Direktvergleich beim multiplen Myelom: Carfilzomib erweist sich Bortezomib als überlegen

Susanne Heinzl

Interessenkonflikte

9. Dezember 2015

Orlando – Patienten mit vorbehandeltem multiplen Myelom lebten bei Therapie mit dem Proteasomhemmer Carfilzomib in Kombination mit Dexamethason signifikant länger ohne Krankheitsprogression als mit Bortezomib plus Dexamethason. Dies ergab die Head-to-Head-Studie ENDEAVOR, deren Ergebnisse einer geplanten Zwischenanalyse online in Lancet Oncology zur ASH-Jahrestagung erschienen sind [1;2].

Weitere beim Jahreskongress der American Society of Hematology in Orlando vorgestellte Daten zeigen, dass Carfilzomib plus Dexamethason bei allen zytogenetisch definierten Subgruppen besser als die Vergleichssubstanz wirkte. Vor allem Patienten mit zytogenetischem Standardrisikoprofil profitierten. Zudem erwies sich der neue Proteasomhemmer in einer Subanalyse der Ergebnisse bei älteren Patienten als ähnlich gut wirksam wie bei jüngeren.

Prof. Dr. Meletios A. Dimopoulos

„Diese Ergebnisse sind für Patienten mit multiplem Myelom klinisch wichtig, sie bedeuten neun Monate mehr ohne Krankheitsprogression“, so Studienleiter Prof. Dr. Meletios A. Dimopoulos von der Medizinischen Fakultät der Universität Athen.

Erste Head-to-Head-Studie beim multiplen Myelom

Standardtherapie beim rezidivierten oder refraktären multiplen Myelom ist die Kombinationstherapie mit dem Proteasomhemmer Bortezomib plus Dexamethason. Das seit mehr als 10 Jahren verfügbare Bortezomib hat die Therapiemöglichkeiten beim multiplen Myelom zwar deutlich verbessert, es führt jedoch relativ häufig zu neurotoxischen Reaktionen. Mit Carfilzomib steht ein neuer Proteasominhibitor zur Verfügung, der selektiv und irreversibel an das Proteasom bindet.

In der EU ist er seit November 2015 in Kombination mit Lenalidomid und Dexamethason zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit multiplem Myelom zugelassen, die mindestens eine vorangegangene Therapie erhalten haben. Die Zulassung basierte unter anderem auf den Ergebnissen der Phase-3-Studie ASPIRE (wie Medscape Deutschland berichtete).

Nun wurde Carfilzomib in der ersten Head-to-Head-Studie beim multiplen Myelom direkt mit Bortezomib verglichen. In dieser bislang größten Phase-3-Studie wurden 929 Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem multiplem Myelom und einer bis 3 Vortherapien mit Dexamethason behandelt. Randomisiert und offen erhielten 464 Patienten zusätzlich Carfilzomib und 465 zusätzlich Bortezomib.

 
Diese Ergebnisse sind für Patienten mit multiplem Myelom klinisch wichtig, sie bedeuten neun Monate mehr ohne Krankheitsprogression. Prof. Dr. Meletios A. Dimopoulos
 

Der primäre Endpunkt der Studie, das progressionsfreie Überleben (PFS), war in der Zwischenanalyse mit 18,7 Monaten unter Carfilzomib im Vergleich zu 9,4 Monaten unter Bortezomib signifikant länger (HR=0,53; 95%-KI: 0,44 bis 0,65, p<0,0001). Die Daten zum Gesamtüberleben lagen zum Zeitpunkt der Zwischenanalyse noch nicht vor.

Die häufigsten unerwünschten Wirkungen im Carfilzomib-Arm waren Durchfall, Anämie, Fatigue, Dyspnoe, Fieber und Schlafstörungen. Ein Therapieabbruch wegen unerwünschter Wirkungen war in beiden Gruppen ähnlich häufig.

