Welches Intervall für Retina-Untersuchungen bei Diabetes-Patienten? „One size fits all“ gibt es nicht

Simone Reisdorf

Interessenkonflikte

27. November 2015

Prof. Dr. Hans-Peter Hammes

Stockholm – Bei jedem Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes einmal jährlich den Augenhintergrund checken – das war gestern. Denn auch die Retina nimmt hohe Blutzuckerspiegel übel. Bei Patienten mit Warnzeichen sollte man deshalb lieber einmal öfter nachsehen; das wurde auf dem europäischen Diabeteskongress in Stockholm deutlich [1].

Bei ganz unkompliziertem, frühem Diabetes dagegen kann man die Untersuchungsintervalle durchaus verlängern. Medscape Deutschland sprach über dieses Thema mit Camillo-Golgi-Preisträger Prof. Dr. Hans-Peter Hammes, Sektionsleiter für Endokrinologie, Fakultät für Klinische Medizin Mannheim an der Universität Heidelberg.

Kognitionsverlust geht oftmals der Retinopathie voraus

Zeigen Menschen mit Typ-2-Diabetes Anzeichen nachlassender Kognition, dann sollten sie dringend nicht nur auf eine beginnende Demenz getestet, sondern auch zum Augenarzt überwiesen werden. Denn die Demenz geht der diabetischen Retinopathie oft um Monate oder Jahre voraus, das legen die Ergebnisse einer prospektiven Studie aus Italien nahe, die beim EASD-Kongress in einem Poster vorgestellt worden sind.

Jenseits der ganz unterschiedlichen Auslöser haben diabetische Retinopathie und Demenz sehr viel gemeinsam; die Abläufe im Gefäßsystem von Auge und Hirn sind ähnlich. Prof. Dr. Hans-Peter Hammes

498 Typ-2-Diabetiker im Alter von 40 bis 80 Jahren waren in die Studie von Lorenzo Borio und seinen Kollegen, Universität Turin, Italien, aufgenommen worden; die Hälfte hatte eine Insulintherapie. Ziel der Studie war es eigentlich, die mikrovaskulären Veränderungen unter Insulinbehandlung vs. insulinfreier Behandlung über die 8-jährige Beobachtungszeit zu vergleichen. Es wurden aber nicht nur diabetische Retinopathie und Neuropathie erfasst, sondern auch psychiatrische Befunde wie Depression, Angst und Demenz und deren Vorstufen.

Dabei kam Unerwartetes zutage: Nicht nur bekamen – wie vermutet – die insulinbehandelten, schon länger erkrankten Patienten häufiger eine moderate bis schwere diabetische Retinopathie, ein niedriger Wert im Mini Mental Status Test erwies sich auch als ein Prädiktor der Augenerkrankung. Der Zusammenhang war in beiden Fällen signifikant.

Pathophysiologischer Zusammenhang vermutet

Das sequenzielle Auftreten von Demenz und diabetischer Retinopathie ist nach Ansicht von Hammes kein Zufall, sondern vermutlich auf gemeinsame pathophysiologische Hintergründe zurückzuführen: „Jenseits der ganz unterschiedlichen Auslöser haben diabetische Retinopathie und Demenz sehr viel gemeinsam; die Abläufe im Gefäßsystem von Auge und Hirn sind ähnlich“, erklärte er auf Nachfrage von Medscape Deutschland. „In beiden Fällen sehen wir inflammatorische Prozesse, fehlerhafte Stoffwechselsignalwege und Endothelschäden.“

Den hohen Stellenwert der Früherkennung der Retinopathie erklärte Hammes damit, dass auch die Retina ein „Gedächtnis“ für Hyperglykämien habe. Und sei sie erst einmal geschädigt, unterhalte der Prozess sich künftig selbst. „Schon die erste Läsion in der Retina eines Menschen mit Diabetes ist ein Warnsignal – und ein eindeutiger Biomarker für das Fortschreiten der Diabeteserkrankung, das Voranschreiten der Retinopathie mit drohendem Verlust der Sehschärfe und ebenso für die Risikosteigerung hinsichtlich kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität“, betonte Hammes in seiner Camillo-Golgi-Lecture.

Nach unserer klinischen Erfahrung ist die diabetische Retinopathie oftmals der erste Hinweis auf Gefäßschäden im gesamten Organismus. Prof. Dr. Hans-Peter Hammes

(Demenz) – Retinopathie – Nephropathie?

Dies führte er im Gespräch mit Medscape Deutschland weiter aus: „Nach unserer klinischen Erfahrung ist die diabetische Retinopathie oftmals der erste Hinweis auf Gefäßschäden im gesamten Organismus. Hat ein Patient beispielsweise eine diabetische Nephropathie, so hat er mit hoher Sicherheit zuvor schon eine diabetische Retinopathie entwickelt.“ Werde die Retinopathie in diesen Fällen trotz intensiver Fahndung nicht gefunden, so müsse nach anderen, zusätzlichen Ursachen für die Nephropathie – jenseits des Diabetes – gesucht werden.

Auf die Frage von Medscape Deutschland nach praktischen Tipps antwortete Hammes: „Alles, was zur Demenzprävention empfohlen wird, wie Gedächtnistraining, gesunde Ernährung, Sport, der Aufbau eines sozialen Netzwerkes und womöglich auch pflanzliche Antidementiva, sollte erwogen werden. Diese Maßnahmen helfen auch den Gefäßen in der Retina und dem gesamten Gefäßsystem.“

Camillo-Golgi-Lecture: Gefäßschäden in der Retina verhindern

Hammes und sein Team beschäftigen sich unter anderem mit der Frage, wie diabetische Retinopathie und Makulopathie gezielt medikamentös gehemmt werden können. „Die Forschung in diesem Bereich ist eine besondere Herausforderung“, erklärte er bei seiner Festrede: „Weil die Makula nur bei Menschen und einigen Primaten vorkommt, gibt es keine Nagermodelle für diese Erkrankung.“

Kommentar

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