Diabetesbericht 2016: Deutschland unter den zehn Ländern mit der höchsten Zahl an Diabeteskranken

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

19. November 2015

Mehr als 6 Millionen Menschen sind aktuell in Deutschland an Diabetes mellitus erkrankt. Das zeigt der Deutsche Gesundheitsbericht Diabetes 2016, der anlässlich des Weltdiabetestages am 14. November veröffentlicht wurde [1]. Besonders beunruhigend sei die hohe Dunkelziffer der 1 bis 2 Millionen nicht diagnostizierten Menschen mit Diabetes, betonen Prof. Dr. Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender diabetesDE, und Prof. Dr. Baptist Gallwitz , Präsident DDG, in einem Vorwort. Die Bestandsaufnahme zur Diabetessituation in Deutschland wird von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) herausgegeben.

Mit einem Anteil von 95% ist der Typ-2-Diabetes für die weitaus meisten Diabeteserkrankungen verantwortlich. Es sei auch davon auszugehen, dass die Dunkelziffer von etwa 2 Millionen Menschen ebenfalls größtenteils auf den Typ-2-Diabetes entfalle, heißt es in dem Bericht.

In der 6. Ausgabe des Diabetes Atlas der International Diabetes Federation wird Deutschland mit einer absoluten Anzahl von 7,6 Millionen Diabetikern (inkl. Dunkelziffer) weltweit zu den 10 Ländern mit der höchsten Anzahl an Menschen mit Diabetes mellitus gezählt.

Daten zur Diabetesprävalenz

Aktuelle Schätzungen aus bevölkerungsbezogenen Surveys gehen davon aus, dass bei etwa 7 bis 8% der erwachsenen Bevölkerung ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert wird. Wie die Ergebnisse genau ausfallen, hängt davon ab, welche Altersgruppe und welche Datenbasis herangezogen werden.

In der bundesweit angelegten Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) des Robert Koch-Instituts gaben 7,2% der Bevölkerung zwischen 18 und 79 Jahren an, dass bei ihnen ein ärztlich diagnostizierter Typ-2-Diabetes vorliegt. Die Untersuchung zeigt auch – wie erwartet –, dass die Diabetesprävalenz ab dem 50. Lebensjahr sprunghaft ansteigt. In der Altersgruppe zwischen 70 und 79 Jahren lag sie bei über 20%.

Auch zu Veränderungen der Diabetesprävalenz im Laufe der letzten Jahre macht der Bericht Angaben: Demnach ist die Zahl der Diabetespatienten in den vergangenen 10 Jahren um 38% angestiegen. Die relative Zunahme der Diabetesprävalenz fiel bei den Männern mit 49% stärker aus als bei den Frauen mit 30%.

Ein Teil der relativen Zunahme könne auf die demographische Alterung der Bevölkerung zurückgeführt werden, heißt es im Gesundheitsbericht. Der größte Teil des Anstiegs lasse sich damit aber nicht erklären und müsse daher mit Veränderungen des Lebensstils (Ernährung, körperliche Aktivität), des Wohn- und Arbeitsumfelds (Freizeitmöglichkeiten, Verfügbarkeit gesunder Lebensmittel) oder anderen Veränderungen der Lebensbedingungen (z. B. Umweltschadstoffe) in den letzten Jahren in Verbindung stehen.

Dunkelziffer und Neuerkrankungsrate

Laut DEGS1 liegt die Prävalenz des unbekannten Diabetes bei etwa 2% (Männer 3,1%, Frauen 1,1%) in der Bevölkerung zwischen 20 und 79 Jahren. Dies entspricht einem Anteil des unbekannten Diabetes an der Gesamtprävalenz von über 20%. Eine andere deutsche Untersuchung (KORA) kommt auf einen Anteil von 37% der Gesamtprävalenz. In der Vergangenheit war von einem Anteil des unbekannten Diabetes an der Gesamtprävalenz von knapp 50% ausgegangen worden. Dieser Anteil scheint somit in den letzten Jahren zurückgegangen zu sein, heißt es in dem Bericht.

