Kultursensibel und am besten multilingual: So funktioniert Diabetestherapie von Migranten und Flüchtlingen

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

15. Dezember 2015

Düsseldorf – Mit dem Flüchtlingsstrom, der nach Deutschland kommt, steigt die Zahl der Diabetespatienten mit Migrationshintergrund – eine Herausforderung für Allgemeinmediziner und Diabetologen. Insgesamt haben fast ein Fünftel aller in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund; rund 600.000 von ihnen sind an Diabetes mellitus erkrankt, schätzt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Mit etwa 18% stammt die größte Gruppe aus der Türkei.

Die Diabetes-Prävalenz unter Menschen mit einem Migrationshintergrund beträgt rund 12%. „Prozentual etwa doppelt so viele wie bei der deutschen Bevölkerung“, informierte Faize Berger, Inhaberin einer Management-Beratung im Gesundheitswesen, auf der diesjährigen Herbsttagung der DDG in Düsseldorf. In arabischen und nordafrikanischen Ländern, aus denen aktuell sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen, liege die Diabetes-Prävalenzen teilweise sogar über 20%.

Um die Behandlung und Schulung von Migranten mit Diabetes  zu verbessern, hat die Deutsche Diabetes Gesellschaft eine Arbeitsgruppe Diabetes und Migranten gegründet. Sie will Ärzte bei einer  „kultursensiblen Schulung und Beratung im Rahmen des Disease-Management-Programm (DMP)“ für Patienten mit Typ-2-Diabetes unterstützen, erläuterte Berger, die einSymposium der neuen Arbeitsgruppe bei der Tagung leitete.

„Bisher gibt es noch sehr wenige Studien und daher auch wenige handfeste Daten zur Versorgung von Migranten mit Diabetes“, bedauerte Dr. Mahmoud Sultan, der im Diabeteszentrum Kreuzberg in Berlin zahlreiche Patienten mit Migrationshintergrund behandelt.

 
Wenn Flüchtlinge ohne Gesundheitskarte, aber mit einem stark erhöhten Blutzuckerwert in die Praxis kommen, fängt der bürokratische Aufwand an. Dr. Mahmoud Sultan
 

Fokus auf Verständigung und Ernährungsberatung

Neue Schulungsprogramme unter anderem der DDG sollen den kulturellen Hintergrund besser berücksichtigen; z.B. Essgewohnheiten, religiöses Fasten und den Tagesablauf der Patienten. Jedoch müsse man sich, bevor man überhaupt kultursensibel beraten könne, überhaupt mit den Patienten verständigen können, so Sultan. „Die Sprache ist die erste große Barriere in der Beratung der Migranten“, sagt der Internist im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Kann ich mit dem Patienten nicht über seine Krankheit kommunizieren, kommt auch keine Therapie zustande.“ In seiner Kreuzberger Praxis behandelt er Patienten aus rund 40 verschiedenen Nationen und bietet dabei Schulungen auf Türkisch, Arabisch und Englisch an.

Zudem berücksichtigt er die in vielen Kulturen deutlich verschiedenen Tagesabläufe: Während ein deutscher Rentner in der Regel früh frühstücke, am Vormittag ein zweites Frühstück und die Hauptmahlzeit am Mittag einnehme, haben die meisten türkischstämmigen Patienten ihre erste Mahlzeit erst um 10 oder 11 Uhr; ihre Hauptmahlzeit finde häufig um 16 oder 17 Uhr statt und spät abends gönnten sich viele noch einen Obstteller, erklärt der Diabetologe. „Solche Abläufe muss man kennen und den Patienten entsprechend beraten – ihn etwa vor einem gefährlichen Zuckeranstieg durch das viele Obst am Abend warnen.“ Ebenfalls pendelten viele Rentner mit Migrationshintergrund zwischen Deutschland und ihrem Herkunftsland, was die Einstellung des Diabetes erschwere.

