einen kleinen, stabilen Rückgang im WBC  auf 3.800/μl, 4.100/μl und 3.800/μl. Ansonsten ergaben sich keine Anormalitäten in der Zahl der Blutzellen oder der Nieren- oder der Leberfunktion.

Topischer Ansatz scheint vielversprechend

„Unseres Wissens nach ist das der erste Bericht einer erfolgreichen Therapie der Alopecia universalis mit einem topischen JAK-Inhibitor. Obwohl zusätzliche Studien zum Nachweis der Effektivität, weitere Forschung zur Sicherheit und Verträglichkeit, und zur Einschätzung optimaler Konzentrationen von topischem Ruxolitinib und anderen topischen JAK-Inhibitoren bei Alopecia areata und ihren Varianten notwendig sind, sind die Ergebnisse in diesem Fall doch vielversprechend“, schreibt Craiglow.

 
Obwohl zusätzliche Studien … notwendig sind, sind die Ergebnisse in diesem Fall doch vielversprechend. Dr. Brittany Craiglow und Kollegen
 

Wolff wertet das Ergebnis an den Augenbrauen als weiteren ermutigenden Hinweis, auf den jetzt größere Fallserien oder besser kontrollierte Studien folgen müssten: „Interessant und wichtig wäre deshalb der nächste Schritt. Eine doppelblinde Placebo-kontrollierte Studie oder eine sogenannte Halbseitenstudie, das heißt: Auf eine Augenbraue wird topisches Ruxolitinib aufgetragen, auf die andere Augenbraue eine Salbe ohne Wirkstoff. Und dann wird verglichen.“ Eine systemische Gabe von Ruxolitinib komme für ihn bei Haarausfall nicht infrage, betont Wolff: „Das würde ich schon aufgrund der potenziellen Nebenwirkungen – unter anderem das Entstehen von Lymphomen – gar nicht erst nicht ins Auge fassen.“

Wie der leichte Rückgang der WBC-Zahl nach Therapiebeginn einzuschätzen ist, sei unklar, schreibt Craiglow: „Im Fall der vorgestellten Patientin deutet der kleine Rückgang unter topischem Ruxolitinib auf eine systemische Resorption hin, allerdings war die WBC-Zahl bereits baseline an der unteren Grenze und so ist die Kausalität schwierig abzuschätzen.“

Aus Sicht der Studienautoren stellen topische JAK-Inhibitoren eine „aufregende, neue Behandlungsmöglichkeit“ dar. In Anbetracht des wahrscheinlich besseren Sicherheitsprofils, das mit der topischen Anwendung assoziiert sei, könnte die Gabe für die Patienten in Betracht kommen, für die die orale Gabe aufgrund der potentiellen schwerwiegenden Nebenwirkungen nicht infrage komme – also besonders für Kinder und Jugendliche.

 

REFERENZEN:

1. Craiglow BG, et al: JAMA Der. (online) 9. Dezember 2015

Kommentar

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