Auf das Wo kommt es an: Normalgewichtige mit großem Bauchumfang haben deutlich höhere Krankheitsrisiken als Adipöse

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

17. Dezember 2015

Normalgewichtige mit übermäßigem Taillenumfang sind deutlich gefährdeter, eine Herzkreislauferkrankung zu erleiden, als Übergewichtige und sogar Adipöse. Das ist das Ergebnis einer in den Annals of Internal Medicine erschienenen Langzeitstudie [1]. Demnach haben normalgewichtige Männer mit sehr hohem Taillenumfang ein um 87% höheres Mortalitätsrisiko als Männer mit ähnlichem Gewicht aber ohne abdominelle Adipositas.

Die Autoren raten Ärzten daher, bei ihren Patienten künftig nicht nur den Body-Mass-Index (BMI) zu bestimmen, sondern auch das Taille-Hüft-Verhältnis, denn „darüber lässt sich bei Normalgewichtigen eine viszerale Adipositas definieren, die mit einer höheren Mortalität assoziiert ist als die BMI-definierte Adipositas ...“, schreiben sie.   

Dr. Paul Poinier vom Universitätsinstitut für Kardiologie und Pneumologie der Université Laval, Québec, Kanada, sieht in seinem Editorial zur Studie darin klare Vorgaben: „Diese Studie belegt, dass Ärzte über die reine Bestimmung des Body-Mass-Index hinausgehen sollten, um Hochrisikopatienten wie … solche, die im Vergleich zu ihrem BMI überproportional viel abdominales Fett aufweisen, ausfindig zu machen.“ [2]

Auch Prof. Dr. Eckhard Lammert,DirektordesInstituts fürBetazellbiologie am Deutschen Diabetes-Zentrum der Leibniz-Gemeinschaft in Düsseldorf, hält die Studie für maßgebend: „Die medizinischen Fachgesellschaften werden die neuen Erkenntnisse in ihren Empfehlungen berücksichtigen müssen.“

Enorm erhöhtes Mortalitätsrisiko

Die Autoren um Dr. Karine R. Sahakyan, Mayo Clinic, Rochester, USA, verglichen Gesamt- und kardiovaskuläre Mortalität bei adipösen beziehungsweise übergewichtigen Menschen sowie normalgewichtigen Menschen mit abdomineller Adipositas. Sie analysierten dafür 15.184 Probanden (7.249 Männer und 7.935 Frauen) des Third National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) III. Der mediane Follow-up betrug 14,3 Jahre. In dieser Zeit starben 3.222 Teilnehmer, 1.404 davon aufgrund eines kardiovaskulären Ereignisses.

 
Darüber (dasTaille-Hüfte-Verhältnis) lässt sich bei Normalgewichtigen eine viszerale Adipositas definieren, die mit einer höheren Mortalität assoziiert ist als die BMI-definierte. Dr. Karine R. Sahakyan und Kollegen
 

Von diesen Personen hatten 39,9% einen normalen BMI, 34,6% hatten Übergewicht und 25,1% waren adipös. Nach den Kriterien der World Health Organisation (WHO) waren darunter 70,2% Normalgewichtige mit abdomineller Adipositas. Die Organisation definiert diese Form der Fettleibigkeit als ein Taille-Hüft-Verhältnis (THV) von mindestens 0,85 bei Frauen und mindestens 0,90 bei Männern.

„Die Analyse des Zusammenhangs zwischen den verschiedenen Faktoren zeigte, dass der Taillenumfang mit einem Korrelationskoeffizienten von 0,87 stark korreliert war mit dem BMI. Das Taille-Hüft-Verhältnis war mit einem Koeffizienten von 0,34 weniger stark korreliert mit dem BMI.“ Für Lammert ist das ein Hinweis darauf, „dass das Taille-Hüft-Verhältnis weniger stark vom BMI abhängig ist als der Taillenumfang und eher als ein eigenständiger Parameter anzusehen ist“.

Von den Probanden  mit Normalgewicht hatten 11,0% der Männer und 3,3% der Frauen ein hohes THV; bei den Übergewichtigen waren es 37,0% der Männer und 12,0% Frauen, unter den Adipösen 63,0% der Männer und 14,0% Frauen.