Eine besondere Herausforderung bei muslimischen Patienten mit Diabetes ist der Fastenmonat Ramadan. Im neunten Monat des islamischen Kalenders verzichten gläubige Muslime von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Chronisch Kranke sind zwar vom Fasten ausgenommen. Trotzdem folgten zahlreiche Diabetiker dem Fastengebot, sagte Sultan. Und: „Grundsätzlich können Diabetiker auch fasten, wenn sie nicht bereits Folgeerkrankungen haben.“

 
Wir sollten einen Diabetes aber nicht erst dann behandeln dürfen, wenn ein Flüchtling als Notfall zu uns kommt. Prof. Dr. Baptist Gallwitz
 

Vor dem Fasten sollten Diabetiker aber mit ihrem Arzt besprechen, inwieweit der Nahrungsverzicht mit der Therapie vereinbar sei. Denn unter Umständen muss diese angepasst werden, etwa der Zeitpunkt der Einnahme der oralen Antidiabetika. Während des Ramadans sollten zudem häufigere Blutzuckerkontrollen erfolgen und es sollte verstärkt auf Hypoglykämien geachtet werden.

Um für diese speziellen Ernährungsgewohnheiten zu sensibilisieren, fordert Sultan entsprechende Schulungen für Diätassistenten und Diabetologen, die in Praxen mit hohem Migrantenanteil arbeiten. Er hat zusammen mit Heike Bartel, Diabetesberaterin bei der DDG, eine Schulungssequenz zum Umgang mit der Diabeteserkrankung im Fastenmonat Ramadan entwickelt.

Flüchtlingswelle: Wann behandeln, wie abrechnen?

Die noch unklaren gesetzlichen und organisatorischen Strukturen machen die Behandlung von Flüchtlingen mit chronischen Krankheiten besonders schwierig. „Wenn Flüchtlinge ohne Gesundheitskarte, aber mit einem stark erhöhten Blutzuckerwert in die Praxis kommen, fängt der bürokratische Aufwand an“, berichtete Sultan. In Berlin müsse er in einem solchen Fall vor der Behandlung das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) kontaktieren.

Bislang schließen die Kommunen mit den Krankenkassen Einzelverträge über die Krankenversicherung von Flüchtlingen ab, was für Ärzte oft mit Problemen einhergeht. Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ist Teil des Asylbewerber-Beschleunigungsgesetzes, dessen Umsetzung, also auch die Einführung der Gesundheitskarte, den Bundesländern obliegt. Diese Karte soll den Flüchtlingen einfachen und schnellen Zugang zur medizinischen Versorgung verschaffen und Ärzten die Abrechnung ihrer Leistungen über die Chipkarte mit den Kassen ermöglichen.

Prof. Dr. Baptist Gallwitz

„Wir begrüßen die geplante Einführung der Gesundheitskarte für Flüchtlinge“, sagte Prof. Dr. Baptist Gallwitz, Präsident der DDG. Bislang sei vielen Ärzten unklar, inwiefern sie chronische Erkrankungen wie Diabetes behandeln dürfen, wenn Flüchtlinge nicht „akut erkrankt sind und Schmerzzustände haben“, wie es im Asylbewerberleistungsgesetz stehe. „Wir sollten einen Diabetes aber nicht erst dann behandeln dürfen, wenn ein Flüchtling als Notfall zu uns kommt“, so Gallwitz.

Bisher rechnen Ärzte Leistungen bei Flüchtlingen in der Regel über die regionale KV und zu Lasten des regionalen Sozialamts ab. Einzelne KVen, etwa die in Baden-Württemberg, stuft in Absprache mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe auch die Behandlung von chronisch kranken Flüchtlingen, also etwa Diabetikern, als „akut“ ein.

Chipkarte für Flüchtlinge in manchen Bundesländern schon eingeführt

Nach Bremen und Hamburg führt Nordrhein-Westfalen die Chipkarte als erstes Flächenland zum 1. Januar 2016 ein, wie Medscape Deutschland berichtete . Dort sollen Flüchtlinge, die die Erstaufnahmeeinrichtungen und zentralen Unterbringungseinrichtungen des Landes verlassen haben und den Gemeinden zugewiesen wurden, die Karte erhalten. In Berlin soll es die Karte ebenfalls ab 1. Januar geben, kündigte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) im Oktober an.

