Transparenzkodex der Pharmafirmen: Kein Geld mehr für Ärzte, die nicht mitmachen wollen?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

16. November 2015

Die einen kündigen einen Schritt zu mehr Transparenz an, die anderen bleiben skeptisch, ob es das werden wird: Wie der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) erklärt hat, planen Pharmafirmen ab 2016 europaweit ihre Zuwendungen an Ärzte im Internet zu veröffentlichen. Anfang 2015 begann die Arbeit am Transparenz-Kodex der forschenden Pharma-Unternehmen: „Zuwendungen von Unternehmen an Ärzte und andere Angehörige der Fachkreise werden zunächst systematisch erfasst. Veröffentlicht wird spätestens bis Mitte 2016”, heißt es in einer Mitteilung des vfa anlässlich einer aktuellen Diskussion von Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer mit den Fachgesellschaften [1].

Der Transparenzkodex wurde vom europäischen Arzneimittelherstellerverband EFPIA angestoßen, bereits vor 3 Jahren angekündigt (wie Medscape Deutschland berichtete), dann europaweit eingeführt und ist jetzt in der Phase der Sammlung von Daten. Er sieht vor, alle Zuwendungen an Ärzte, Apotheker und Vertreter anderer Gesundheitsberufe, an medizinische und wissenschaftliche Organisationen, an Krankenhäuser und Fachgesellschaften öffentlich zu machen, so der Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA), Holger Diener.

Dr. Klaus Reinhardt

Ein begrüßenswerter Schritt? Ja, meint Dr. Klaus Reinhardt vom Hartmannbund auf Nachfrage von Medscape Deutschland: „Wir begrüßen die Initiative der forschenden Pharmaunternehmen. Transparenz und Offenheit sind an dieser Stelle der richtige Weg. Ärzte haben im Rahmen eines solchen Vorhabens nichts zu verbergen“. Auch die Bundesärztekammer sieht die Initiative positiv. „Die übergroße Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte lässt sich nichts zu Schulden kommen und muss deshalb Transparenz nicht fürchten. Sie möchte auch nicht von den wenigen schwarzen Schafen in Misskredit gebracht werden“, erklärt Samir Rabbata, Sprecher der BÄK.

Dr. Christiane Fischer

Skeptisch ist Dr. Christiane Fischer, Geschäftsführerin der Ärzteinitiative MEZIS (Mein Essen zahl‘ ich selbst) Sie sagt: „Ich sehe die FSA eher als Imagekampagne denn als Schritt zu echter Transparenz  und noch weniger als Veränderungspotential“. Die FSA sei freiwillig, die Unternehmen müssten gar nicht teilnehmen, auch Ärzte und Ärztinnen müssten ihre Einnahmen nicht deklarieren.

„Und wenn sie es nicht tun, werden die Einnahmen nur gepoolt angegeben“, erklärt Fischer und fügt hinzu: „Freiwillige Selbstkontrollen werden von der Industrie in der Regel dann angewandt, wenngesetzliche Regelungen verhindert werden sollen.“ Beispiele seien die Genderquote in Aufsichtsräten, Abgaskontrollen etc. „Bei freiwilligen Regelungen ist generell der Kläger gleichzeitig der Richter. Sie dienen daher in der Regel und auch in diesem Fall meines Erachtens dazu, gesetzliche Regelungen zu vermeiden“, betont sie.

Ärzte haben im Rahmen eines solchen Vorhabens nichts zu verbergen. Dr. Klaus Reinhardt

BÄK: Firmen sollten nicht mit Ärzten kooperieren, die ungenannt bleiben wollen

Mit dem Transparenzkodex ist geplant, alle direkten und indirekten geldwerten Zuwendungen angefangen vom Kugelschreiber bis zur Einladung zu Fortbildungsveranstaltungen offenzulegen. In der FSA sind alle vfa-Mitglieder und 11 weitere Pharmafirmen zusammengeschlossen. Nach eigenen Angaben repräsentieren sie 75% des deutschen Pharmamarktes.

