Deutscher Versorgungsatlas zum Antibiotika-Tag: Steigender Einsatz von Cephalosporinen bereitet Experten Sorgen

Bettina Micka

Interessenkonflikte

18. November 2015

Zuerst die gute Nachricht zum Europäischen Antibiotika-Tag, heute am 18. November: „Unsere aktuellen Analysen belegen, dass die Antibiotika-Therapie bei Kindern und Jugendlichen weiterhin statistisch signifikant rückläufig ist“, betont Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum. Der Wissenschaftler ist Erstautor einer Analyse, in der die Verordnung von Antibiotika durch niedergelassene Ärzte von 2008 bis 2014 untersucht worden ist. Die Ergebnisse sind ab heute in einem entsprechenden Versorgungsatlas einzusehen.

Die weniger gute Nachricht: Bei den Erwachsenen stagnieren der Analyse zufolge die Zahlen. Insgesamt ist damit das Verordnungsvolumen in Deutschland zwar leicht rückläufig. Grund zur Sorge ist für die Experten allerdings vor allem der gestiegene Verbrauch von Cephalosporinen bei Erwachsenen und Senioren.

Im Westen sitzt der Rezeptblock lockerer

Die Wissenschaftler des Versorgungsatlas haben für ihre Analyse  pseudonymisierte Arzneiverordnungsdaten aus Arztpraxen ausgewertet. Für Kinder und Jugendliche ergab sich ein signifikanter jährlicher Rückgang der Verordnungen von -6,7% (annual procent change, APC). Eine Ursache für diese positive Entwicklung könnte die Pneumokokken-Konjugatvakzine sein, die 2006 eingeführt wurde, vermuten die Autoren.

Auch bei den über 69-Jährigen sanken die Verordnungszahlen leicht. Signifikant war dies in Thüringen (-13,3%) und Sachsen-Anhalt (-3,7%).  

 
Unsere aktuellen Analysen belegen, dass die Antibiotika-Therapie bei Kindern und Jugendlichen weiterhin statistisch signifikant rückläufig ist. Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum
 

Regional konnten die Wissenschaftler deutliche Unterschiede bei den Verordnungen über alle Altersgruppen ausmachen. In den neuen Bundesländern stellten die Niedergelassenen seltener ein Antibiotika-Rezept aus als in den alten. Die Spanne reichte von 3.079 definierten Tagesdosen (DDD) je 1.000 GKV-Versicherte in Brandenburg bis zu 5.814 DDD im Saarland.

Cephalosporine sollten schweren Infektionen vorbehalten bleiben

Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachten die Infektiologen die Entwicklung bei den Reserveantibiotika, die nur verordnet werden sollten, wenn nachgewiesene Resistenzen gegen andere Antibiotika vorliegen. Erfreulich: Bei den Fluorchinolonen konnten die Wissenschaftler einen leichten Rückgang der Verordnungen (-2,9%) verzeichnen, der bei den über 69-Jährigen signifikant war. Diesen rückläufigen Trend führen die Autoren der Analyse unter anderem auf Veränderungen der urologischen und allgemeinärztlichen Leitlinien zurück, wo Fluorchinolone nicht mehr bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen empfohlen werden.

Bei den Cephalosporinen stiegen dagegen die jährlichen Verordnungen um 7,6% an. „Insbesondere ab der zweiten Generation gilt diese Wirkstoffklasse aufgrund ihres breiten Wirkungsspektrums als Reservegruppe, die schweren Infektionen vorbehalten sein sollte“, so Bätzing-Feigenbaum. „Diese Antibiotika gelten als eine der Ursachen für die Entwicklung von Multiresistenzen, denen unbedingt entgegengewirkt werden muss. Ein statistisch signifikanter Verordnungsanstieg bereitet uns daher große Sorge.“

Eine Erklärung für den Anstieg haben die Autoren anhand der vorliegenden Daten allerdings nicht. In sämtlichen Leitlinien werde die Wirkstoffgruppe bei Atemwegsinfektionen und Pneumonie lediglich als Alternative z.B. bei Unverträglichkeit gegenüber Penicillin genannt.

„In den Niederlanden werden Cephalosporine in der ambulanten primären Versorgung praktisch nicht eingesetzt“, gibt Bätzing-Feigenbaum gegenüber Medscape Deutschland zu bedenken. „Wenn das dort funktioniert, geht das auch bei uns“, betont der Allgemeinmediziner und Infektiologe.

