Wenn schon Teenager Adipositaschirurgie brauchen: Laut US-Studie wirksam und sicher

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

12. November 2015

Prof. Dr. Thomas Horbach

In Deutschland finden bariatrische Eingriffe bei Jugendlichen kaum statt. Dass auch Teenager und junge Erwachsene von der Adipositaschirurgie erheblich profitieren können, belegen jetzt die Ergebnisse einer aktuellen Studie aus den USA – obwohl damit auch Risiken verbunden sind.

„Spezifische Langzeit-Daten zu adipositaschirurgischen Eingriffen bei Jugendlichen sind dünn gesät. Die vorliegenden Drei-Jahres-Ergebnisse zeigen, wie wichtig eine sorgfältige Auswahl der Patienten und eine strukturierte Nachsorge sind“, betont Prof. Dr. Thomas Horbach gegenüber Medscape Deutschland. „Die Jugendlichen in dieser Studie waren sehr schwer und sehr krank. Auch in Deutschland sind Jugendliche mit Adipositas Grad III (BMI > 40) längst keine Rarität mehr. Es gibt praktisch keine relevanten konservativen Interventionen, die man diesen Patienten noch anbieten könnte“, sagt der Chefarzt der Abteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Adipositaszentrum der Schön Klinik Nürnberg Fürth.

Aber operiert werde dennoch kaum, moniert er: „Die Krankenkassen sind schon bei Erwachsenen sehr restriktiv mit der Kostenübernahme. Mit nur rund 9.300 Eingriffen im Jahr sind wir im europäischen Vergleich weit abgeschlagen“, so Horbach. Bei Jugendlichen kommt noch ein ethischer Faktor ins Spiel: Ob adipositaschirurgische Eingriffe bei Heranwachsenden vertretbar sind, ist umstritten.

In der aktuellen Studie betrug der durchschnittliche  Body-Mass-Index (BMI) der 242 Heranwachsenden zum Operationszeitpunkt 53 kg/m2, bei manchen erreichte er Werte bis zu 88. „Die Patienten hatten außerdem eine hohe Anzahl von Begleiterkrankungen wie Diabetes, Nierenfunktionsstörungen, Bluthochdruck oder Dyslipidämie“, so Horbach. „Die Zusammensetzung zeigt, dass die Kinder und Jugendlichen sehr differenziert in die Studie eingeschlossen wurden.“

 
Auch in Deutschland sind Jugendliche mit Adipositas Grad III (BMI > 40) längst keine Rarität mehr. Prof. Dr. Thomas Horbach
 

Adipositaschirurgie bei Teenagern: Gewichtsabnahme nach drei Jahren

Zu Studienbeginn war etwa ein Drittel der Patienten 13 - 15 Jahre alt, ein weiteres Drittel 16 - 17 Jahre und der Rest 18 - 19 Jahre. 161 Teilnehmer erhielten einen Roux-en-Y-Magenbypass und 67 eine Sleeve-Gastrektomie. 75% der Teilnehmer waren weiblich, 72% weiß.

Bei der Untersuchung 3 Jahre nach dem Eingriff hatten die Jugendlichen im Schnitt 27% (41 kg) abgenommen (Magenbypass 28%, Sleeve-Gastrektomie 26%). „Während zu Studienbeginn noch alle Teilnehmer adipös (BMI > 30) waren, galt dies drei Jahre nach dem Eingriff für gut ein Viertel nicht mehr“, berichten die Autoren um Dr. Thomas H. Inge vom Cincinnati Children’s Hospital Medical Center.

Der Anteil an Teilnehmern, die ihren BMI um 10% oder mehr reduzierten, lag bei 89% (Magenbypass) bzw. 85% (Sleeve-Gastrektomie). Nur 2% der Teilnehmer, die einen Magenbypass bekommen hatten, und 4% derjenigen mit Sleeve-Gastrektomie wogen nach 3 Jahren mehr als zum Operationszeitpunkt, „bei rein konservativen Therapieansätzen ist dieses Verhältnis ungleich schlechter“, so Horbach.

Remission von Begleiterkrankungen

29 Teilnehmer (13%) litten vor dem Eingriff an Typ-2-Diabetes, bei fast allen von ihnen (95%) befand sich der Diabetes nach 3 Jahren in Remission. Die Remissionsraten anderer Begleiterkrankungen betrugen 86% für Nierenfunktionsstörungen, 76% für Prädiabetes, 74% für erhöhte Blutdruckwerte und 66% für Dyslipidämie.