Die populationsbasierte Inzidenz für den Typ-2-Diabetes in der älteren Bevölkerung ließ sich erstmals auf der Basis der KORA-Studie schätzen: Mit 15 Neuerkrankungen pro 1.000 Personenjahre in der Altersgruppe 55 bis 74 Jahre zählt die Inzidenzrate zu einer der höchsten in Europa. Dies bedeutet, dass etwa 270.000 Neuerkrankungen pro Jahr in der älteren deutschen Bevölkerung auftreten.

Regionale Unterschiede: Erhebliches Nordost-Süd-Gefälle

Verschiedene Studien weisen auf erhebliche regionale Unterschiede des Typ-2-Diabetes hin – mit besonders hohen Prävalenzen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. In den DIAB-CORE-Studien etwa war die Prävalenz in der Altersgruppe zwischen 45 und 74 Jahren im Nordosten mit 12% in Halle und 10,9% in Vorpommern etwa doppelt so hoch wie in der Region Augsburg im Süden Deutschlands (KORA: 5,8%).

Bereits bei Vorstufen des Diabetes, dem Prädiabetes, war ein Nord-Süd-Gefälle festzustellen (SHIP-TREND: 43,1%, KORA F4: 30,1%). Die Unterschiede waren bei jüngeren Studienteilnehmern aus beiden Regionen besonders ausgeprägt. Im Schnitt hatten Menschen im Nordosten ein Prädiabetesrisiko, das mit 10 (Frauen) bis 20 (Männer) Jahre älteren Menschen im Süden vergleichbar war.

Als Ursachen für die Unterschiede seien neben einer regional unterschiedlichen Verteilung bekannter Risikofaktoren wie Blutdruck oder Taillenumfang auch Indikatoren für eine strukturelle und sozioökonomische Benachteiligung von Gemeinden denkbar, heißt es in dem Bericht. Im DIAB-CORE-Verbund war das Chancenverhältnis für Diabetes mehr als doppelt so hoch in den Gemeinden mit der höchsten strukturellen Benachteiligung wie in den besonders gutgestellten Gemeinden – unabhängig von der individuellen sozialen Lage der Studienteilnehmer.

Im Kindes- und Jugendalter: Anstieg der Neuerkrankungen an Typ-1-Diabetes

Vorstufen des Typ-2-Diabeteswie gestörte Glukosetoleranz und abnorme Nüchternglukosesind auch bei Jugendlichen bereits nachweisbar. Dennoch sei die Diagnosestellung eines Typ-2-Diabetes in Deutschland extrem selten, selbst wenn man eine ähnlich hohe Dunkelziffer hinzurechnet, so der Bericht. Erste populationsgestützte Schätzungen des Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen ergeben eine Inzidenz von 2 pro 100 000. Etwa 200 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren in Deutschland erkranken jährlich an Typ-2-Diabetes.

Bei Kindern und Jugendlichen stehe der autoimmunbedingte Typ-1-Diabetes im Vordergrund, heißt es in dem Bericht. Für diese Erkrankung werden in Nordrhein-Westfalen (NRW), Baden-Württemberg, Sachsen und Bremen bevölkerungsbezogene Register geführt, die valide Schätzungen zum Typ-1-Diabetes zulassen; so waren im Jahr 2010 schätzungsweise 162 von 100.000 Kindern unter 14 Jahren und 328 von 100.000 zwischen 15 und 19 Jahren in NRW an Typ-1-Diabetes erkrankt.

Jährlich steigen die Neuerkrankungen um 2,1% an, besonders stark ist der Anstieg bei Jungen und Mädchen zwischen 5 und 14 Jahren. Nach den zur Verfügung stehenden Daten dürften jährlich etwa 3.200 bis 3.700 Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 19 Jahren in Deutschland neu mit Typ-1-Diabetes diagnostiziert werden.

Weitere Inhalte des Berichts

Neben Angaben zur Epidemiologie enthält der Deutsche Gesundheitsbericht Diabetes 2016 unter anderem Kapitel zur Prävention des Typ-2-Diabetes, Komplikationen und Folgeerkrankungen, Versorgungsstrukturen und psychologischen Aspekten bei Kindern und Jugendlichen.

Neu im Bericht 2016 sind Beiträge zu „Soziale Ungleichheit und Diabetes“, „Neue Diabetestechnologien“ und „Blutzucker-Screening in der Zahnarztpraxis“.

 

REFERENZEN:

1. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2016

Kommentar

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