 
In den Niederlanden werden Cephalosporine in der ambulanten primären Versorgung praktisch nicht eingesetzt. Wenn das dort funktioniert, geht das auch bei uns. Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum
 

In punkto Antibiotikaresistenz steht Deutschland innerhalb Europas noch gut da

Der unsachgemäße Umgang mit Antibiotika fördert die Entstehung multiresistenter Erregern, die nach Angaben der EMA in Europa für jährlich schätzungsweise 25.000 Todesfälle verantwortlich sind.

Hinsichtlich der Antibiotikaresistenzen ist die Situation in Deutschland noch nicht so angespannt wie in vielen anderen europäischen Ländern, wie das Robert Koch-Institut in einer Pressemitteilung konstatiert. Resistenzdaten zu ausgewählte Erregern erhebt das European Antimicrobial Resistance Surveillance Network. Demnach geht der Anteil Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA), die zu den wichtigsten Erregern von Krankenhausinfektionen zählen, in Deutschland weiterhin zurück. Mit 11,8% liegt er aktuell unter dem europäischen Mittelwert von rund 18%.

Besondere Aufmerksamkeit schenken Wissenschaftler in den letzen Jahren den gram-negativen Erregern. Dazu gehören unter anderem Escherichia coli, die z.B. Harnwegsinfektionen verursachen, und Klebsiella pneumoniae, die im stationären Bereich als Erreger von Lungenentzündung und Sepsis bekannt sind. Bei E. coli ist die Resistenz gegenüber Cephalosporinen der 3. Generation in Deutschland bereits auf über 10% gestiegen.

Ein globales Problem

Nicht alle Resistenzprobleme in Deutschland sind „hausgemacht“. So sind laut RKI bis zu 30% der Reiserückkehrer aus Ländern (insbesondere asiatischen) mit Darmbakterien kolonisiert, die Extended Spektrum Beta-Lactamasen (ESBL) bilden. Bei ESBL-Keimen ist die wichtige Gruppe der Beta-Lactam-Antibiotika unwirksam.

Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Antibiotikaresistenzen als eine der wesentlichen globalen Bedrohungen. Sie hat aktuell einen 12 Länder umfassenden Survey herausgegeben, der ein fehlendes Verständnis in der Bevölkerung für die Problematik offenbart. So meinten beispielsweise 64% der Befragten, dass mit Antibiotika Erkältungen und Grippe – also typische virale Infektionen – behandelt werden könnten. Fast ein Drittel war der Meinung, sie könnten die Einnahme beenden, sobald sie sich besser fühlten, unabhängig von der verordneten Einnahmedauer. Diese Unkenntnis trägt wesentlich zur Entstehung und Ausbreitung von Resistenzen bei, warnt die WHO. Wirksamere Strategien zur Bekämpfung von Resistenzen seien gefragt.

 
Wir müssen die Finanzierung der Entwicklung neuer Antibiotika komplett überdenken … Prof. Dr. John-Arne Røttingen
 

Der Antibiotika-Problematik widmet The Lancet aktuell eine ganze Artikelserie. Die Autoren halten die Entstehung und Ausbreitung von Resistenzen für eines von 3 Hauptproblemen. Die gegenwärtigen Gegenmaßnahmen halten sie nicht für ausreichend und schlecht koordiniert. Sie entwerfen einen Plan, wie die internationale Zusammenarbeit verbessert werden kann und empfehlen, eine neue Koordinationsstelle bei der UN dafür einzurichten.

Als weiteres Problem thematisieren die Lancet-Autoren, dass immer noch viele Menschen keinen Zugang zu Antibiotika haben und deshalb an behandelbaren Infektionskrankheiten sterben.

Als drittes Hauptproblem befasst sich die Artikelserie mit der Entwicklung neuer Antibiotika. „Wir müssen die Finanzierung der Entwicklung neuer Antibiotika komplett überdenken … “, sagt Prof. Dr. John-Arne Røttingen, Direktor für Umweltgesundheit und Kontrolle von Infektionskrankheiten am Institut für Öffentliche Gesundheit in Norwegen. „Die Finanzierung sollte von den Anforderungen der öffentlichen Gesundheit bestimmt sein, nicht von Profit.“

Røttingen, unter dessen Leitung die Artikelserie stand, kommt angesichts der zahlreichen zu bewältigenden Aufgaben zu dem Schluss: „Das Ausmaß des Problems und die Komplexität der erforderlichen Reaktionen darauf bedeuten, dass das Problem schlicht zu groß ist, um von der WHO allein bewältigt werden zu können. Wir brauchen koordinierte Maßnahmen von Politikern, Industrie und Bürgern – und dies in globalem Maßstab …“

 

REFERENZEN:

1. Bätzing-Feigenbaum J, et al: Versorgungsatlas-Berichte 2015; Nr. 15/15-17

Kommentar

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