Bei Spenden, Zuwendungen im Zusammenhang mit Fortbildungsveranstaltungen sowie Dienstleistungs- und Beratungshonoraren wollen die Pharmafirmen die Ärzte namentlich nennen, die Zuwendungen von ihnen erhalten haben – vorausgesetzt, die Ärzte stimmen zu. Stimmen sie nicht zu, werden die an sie geflossenen Zahlungen addiert und als Summe genannt.

Wie Rabbata mitteilt, wünscht die BÄK prospektiv, dass die Veröffentlichung der Zuwendungen unabhängig von der Zustimmung des Empfängers erfolgen kann. „Alternativ sollten Pharma-Unternehmen auf die Zusammenarbeit mit Ärzten verzichten, die nicht genannt werden wollen“, so Rabbata. Und Reinhardt erklärt: „Die Förderung von Forschung und Weiterbildung seitens der Industrie ist aus unserer Sicht vollkommen legitim, muss aber unter transparenten Bedingungen stattfinden. Dies gilt auch für die Offenlegung der Zuwendungen.“

Ich sehe die FSA eher als Imagekampagne denn als Schritt zu echter Transparenz. Dr. Christiane Fischer

Nur als Summe veröffentlicht werden die Zuwendungen aus dem Bereich Forschung und Entwicklung – dazu gehören auch die Anwendungsbeobachtungen. Würden Firmen die Ärzte nennen, mit denen sie hier zusammenarbeiten, könnten Konkurrenzunternehmen darauf schließen, in welchen Bereichen sie gerade forschen, so FSA-Geschäftsführer Diener.

Werden Patienten die Transparenz schätzen?

„Die Frage ist, ob wir es schaffen, zusammen mit der Transparenzdebatte auch eine Qualitätsdebatte hinzubekommen“, so Fischer. „Wenn Patienten es wertschätzen würden, wenn ihre Ärzte die an sie geflossenen Zahlungen offenlegen, könnte die Initiative erfolgreich sein.“ Dies würde jedoch eher nicht gelingen, wenn Patienten auf die Offenlegung mit Sätzen reagierten wie: „Guck mal, was mein Arzt noch zusätzlich verdient.“

„Wir wollen den mündigen eigenverantwortlichen Patienten, der diese Dinge auch richtig einordnet. Transparenz kann aus unserer Sicht auch Vertrauen schaffen. Deshalb sollte man den Patienten überlassen, wie sie mit den veröffentlichten Zahlen umgehen wollen“, betont Reinhardt. Und Christiane Fischer erklärt: „Wenn sich dadurch Ärzte und Ärztinnen und Unternehmen mit Zusatzverdiensten zurückhalten würden, wäre das meines Erachtens positiv und würde wohl auch von Patienten und Patientinnen so gesehen.“

Alternativ sollten Pharma-Unternehmen auf die Zusammenarbeit mit Ärzten verzichten, die nicht genannt werden wollen. Samir Rabbata

Eine gesetzliche Regelung befürworten sowohl die BÄK als auch MEZIS: „Wäre die Regelung gesetzlich und damit Pflicht, könnte niemand mit eher vorgeschoben Begründungen (kulturelle Unterschiede) die Regelung ablehnen. Der „Sunshine Act“ in den USA ist eine gesetzliche Regelung“, so Fischer, er könnte somit als Vorbild dienen.

Und die BÄK teilt mit: „Die Ärzteschaft befürwortet seit langem eine gesetzliche Regelung nach dem Vorbild des US-amerikanischen „Physicians Payment Sunshine Act“. Danach müssen alle finanziellen Leistungen und Sachleistungen sowie Name, Adresse, Anbieter, Wert, Datum und Art der Zuwendung offengelegt werden. Auch sieht das Modell eine Meldepflicht für die finanzielle Beteiligung von Ärzten an Herstellerfirmen und Einkauforganisationen vor. Der Transparenz-Kodex der Pharmaindustrie ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.“

REFERENZEN:

1. Diskussion des Transparenzkodex; vfa-Mitteilung vom 9. November 2015

Kommentar

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