An einer Million Kinder bestätigt: Nutz- und Haustiere senken das Asthma-Risiko

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

27. November 2015

Erstmals haben Forscher mit Hilfe nationaler Register über 10 Jahre lang sämtliche im Land geborenen Kinder beobachtet, um die Theorie zu untersuchen, dass der Kontakt zu Hunden und Tieren auf einem Bauernhof vor Asthma schützt. Die schwedischen Wissenschaftler nutzten hierfür Register aus dem Gesundheitssektor, der Landwirtschaft und zur Hundehaltung und fanden bei den zwischen 2001 und 2010 geborenen Kindern einen klaren Zusammenhang zwischen dem Kontakt zu diesen Tieren und dem Auftreten von Asthmaerkrankungen.

Prof. Dr. Erika von Mutius

„Die Möglichkeiten in Schweden sind grandios, wir beneiden unsere Kollegen darum“, gibt Prof. Dr. Erika von Mutius, Leiterin der Asthma- und Allergieambulanz der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital in München, unumwunden zu. „Sie können enorme Datenmengen zusammenführen, die in dem Ausmaß bislang nicht miteinander kombiniert wurden. Und die Ergebnisse bestätigen bestehende Daten: Bauernhof-Kinder und Kinder von Hundehaltern sind geschützter vor Asthma.“

Klare Risikoreduktion bei Tierkontakt

Von insgesamt 1.011.051 Kindern wurden Daten zu Asthma gesammelt und zwischen dem 1. Januar 2007 und dem 30. September 2012 analysiert. Es flossen Daten von 376.638 Kindern im Vorschulalter und 276.298 Schulkindern in die Studie mit ein. Von letzteren hatten 22.629 (8,2%) als kleine Kinder Kontakt zu Hunden und 958 (0,3%) zu Tieren auf dem Bauernhof. Von den Vorschulkindern standen 14,2% mit Hunden und 1.729 (0,5%) mit Tieren auf dem Bauernhof in Kontakt.

Von sämtlichen Kindern im Vorschulalter hatten 18.799 (5,0%) bereits einen Asthmaanfall erlitten. Unter den Schulkindern war das bis zum 7. Lebensjahr bei 11.585 (4,2%) Kindern der Fall.

Kinder, die im ersten Lebensjahr gemeinsam mit einem Hund in der Wohnung lebten, hatten im Schulalter ein reduziertes Risiko mit einer Odds Ratio (OR) von 0,87 an Asthma zu erkranken. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, an Asthma zu erkranken, um 13% reduziert war. Im Vorschulalter ab 3 Jahren lag die OR bei 0,9.

Bei regelmäßigem Kontakt mit Kühen und anderen Tieren auf einem Bauernhof reduzierte sich das Asthma-Risiko sogar noch deutlicher, sowohl bei Vorschulkindern (OR = 0,69) als auch bei Schulkindern (OR = 0,48).

Bei Kindern unter 3 Jahren allerdings fanden die Wissenschaftler keine Reduktion des Asthma-Risikos (OR = 1,03). „Bei Vorschulkindern ist akutes Asthma ein Mix aus verschiedenen Asthma-Phänotypen“, erläutern die Autoren, „das oft durch Atemwegsinfektionen ausgelöst wird und das später entweder wieder verschwindet oder sich zu einer persistierenden Erkrankung entwickelt. Bei Schulkindern ist Asthma häufiger persistent und häufiger assoziiert mit Allergie.“

 
Bauernhof-Kinder und Kinder von Hundehaltern sind geschützter vor Asthma. Prof. Dr. Erika von Mutius
 

Von Mutius bestätigt die schwierige Asthma-Diagnose bei den Jüngsten: „Bei Kindern unter drei Jahren sind bei asthmatischen Anfällen bei etwa jedem fünften Kind auch obstruktive Bronchitiden beteiligt. Daher ist es auch keine Überraschung, dass bei Kleinkindern keine Assoziation zwischen Asthma und Haustieren gefunden werden konnte. Von diesen Kindern entwickeln übrigens nur zehn Prozent später ein persistierendes Asthma.“ 

Geringeres Asthma-Risiko auch in Subgruppen zu finden

Die Ergebnisse veränderten sich auch dann nicht, wenn nur Erstgeborene in die Analyse mit einbezogen wurden. Mit dieser Subanalyse wollten Dr. Tove Fall, Department of Medical Sciences, Uppsala University, Schweden, und seine Kollegen ausschließen, dass Familien in die Studie aufgenommen wurden, die ihre Hunde frühzeitig weggaben, weil ihr erstes Kind gesundheitliche Probleme wie Asthma hatte.

Da das schwedische Hundehalterregister keine Informationen darüber sammelt, ob bzw. wann Hunde abgegeben werden, gingen die Autoren bei der Auswertung der Daten von der Annahme aus, dass Hunde im Durchschnitt 10 Jahre alt werden und bis zu diesem Zeitpunkt in der Familie leben.