Carfilzomib wirkt in allen zytogenetischen Subgruppen

Prof. Dr. Wee Joo Chng, Abteilung für hämatologische Onkologie, National University Cancer Institute, Singapur, präsentierte beim ASH-Kongress eine geplante Subgruppenauswertung der ENDEAVOR-Daten nach dem zytogenetischen Risikostatus, der mit Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung erfasst wurde. Als Hochrisiko-Gruppe waren Patienten mit den genetischen Subtypen t(4;14) oder t(14;16) in ≥10% oder einer Deletion 17p in ≥ 20% der gescreenten Plasmazellen definiert. Patienten ohne diese genetischen Subtypen gehörten zur Standard-Risikogruppe.

In der Carfilzomib-Gruppe wiesen 21% und in der Bortezomib-Gruppe 24% der Patienten ein hohes zytogenetisches Risiko auf. 61 bzw. 63% der Patienten konnten der Standard-Risikogruppe zugeordnet werden, bei 18 bzw. 13% der Patienten fehlten die Daten. „Wie erwartet, war das mediane PFS bei Patienten mit zytogenetisch hohem Risiko kürzer im Vergleich zur Gesamtpopulation, allerdings war es bei den mit Carfilzomib behandelten Patienten klinisch bedeutsam länger als bei den mit Bortezomib behandelten Patienten“, so der Referent.

 
Die Hypertonie ist eine bekannte, aber handhabbare Komplikation bei Älteren, sie sollte überwacht werden. ENDEAVOR-Studiengruppe
 

Besonders gut profitierten von Carfilzomib die Patienten mit zytogenetischem Standardrisiko. Bei ihnen ist das PFS derzeit noch nicht erreicht, unter Bortezomib betrug es 10,2 Monate. In den verschiedenen zytogenetischen Subgruppen wurden mit Carfilzomib höhere Ansprechraten, ein tieferes und ein längeres Ansprechen beobachtet. Als potenzielle Einschränkung der Studie bezeichnete Chng allerdings den relativ hohen Anteil an Patienten mit unbekanntem zytogenetischen Risiko.

Gut verträglich bei älteren Patienten

In einem Poster präsentierte die ENDEAVOR-Studiengruppe eine geplante Subgruppenauswertung nach dem Alter der Patienten. In den Carfilzomib-Gruppen waren 223 Patienten unter 65 Jahre alt, 164 Patienten waren zwischen 65 und 74 Jahre alt und 77 waren älter als 75 Jahre. In der Bortezomib-Gruppe waren es entsprechend 210, 189 und 66 Patienten.

Carfilzomib plus Dexamethason wirkte in allen Altersgruppen besser als Bortezomib plus Dexamethason. Ebenso waren die Ansprechraten in allen Altersgruppen höher. Ein Therapieabbruch war in den beiden Subgruppen mit den jüngeren Patienten ähnlich häufig, bei Patienten über 75 Jahre brachen mehr Patienten der Bortezomib-Gruppe die Behandlung ab als in der Carfilzomib-Gruppe (35% vs. 26%). Die Autoren weisen allerdings darauf hin, dass es bei den Patienten über 75 Jahre unter Carfilzomib häufiger zu Herzinsuffizienz, Dyspnoe und Bluthochdruck kam.

„Die Hypertonie ist eine bekannte, aber handhabbare Komplikation bei Älteren, sie sollte überwacht werden. Insgesamt deuten jedoch die Ergebnisse darauf hin, dass die Kombination aus Carfilzomib und Dexamethason bei Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem multiplen Myelom unabhängig vom Alter eine günstiges Nutzen-Risiko-Profil aufweist“, so die Schlussfolgerung der Autoren.

 

REFERENZEN:

1. Dimopoulos MA, et al: Lancet Oncology (online) 5. Dezember 2015

2. 57. Jahreskongress der American Society of Hematology (ASH), 5. bis 8. Dezember 2015, Orlando/USA

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....