Industrie verharmlost das Diabetesrisiko durch Zucker – „plumpe“ Irreführung kontert die DDG

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

24. November 2015

Streit um die Folgen des Zuckerkonsums: Sowohl die Weltgesundheitsorganisation WHO als auch Diabetologen und Ernährungsexperten warnen davor, dass zuviel Zuckergenuss der Gesundheit schadet. Hingegen behauptet die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker e. V. (WVZ) in einem Infobrief an den Gesundheitsausschuss des Bundestages, dass Zucker nicht dick mache und kein Risikofaktor für Diabetes sei [1]. Dass sie sich dabei ausgerechnet auf die Ernährungsempfehlungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) beruft, erweist sich jetzt als unklug.

Denn die DDG reagierte sofort und will sich nicht vor diesen Karren spannen lassen: Die Fachgesellschaft wies die in dem Infobrief geschilderten Sachverhalte in einer Pressemitteilung als „plump“ und „unseriös“ zurück [2]. Hier werde versucht, „die Mitglieder des Gesundheitsausschusses hinters Licht zu führen“.

Dr. Baptist Gallwitz

„Diese Argumentation ist unseriös, weil sie entscheidende Zusammenhänge bewusst ausspart“, sagt DDG-Präsident Dr. Baptist Gallwitz. Maßvoller Zuckerkonsum sei gar nicht das Problem, sondern die „Vielzahl industriell erzeugter Lebensmittel, die ein Übermaß an Zucker und Fett enthalten und damit zu viele Kalorien.“ Diese hochkalorische Ernährung wiederum führe zu Übergewicht und Folgeerkrankungen wie Diabetes. „Insofern ist der weltweit viel zu hohe Zuckerverbrauch gesundheitsschädlich und muss dringend zurückgeführt werden“, fordert die Fachgesellschaft.

Dr. Johannes Scholl

Süße Verführung, die süchtig macht

„Ich würde sogar noch deutlich weitergehen als die DDG, die allerdings in jedem Fall recht hat“, sagt Dr. Johannes Scholl,Inhaber der Dr. Scholl Prevention First GmbH in Rüdesheim am Rhein, gegenüber Medscape Deutschland. Der Facharzt für Innere Medizin, Ernährungsmedizin und Sportmedizin bezeichnet die Behauptungen der WVZ als „dreisten Versuch der Zuckerlobby, der aber jedem vernünftigen Menschen sofort auffallen muss“.

Definitiv, bemerkt er, begünstige eine hohe Zuckerzufuhr, insbesondere der Fruktoseanteil in dem zur Lösung verwendeten Fruktose-Glukose-Sirup in gezuckerten Getränken, die Entstehung von Übergewicht und Diabetes. Dass der Verzehr zuckerhaltiger Getränke mit einem erhöhten Diabetes-Typ-2-Risiko einhergeht, verdeutlichte eine im Juli 2015 veröffentlichte Meta-Analyse, wie Medscape Deutschland berichtete.

 
Diese Argumentation (der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker e. V.) ist unseriös, weil sie entscheidende Zusammenhänge bewusst ausspart. Dr. Baptist Gallwitz
 

Die Behauptung der WVZ, für die Entstehung von Übergewicht sei allein die Energiebilanz und nicht die Form der Kalorien entscheidend, bezeichnete Scholl als „typischer Versuch, von den durch die Zuckeraufnahme ausgelösten metabolischen Effekten abzulenken“. Zuckerreiche Ernährung ziehe beispielsweise eine Appetitsteigerung mit „erheblichem „Suchtpotenzial“ nach sich, da „zuckerreiche Mahlzeiten den Nucleus accumbens – das Suchtzentrum im Gehirn, anregen“, wie eine Studie von Kinderärztin Dr. Berlinda Lennerz von der Universität Ulm 2013 gezeigt hatte, argumentiert Scholl.

Zudem seien die körpereigenen Zuckerspeicher begrenzt – lediglich 400 Gramm können in den Muskeln und 100 bis 150 Gramm in der Leber in Form von Glykogen gespeichert werden. Seien die Speicher voll, wandle der Körper den Zucker in Fett um, das in unbegrenzten Mengen gespeichert werden könne.