Bei älteren Kindern blieb die Risikominderung darüber hinaus auch dann bestehen, wenn zwischen Eltern mit und ohne Asthma unterschieden wurde und wenn die Daten von verschiedenen Registern verglichen wurden, die in ihrer Definition von Asthma untereinander abwichen.

Die schwedischen Wissenschaftler verschwiegen allerdings auch nicht die Tatsache, dass Vorschulkinder, die mit Hunden in einer Wohnung leben, in einem Risikoverhältnis von 1,13 (HR) vermehrt unter Pneumonien und Erkrankungen der unteren Atemwege (Hazard Ratio: 1,06) litten – eine Risikoerhöhung, die sich bei den Bauernhof-Kindern nicht zeigte. 

Dennoch unterstützt die Studie einmal mehr die Hygiene-Hypothese, die davon ausgeht, dass der Kontakt mit Mikroben in den ersten Lebensjahren das menschliche Immunsystem stärkt. „Es konnte auch gezeigt werden, dass regelmäßiger Kontakt mit Hunden assoziiert ist mit einer veränderten bakteriellen Zusammensetzung des Hausstaubs“, berichten Fall und seine Kollegen.

Rohmilch und Stallkontakt sind hilfreich

Was genau es ist, das Bauernhof-Kinder besonders schützt, zeichnet sich langsam ab: „Rohmilch liefert einen Teilbeitrag“, erläutert von Mutius. Auch wenn in der vorliegenden Studie nicht unterschieden werden konnte zwischen Bauernhöfen mit und ohne Molkerei, haben laut Autoren frühere Studien diesen Zusammenhang belegt. In Deutschland darf indessen Rohmilch nicht verkauft werden; vielmehr wird wegen Infektionsrisiken gerade für Kinder vor dem Genuss gewarnt.

 
Dass Tiere vor Asthma schützen, ist ein sehr robustes Phänomen. Prof. Dr. Erika von Mutius
 

„Es darf nur sogenannte Vorzugsmilch verkauft werden, also eine unter besonders strengen hygienischen Auflagen hergestellte Rohmilch“, erklärt von Mutius. „Die allerdings gibt es aufgrund des hohen Aufwands und der gesunkenen Nachfrage kaum noch zu kaufen.“ Doch die Bauern selbst scheinen weniger Hemmungen zu haben. „Sie trinken eben einfach ihre eigene Milch.“ Und damit stehen sie nicht allein. In Frankreich zum Beispiel geht man mit dem Genuss von Rohmilch ebenfalls deutlich gelassener um.

Ein zweiter ausschlaggebender Schutzfaktor ist der Aufenthalt im Stall. „Hier muss man aber differenzieren zwischen den Stalltypen“, berichtet die Münchner Kinderärztin. „Ein hochmoderner automatisierter Stall hat keinen Schutzeffekt mehr.“

Von Mutius forscht selbst seit Jahren zum Thema Asthma und Hygiene-Hypothese und ist Mitautorin einer am 17. November 2015 veröffentlichten Studie an Geburtskohorten aus 5 europäischen Ländern. Es zeigte sich auch hier, dass Kinder, die sich bereits im ersten Lebensjahr in Ställen aufhielten, erheblich profitieren.

Große Fallzahl wiegt Fehlerquellen auf

Die Autoren selbst weisen auf einige Limitationen ihrer Studie hin. Dazu zählt, dass im schwedischen Hunderegister lediglich rund 80% aller Hundehalter registriert sind. „Es gibt natürlich eine Grauzone, weil die Hundehaltung nicht auf Familienebene erfasst wurde“, bestätigt von Mutius, „doch die statistische Fehleranfälligkeit, die daraus entsteht, rechnet sich bei dieser riesigen Fallzahl heraus. Die Ergebnisse sind damit eine reale Aussage.“

Die Autoren räumen zudem ein, eine geringere Neigung zur Hunde-Registrierungs in sozial schwächeren Gesellschaftsschichten, die bekanntermaßen häufiger unter Asthma leiden, nicht ausschließen zu können. „Das könnte zu einer Überschätzung der inversen Assoziation führen ...“ Auch konnten die Wissenschaftler nicht ausschließen, dass Kinder aus Haushalten ohne Tiere nicht doch regelmäßig in Kontakt mit Tieren standen, etwa über Freunde oder Verwandte.

„Die Diskussion ist fair geführt“, schlussfolgert von Mutius. „Doch die enorme Fallzahl stellt einfach ein überzeugendes Gegengewicht zu den statistischen Fehlerquellen dar. Und nicht zuletzt handelt es sich hier um die etwa 40. Studie zum Thema. Dass Tiere vor Asthma schützen, ist ein sehr robustes Phänomen.“

 

REFERENZEN:

1. Fall T, et al: JAMA Pediatr (online) 2. November 2015

Kommentar

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