Doch selbst wenn diese bürokratische Hürde genommen ist, bleibt die Sprachbarriere ein zentrales Problem bei der Behandlung von Asylbewerbern, die noch nicht lange in Deutschland sind, denn zahlreiche von ihnen sprechen auch kein Englisch. „Wenn etwa Syrer kommen, muss ich einen arabisch sprechenden Mitarbeiter haben“, berichtete Sultan.

Man dürfe aufgrund der Kommunikationsschwierigkeiten die Ansprüche für die Behandlung eines Flüchtlings mit Diabetes zumindest anfangs nicht zu hoch ansetzen. „Ich initiiere die Behandlung, muss jedoch bei den Zielen bescheidener sein als bei anderen Patienten“, sagte er. Dies zum einen aufgrund der fehlenden Krankenversicherung, zum anderen aber auch  schon allein aufgrund der Kommunikationsschwierigkeiten. 

Erst, wenn ein Migrant mit Diabetes in der gesetzlichen Krankenkasse versichert sei – und die Kommunikation mit Arzt und Mitarbeitern klappe, könne er in das DMP aufgenommen und somit regelmäßig beraten und im Umgang mit seiner Krankheit geschult werden, erklärte Sultan.

 
Dann kann ich die Patienten dort abholen, wo sie sind, und die Integration in das DMP funktioniert generell gut. Dr. Walter Dresch
 

Allgemeinmediziner Dr. Walter Dresch, der in einer Kölner Innenstadtpraxis ebenfalls zahlreiche Diabetiker mit Migrationshintergrund betreut, beklagte, dass in den 30 diabetologischen Schwerpunktpraxen der Stadt zu wenige Mitarbeiter beschäftigt sind, die die Fremdsprachen von Migranten oder Flüchtlingen verstehen. Er schlug eine Zuordnung der Flüchtlinge nach ihrer Sprache zu verschiedenen Praxen vor. Das heißt, in einer werde türkisch, in einer weiteren russisch und in einer dritten arabisch gesprochen. 

Derzeit improvisiere er, sagte Dresch, um seine Diabetes-Patienten trotzdem „kultursensibel“ betreuen zu können. Bei vielen seiner älteren türkischstämmigen Patienten, die in den 1960er und 70er Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und meist nicht nur schlecht Deutsch sprechen, sondern auch Analphabeten seien, fungierten  Kinder oder andere Angehörige als Übersetzer.

Um die Ernährungsgewohnheiten seiner Patienten mit Migrationshintergrund kennen zu lernen, bittet er sie das, was sie täglich essen, 2 Wochen lang aufzuschreiben. „Dann kann ich die Patienten dort abholen, wo sie sind, und die Integration in das DMP funktioniert generell gut.“ Was außerdem helfe um z.B. wichtige Zusammenhänge von Ernährung, Bewegung und Therapie zu erklären, seien häufige Wiederholungen und die Verwendung von Bild- statt Textmaterial.

Patienten in ihrer Muttersprache schulen

Um Patienten aus unterschiedlichen Kulturkreisen über ihre Krankheit zu informieren hat das Ethno-Medizinische Zentrum (EMZ), eine gemeinnützige Einrichtung zur interkulturellen Gesundheitsförderung, in Kooperation mit der Deutschen DiabetesStiftung (DDS), einen in 12 Sprachen – Arabisch, Bulgarisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Rumänisch, Russisch, Serbokroatisch, Spanisch, Türkisch – erhältlichen Leitfaden zum Diabetes entworfen, der unter anderem Einflussfaktoren, Prävention, Diagnostik, Behandlung, Spätfolgen sowie Tipps für den Alltag mit Diabetes enthält.

Auch die DDG hat auf der Seite der AG Migranten und Diabetes Info-Materialien für Ärzte und für diabetologisches Schulungs- und Beratungspersonal in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Die Fachgesellschaft möchte auf diesem Portal Fach- und Hausärzte, sowie Diabetes-, Ernährungs- und Bewegungsberater für die kultursensible Schulung von Diabetikern vernetzen.

 

REFERENZEN:

1. Herbsttagung der Deutschen Diabetesgesellschaft (DDG): 6. bis 7. November 2015, Düsseldorf

Kommentar

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