Sauerstoff oder Zirkulation? Laut großer US-Analyse kann man Herzmassage zum Beatmen aussetzen

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

10. Dezember 2015

Bei einem Herz-Kreislaufstillstand muss so schnell wie möglich reanimiert werden, das heißt Herzdruckmassage und Beatmung. Jegliche Unterbrechung der Herzdruckmassage reduziert allerdings den Blutfluss im Kreislauf und damit potenziell das Outcome. Allerdings macht es hinsichtlich des Überlebens anscheinend keinen Unterschied, ob Herzdruckmassage und Beatmung kontinuierlich und zeitgleich erfolgen oder ob die Herzdruckmassage nach 30 Kompressionen kurz für 2 Atemhübe unterbrochen wird. Dies zeigt eine im New England Journal of Medicine publizierte Analyse von mehr als 23.000 Patienten [1].

Ein Unterschied zwischen den beiden Vorgehensweisen sei auch nicht wirklich zu erwarten gewesen, kommentiert Prof. Dr. Uwe Kreimeier die Studienergebnisse im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Während in der einen Gruppe nach 30 Herzdruckmassagen zwei Atemhübe appliziert wurden, wurde in der anderen Gruppe versucht, gegen den Widerstand der kontinuierlichen Herzdruckmassage Luft über einen liegenden Güdeltubus in die Lunge zu blasen. Die Menge an Luft, und damit an Sauerstoff, die den Patienten erreichte, wird vermutlich nicht sehr unterschiedlich gewesen sein, da unter laufender Herzdruckmassage bei Beatmung über einen ungeschützten Atemweg nicht wirklich viel Beatmungsvolumen die Lunge erreicht“, erklärte der Sprecher der Sektion „Reanimation und Reanimationstherapie“ der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

An der Studie nahmen mehr als 100 Rettungsdienste und Krankenhäuser in den USA und Kanada teil, das Reanimieren war Aufgabe der Paramedics. Von 23.711 Patienten mit Kreislaufstillstand in der Primäranalyse hatten 12.653 randomisiert eine kontinuierliche Herzdruckmassage mit durchgehender Beutel-Masken-Beatmung (Interventionsgruppe) erhalten. Bei 11.058 Patienten wurde die Herzdruckmassage für die Beatmung jeweils kurz unterbrochen (Kontrollgruppe).

Unter laufender Herzdruckmassage bei Beatmung über einen ungeschützten Atemweg erreicht nicht wirklich viel Beatmungsvolumen die Lunge. Prof. Dr. Uwe Kreimeier

Überleben und günstiges neurologisches Outcome vergleichbar

Der primäre Endpunkt der Studie – Überleben bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus – unterschied sich nicht signifikant zwischen Interventionsgruppe (9%) und Kontrollgruppe (9,7%). Als sekundären Endpunkt ermittelte das Autorenteam um Dr. Graham Nichol, der an derUniversity of Washington in Seattle dasHarborview Center for Prehospital Emergency Care leitet, das Überleben mit günstigem neurologischen Outcome (Rankin-Score ≤ 3). Auch hier fand sich kein signifikanter Unterschied, in der Interventionsgruppe erreichten 7% diesen Endpunkt, in der Kontrollgruppe waren es 7,7%.

In einem begleitenden Editorial diskutiert Dr. Rudolph W. Koster, Kardiologe am Universitätsklinikum Amsterdam, weshalb es keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen gegeben hat, denn Beobachtungsstudien hätten bei Patienten, die kontinuierlich reanimiert wurden, einen eindeutigen Überlebensvorteil gezeigt [2].

Zum einen sei die kontinuierliche Herzdruckmassage in einigen Studien nur Teil eines Versorgungsbündels gewesen, es könnten also andere Maßnahmen gewesen sein, die die Überlebensrate verbesserten. In der aktuell publizierten Studie von Nichol und seinen Kollegen sei zum anderen die Chest Compression Fraction, das heißt der Zeitanteil pro Minute, in der kontinuierlich gedrückt wurde, bereits in der Kontrollgruppe sehr hoch gewesen und hätte weit über dem in den Leitlinien empfohlenen Wert von 0,60 gelegen. Und drittens: „Vielleicht sind Unterbrechungen für die Beatmung weniger schädlich für das Überleben als derzeit angenommen wird“, ergänzte er.

Vielleicht sind Unterbrechungen für die Beatmung weniger schädlich für das Überleben als derzeit angenommen wird. Dr. Rudolph W. Koster

Nur eingeschränkt auf Deutschland übertragbar

„Auf die Situation in Deutschland sind diese Ergebnisse nur eingeschränkt übertragbar“, stellt Kreimeier klar. In Nordamerika kommen Paramedics zum Patienten, es wird üblicherweise nicht sofort intubiert, sondern über Beutel und Maske beatmet. In deutschen Rettungssystemen stellt die Notfallmeldung „Reanimation“ eine Notarztindikation dar.

„Vor Ort würde der Notarzt unter Reanimationsbedingungen auch in Betracht ziehen, den Atemweg zu sichern, entweder durch endotracheale Intubation oder über einen alternativen Atemweg (z. B. Larynxtubus, Larynxmaske)“, sagt Kreimeier. Auf diese Weise wird die Aspirationsgefahr bei der Beatmung gesenkt.

„Beim intubierten Patienten kann so eine kontinuierliche Herzdruckmassage durchgeführt und dabei durchgehend mit niedriger Frequenz beatmet werden – und so wird ein ausreichendes Beatmungsvolumen erzielt. Wenngleich die kontinuierlich durchgeführte Herzdruckmassage also oberste Priorität hat, ist erst mit einem sicheren Atemweg und Beatmung die Oxygenierung des Blutes gewährleistet“, so Kreimeier.

REFERENZEN:

1. Nichol G, et al: NEJM  (online) 9. November 2015

2. Koster RW: NEJM (online) 9. November 2015

Kommentar

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