„Man beachte: Normalgewichtige Männer mit abdomineller Adipositas hatten ein um 87% höheres Sterblichkeitsrisiko als Männer mit ähnlichem BMI, aber ohne übermäßiges viszerales Fett“, warnen Sahakyan und ihre Kollegen. „Diese Männer hatten darüber hinaus ein 2-fach höheres Mortalitätsrisiko als übergewichtige oder adipöse Männer. Frauen mit abdomineller Adipositas und normalem BMI hatten ein um 48% höheres Risiko als Frauen gleichen BMIs ohne abdominelle Adipositas und sogar ein um 32% erhöhtes Risiko im Vergleich zu übergewichtigen und ein um 40%  erhöhtes Risiko im Vergleich zu adipösen Frauen ohne abdominelle Adipositas.

Ähnlich die Ergebnisse bei der kardiovaskulären Sterblichkeit. Damit zeige sich, dass „normalgewichtige US-Bürger mit abdominaler Adipositas das bei weitem schlechteste Langzeitüberleben haben im Vergleich zu Probanden mit normaler Fettverteilung, unabhängig von ihrem BMI“, so die Autoren. „Unseres Wissens ist dies die erste Studie, die belegt, dass  Normalgewicht mit abdomineller Adipositas mit einem erhöhten Risiko kardiovaskulärer Mortalität assoziiert ist.“

Nicht nur den BMI messen

Für die klinische Praxis hat dies konkrete Bedeutung. Zwar empfehlen die Leitlinien der American Heart Association / American College of Cardiology / The Obesity Society nicht die Bestimmung des Taille-Hüft-Verhältnisses für die Diagnose einer Adipositas, andere amerikanische Fachgesellschaften jedoch schreiben laut Autoren die Messung von BMI und Taillenumfang vor.

 
Die medizinischen Fachgesellschaften werden die neuen Erkenntnisse in ihren Empfehlungen berücksichtigen müssen. Prof. Dr. Eckhard Lammert
 

Das hält auch Poinier für wichtig: „Diese neuen Daten machen klar, dass Ärzte über den BMI hinausschauen müssen, um die Menschen mit dem größten Risiko – also diejenigen mit exzessiver oder zunehmender Fettleibigkeit oder auch mit übermäßigem Bauchfett in Relation zu ihrem BMI – ausfindig zu machen. Auch wenn die Bestimmung der totalen Fettmasse mithilfe des BMI ein guter Anfang ist, Patienten mit größerem kardiovaskulären Risiko zu identifizieren, reicht das nicht aus.“

Lammert allerdings schränkt ein: „Dass das viszerale Fett Ursache für die erhöhte Sterblichkeit ist, kann die Studie nicht belegen. Die Autoren gehen zwar davon aus, doch kann diese Form von Fett nur zuverlässig durch bildgebende Verfahren, wie z. B. CT- und MRT-Scans, bestimmt werden. Und auch dann ist noch nicht gesichert, dass die erhöhte Sterblichkeit allein auf das viszerale Bauchfett zurückzuführen ist“, Gibt er zu bedenken“

Präventionsprogramme auch für Normalgewichtige

Die gesundheitlichen Risiken treffen dabei eher Männer als Frauen. „Männer haben bekanntlich häufiger und mehr Bauchfett als Frauen, die dafür eher subkutanes Fett an Beinen und Po aufweisen“, erläutert Lammert. „Und das subkutane Fett wiederum hat sich in der Vergangenheit als positiv für einen gesunden Stoffwechsel erwiesen, der sich schützend auf das Herz-Kreislaufsystem auswirkt. Die niedrigeren Mortalitätsraten bei Frauen decken sich mit diesen Erkenntnissen.“

Unabhängig von den Geschlechtsunterschieden weisen die Autoren darauf hin, dass „unsere Resultate vermuten lassen, dass Normalgewichtige mit abdomineller Adipositas eine bedeutende Zielgruppe für Lebensstil-Veränderungen und andere präventive Strategien sein könnten“.

Auch der Düsseldorfer Stoffwechselphysiologe geht davon aus, dass, basierend auf der Studie, in Zukunft Präventionsprogramme für diese neue und gemessen an der Zahl der Gesamtpopulation beachtliche Hochrisikogruppe zunächst getestet und dann angeboten werden müssen. „Die Betroffenen müssen vermutlich aufs Laufband, eventuell auch ihre Ernährung umstellen. Ob sie die Programme annehmen und regelmäßig Sport treiben, bleibt dann abzuwarten.“

 

REFERENZEN:

1. Sahakyan K, et al: Ann Intern Med. (online) 10. November 2015

2. Poinier P: Ann Intern Med. (online) 10. November 2015

Kommentar

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