Zum Vergleich: Bei Erwachsenen betragen die Diabetes-Remissionsraten nach Adipositaschirurgie 50 - 70%, erhöhter Blutdruck geht bei etwa 40% in Remission. „Möglicherweise haben Jugendliche ein größeres Potenzial für die Umkehr der kardiometabolischen Folgen der Adipositas als Erwachsene“, schreiben Inge und Kollegen. Und sie spekulieren weiter, dass „die Verbesserungen von Körpergewicht, glykämischer Kontrolle, Blutdruck und Dyslipidämie bei Jugendlichen möglicherweise die Progression schädlicher anatomischer und kardiovaskulärer Veränderungen abmildern könnten – Veränderungen, die später, nach mehr Lebenszeit mit Adipositas, vielleicht weniger reversibel sind.“

 
Möglicherweise haben Jugendliche ein größeres Potenzial für die Umkehr der kardiometabolischen Folgen der Adipositas als Erwachsene. Dr. Thomas H. Inge
 

Verbesserung der Lebensqualität nach bariatrischem Eingriff

Die mit dem Impact of Weight on Quality of Life-Kids-Score (0 - 100, je höher der Punktwert, desto besser das Befinden) gemessene Lebensqualität stieg signifikant an. „Zur Baseline lag der Score bei 63, nach drei Jahren war er auf 83 angestiegen“, berichten die Autoren.

„Im Ganzen zeigen unsere Resultate, dass Heranwachsende nach einem adipositaschirurgischen Eingriff klinisch relevant an Gewicht verlieren können, und dass die Mehrzahl dieser Patienten auch nach drei Jahren noch eine bedeutsame Gewichtsreduktion aufweist“, schreiben die Autoren.

Bariatrische Eingriffe: In Deutschland nur als letzter Ausweg

Horbach kritisiert, dass hierzulande die ausweglose Situation der jungen Patienten noch zu wenig beachtet werde: „Wir haben schlicht keine wirklich wirksamen Alternativen, die wir dieser Gruppe von extrem schweren Jugendlichen und ihren Familien anbieten können. Konservative Gewichtsreduktionsprogramme stehen vereinzelt zur Verfügung, und für eine gewisse Zeit profitieren die Patienten auch von diesen Angeboten. Doch kaum sind sie wieder raus aus den Programmen, kehren sie rasch wieder in ihre ursprüngliche Gewichtskategorie zurück.“

Dennoch gilt die Adipositaschirurgie in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – noch immer nur als letzter Ausweg. „Die Patienten, die wir operieren, sind meist Ende 40 oder Anfang 50, haben einen BMI über 50 und bereits die zu erwartenden Folgeerkrankungen der Adipositas. Wir müssten viel früher operieren“, betont Horbach. „Der Arbeitsgruppe um Inge ist deshalb etwas gelungen, was hierzulande undenkbar wäre: mit einer sehr strukturierten Studie und einer relevanten Teilnehmeranzahl vernünftig Daten zu sammeln. Darauf sollte der Fokus bei der Betrachtung dieser Arbeit liegen.“

Risiken: Nährstoffdefizite und Folgeeingriffe

Magenbypass und Sleeve-Gastrektomie beeinflussen die Absorption zahlreicher Mikronährstoffe, die für eine normale Stoffwechselfunktion sowie gesunde Knochen, Nerven und hämatologische Parameter notwendig sind. Nach den Eingriffen ist deshalb eine Supplementation mit einem Multivitamin- und Mineralstoffpräparat wichtig. Dies wurde in der Studie auch gemacht.

 
Wir haben schlicht keine wirklich wirksamen Alternativen, die wir dieser Gruppe von extrem schweren Jugendlichen und ihren Familien anbieten können. Prof. Dr. Thomas Horbach
 

Dennoch fanden Inge und Kollegen bei den Jugendlichen Defizite, insbesondere bei Eisen und Vitamin B12:  Mehr als die Hälfte (57%) der Patienten hatte zu niedrige Ferritinwerte, zu Studienbeginn war dies nur bei 5% der Fall gewesen. Die Vitamin-B12-Level waren um 35% gesunken und 8% der Teilnehmer hatten nach 3 Jahren eine Insuffizienz. Auch die Zahl der Patienten mit zu niedrigen Vitamin-A-Werten nahm zu. Unverändert blieb die Zahl der Patienten mit Vitamin-D-Mangel, die schon vor dem Eingriff bei relativ hohen 37% gelegen hatte.

„Diese Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig eine strukturierte und langfristige Nachsorge sowie eine geeignete Supplementation mit Mikronährstoffen ist, um die Entstehung klinisch signifikanter Nährstoffdefizite nach adipositaschirurgischen Eingriffen zu minimieren“, betont Horbach.

Daten zur Notwendigkeit weiterer abdominaler Operationen nach adipositaschirurgischen Eingriffen bei Jugendlichen standen bislang kaum zur Verfügung. „In unserer Studie unterzogen sich 13 Prozent der Teilnehmer in den drei Jahren nach der Operation einem weiteren Eingriff“, berichten die Autoren. 3 dieser Eingriffe standen nicht mit dem bariatrischen Eingriff in Zusammenhang. Bei allen anderen gehen die Autoren von einer Verbindung zum adipositaschirurgischen Eingriff aus.

„Die Risiken für diese Komplikationen unterscheiden sich möglicherweise nach der Art des adipositaschirurgischen Eingriffes“, schreiben die Autoren der Studie. „Doch mit unserem Studiendesign war es nicht möglich, solche Unterschiede zu identifizieren. Weitere Untersuchungen mit größeren Kohorten und anderen Patientenpopulationen könnten helfen, diese Frage zu beantworten.“

 

REFERENZEN:

1. Inge TH, et al: NEJM (online) 6. November 2015

Kommentar

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