Gehäufte Mikrozephaliefälle in Brasilien durch Zika-Viren? „Falls ja, haben wir ein großes Problem“

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

24. November 2015

Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit

Steht der starke Anstieg von Mikrozephalie-Fällen bei Babys in Brasilien in einem Zusammenhang mit dem aktuellen Ausbruch von Zika-Virus-Infektionen in der Region? „Die Daten lassen noch keinen endgültigen Schluss zu“, sagt Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, gegenüber Medscape Deutschland. Die aktuelle Entwicklung lege jedoch einen Zusammenhang nahe.

Wenn der Nachweis gelingt, dass Zika-Viren für die Fehlbildungen der Babys verantwortlich sind, hat dies ernste Konsequenzen: „Dann haben wir ein großes Problem“, sagt Schmidt-Chanasit. Einen Impfstoff gebe es nämlich bislang nicht. Stattdessen dürften sich dort schwangere Frauen „auf keinen Fall von Stechmücken stechen lassen“, betont der Virologe. Das aber dürfte in Brasilien ein schwieriges Unterfangen sein.

Allerdings rufe die Infektion eine langanhaltende Immunität hervor, ergänzt er. Durch die Bestimmung einer abgelaufenen Infektion könnte – ähnlich wie bei Röteln – bei Schwangeren oder Frauen, die eine Schwangerschaft planen, festgestellt werden, ob ein ausreichender Schutz vor einer Infektion besteht. Ein solcher frei verkäuflicher serologischer Test müsste allerdings auch erst noch entwickelt werden.

Fast 400 Mikrozephalie-Fälle bereits in diesem Jahr

399 Fälle von Mikrozephalie verzeichnete Brasilien bereits in diesem Jahr, vor allem im nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco – dort wurden bis Mitte November 141 Fälle gemeldet. In normalen Jahren kommen in ganz Brasilien 100 bis 120 Babys mit dieser Fehlbildung auf die Welt. Das Land hat deshalb den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Gesundheitsämter sind seitdem angewiesen, besondere Vorbeuge-, Dokumentations- und Aufklärungsmaßnahmen zu treffen.

 
Die Daten lassen noch keinen endgültigen Schluss zu. Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
 

Parallel zu dieser Entwicklung hat sich das von Stechmücken übertragene Zika-Virus – ein Verwandter vom Dengue-, West-Nil- und Gelbfieber-Virus – in Brasilien ausgebreitet. Und zwar rasend schnell: Erst im Mai dieses Jahres wurden erstmals autochthone Übertragungen des Virus im Nordosten Brasiliens offiziell bestätigt, Mitte Oktober waren nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 14 der 26 Bundesstaaten des Landes betroffen [1].

In Anbetracht der Geschwindigkeit, mit der sich das Virus verbreitet, hat die WHO die Staaten der Region aufgefordert, ihre Überwachungsmaßnahmen zu verstärken und die Bevölkerung über die Gefahren zu informieren.

Warum gab es bei früheren Ausbrüchen keine Fälle von Schädelmissbildungen?

Es ist nicht der erste Ausbruch des erstmals 1947 im Zika-Forest in Uganda nachgewiesenen Flavivirus. Nachdem es jahrzehntelang nur sporadisch in Afrika und Asien auftauchte, wurde im Jahr 2007 von einem Zika-Virus-Ausbruch in Mikronesien (Yap Inseln) berichtet. Fast Dreiviertel der Bevölkerung hatten sich damals mutmaßlich mit dem Virus infiziert. Auf den Inseln Französisch-Polynesiens, wie etwa Tahiti, Bora Bora und Moorea, grassierte das Virus außerdem vor rund 2 Jahren. Bis zum Ende des Jahres 2013 hatten sich dort Schätzungen zufolge insgesamt 19.000 Menschen infiziert.

Warum es bei den früheren Virusausbrüchen nicht zu einer Häufung von Fehlbildungen gekommen ist, kann derzeit noch nicht beantwortet werden. Eine mögliche Erklärung wären genetische Besonderheiten der Brasilianer, sagt Schmidt-Chanasit. „Dies ist aufgrund der heterogenen Zusammensetzung der Bevölkerung aber eher unwahrscheinlich.“

Ein weiterer Erklärungsversuch fußt auf der Annahme, dass bereits zirkulierende, kreuzreaktive Antikörper die Infektion immunologisch verstärken könnten. „Ein solcher Mechanismus käme zum Beispiel zum Tragen, wenn sich die Schwangeren zuvor mit dem Dengue-Virus infiziert hätten“, so der Hamburger Experte. Belege dafür gebe es aber noch nicht.

Das Virus blieb in Brasilien lange Zeit unentdeckt

Den Weg nach Brasilien fand das Virus vermutlich im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft 2014 (und den damit verbundenen intensiven Reisetätigkeiten). Dass das Virus dann verhältnismäßig lange unentdeckt blieb, hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Symptomatik einer Zika-Virus-Infektion der des Dengue-Fiebers ähnelt. Patienten leiden an erhöhter Temperatur, Konjunktivitis, Kopf- und Gelenksschmerzen, Übelkeit, Diarrhoe und Bauchschmerzen. Zusätzlich entwickeln sie in der Regel ein makulo-papulöses Exanthem.

 
Das Hauptproblem ist aber, dass eine Zika-Virus-Infektion mit einer geringen Viruslast und einer kurzen Virämie einhergeht. Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit
 

„Das Hauptproblem ist aber, dass eine Zika-Virus-Infektion mit einer geringen Viruslast und einer kurzen Virämie einhergeht“, sagt Schmidt-Chanasit. Das Zeitfenster für den Virusnachweis sei entsprechend eng. In herkömmlichen serologischen Testverfahren kann es zudem zu Kreuzreaktionen mit anderen Flaviviren kommen, eine eindeutige Bestimmung des krankheitsauslösenden Agens wird auf diese Weise erschwert. Ein sicherer serologischer Nachweis von Zika-Virus-spezifischen Antikörpern, so Schmidt-Chanasit, sei derzeit weltweit nur in wenigen Referenzlaboren möglich.

Erste Nachweise von Zika-Viren in Fruchtwasserproben

In Brasilien arbeite man mittlerweile mit Hochdruck daran, den möglichen Zusammenhang zwischen den Mikrozephalie-Fällen und den Zika-Viren zu untersuchen, sagt der Hamburger Experte. In den Fruchtwasserproben zweier Schwangeren, die von typischen Hautreaktionen berichteten und bei deren Feten Mikrozephalie festgestellt wurde, ist das Virus auch mittlerweile nachgewiesen worden. Das meldete kürzlich das brasilianische Instituto Oswaldo Cruz.

Eine Bestätigung für die vermutete Beziehung sei dies aber noch nicht, so Schmidt-Chanasit. Erste publizierte Ergebnisse erwarte er allerdings noch in diesem Jahr.

Kommentar

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