WHO: Fünf Prozent Zuckerenergie am Tag sind genug

Auch die WHO warnt immer wieder vor den gesundheitlichen Auswirkungen von zu viel Zucker und empfiehlt in ihren neuen Leitlinien von März 2015 den Konsum auf 5% der gesamten Energieaufnahme zu reduzieren, wie Medscape Deutschland berichtete.

 
(Es ist ein) dreister Versuch der Zuckerlobby, der aber jedem vernünftigen Menschen sofort auffallen muss. Dr. Johannes Scholl
 

Aber allein schon auf 10% der Energieaufnahme komme ein Erwachsener täglich, wenn er „nur“ 50 Gramm Zucker konsumiert, rechnet die DDG vor. Tatsächlich jedoch verzehre jeder Deutsche im Schnitt das Doppelte, was zu Übergewicht und möglichen Folgeerkrankungen wie Diabetes führen könne. „Wenn es der Zuckerindustrie um eine seriöse Information gegangen wäre, hätte sie die Politiker auf diesen Missstand hingewiesen, anstatt die DDG-Empfehlungen manipulativ einzusetzen“, moniert DDG-Geschäftsführer Dr. Dietrich Garlichs.  

Gegenüber Medscape Deutschland kommentiert die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weder die Aussagen der WVZ noch die Antwort der DDG, weist aber darauf hin, dass es sich bei Diabetes mellitus um eine komplexe Störung handle, die man auf ein „Mosaik von Gründen“ zurückführen könne, etwa eine genetische Disposition und schädliche Ernährungsgewohnheiten inklusive zu hohem Zuckerkonsum. „Natürlich kann man sagen, dass die Energiebilanz bei denen, die mehr Zucker zu sich nehmen, positiver ausfällt – das gilt aber genauso für den Fettkonsum“, sagt DGE-Pressesprecherin Isabelle Keller im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Daher solle man sich auch bei Ernährungsempfehlungen nicht nur auf ein Lebensmittel konzentrieren, sondern die gesamte Bandbreite der Ernährung im Blick behalten. Als besonders negativ, sagt Keller, sei „Süßes in Kombination mit Fettigem“ zu bewerten, da es sich um „leere Energieträger“ handle. Die Ernährungsexperten der DGE warnen ebenfalls vor den negativen Auswirkungen der Zunahme von industriell gefertigten Nahrungsmitteln auf die Gesundheit. „Wenn jeder seine Ernährung selbst plant und das, was er isst, selbst zubereitet, etwa das Schulbrot der Kinder, statt beim Bäcker etwas Fertiges zu kaufen, ist schon vieles hinsichtlich gesundem Essen erreicht“, sagt Keller.

 
Wenn es der Zuckerindustrie um eine seriöse Information gegangen wäre, hätte sie die Politiker auf diesen Missstand hingewiesen, anstatt die DDG-Empfehlungen manipulativ einzusetzen. Dr. Dietrich Garlichs
 

DGE: Evidenz reicht für Obergrenze nicht aus

Eine Obergrenze für den täglichen Zuckerkonsum lehne die DGE jedoch ab. „Klare Dosis-Wirkungs-Beziehungen und Grenzwerte für Zucker abzuleiten ist schwierig“, bemerkte die Fachgesellschaft in einem Positionspapier zu den neuen WHO-Richtlinien zum Zuckerkonsum. Ob es möglich sei, einen Grenzwert für die Zuckerzufuhr abzuleiten, „müsste aufgrund der unsicheren Datenlage aus Sicht der DGE in weiteren Untersuchungen geklärt werden“.

Das gelte insbesondere für den Grenzwert von weniger als 5%. „Diese Empfehlung basiert auf einer schwachen Evidenz, so dass die DGE sich entschlossen hat, diesen Aspekt weniger stark zu betonen“, schreiben die Ernährungsfachleute.

 

REFERENZEN:

1. Wirtschaftliche Vereinigung Zucker (WVZ): Infodienst Zucker 3/2015

2. Deutsche Diabetes Gesellschaft: Pressemitteilung, 18. November 2015

Kommentar

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