Randomisierte Studie belegt „bemerkenswerte“ langfristige Effekte von Akupunktur und Alexander-Technik beim chronischen Nackenschmerz

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

11. November 2015

Übungen der Alexander-Technik, durch die Patienten lernen, unnötige Überbelastung und Verspannungen im Alltag zu vermeiden, oder auch Akupunktur – beides kann helfen, chronische Nackenschmerzen langfristig zu lindern. Zu diesem Schluss kommt die britische Autorengruppe einer randomisierten klinischen Studie, die jüngst in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht worden ist [1]. In der Vergleichsstudie erwiesen sich die beiden Methoden sogar in ihrer schmerzlindernden Wirkung gegenüber der alleinigen konventionellen Therapie durch den Hausarzt als überlegen.

Langzeitwirkung klinisch relevant, aber „immer noch enttäuschend“

„Unser wichtigstes Ergebnis ist, dass die Behandlung mit Akupunktur oder der Alexander-Technik auch noch nach zwölf Monaten mit deutlich reduzierten Nackenschmerzen verbunden ist. Erstmals belegen wir damit, dass die beiden Interventionen auch längerfristige Vorteile bieten“, erklärt Erstautor Dr. Hugh MacPherson, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department of Health Sciences der University of York, in einer Pressemitteilung der Universität.

PD Dr. Dominik Irnich

Den neuen Beleg einer Langzeitwirkung hebt auch PD Dr. Dominik Irnich, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum der Universität München und Leiter der dortigen Interdisziplinären Schmerzambulanz, im Gespräch mit Medscape Deutschland hervor. „Eine kurzfristige Linderung der Schmerzen kann auf vielen Wegen erfolgen“, sagt er. Das Ziel sei aber, den Patienten langfristig zu helfen. Insofern sei das Ergebnis der aktuellen Studie bemerkenswert.

Tatsächlich war der Score des Northwick Park Questionnaires (NPQ), mit dessen Hilfe in der Untersuchung der Schweregrad der Nackenschmerzen gemessen wurde, auch noch ein Jahr nach Studienbeginn (primärer Endpunkt) deutlich gesenkt – sowohl bei Patienten, die mit Akupunktur behandelt (-32%) als auch bei Studienteilnehmern, die in der Alexander-Technik geschult wurden (-31%). Eine klinische Relevanz wird ab einem Schwellenwert von -25% angenommen.

„Ich kenne keine andere randomisierte Studie zur Behandlung chronischer Nackenschmerzen, die mit vergleichbar guten Ergebnissen aufwarten kann“, so Irnich. Gleichzeitig schränkt er ein, dass die in der britischen Studie beschriebene Schmerzlinderung zwar klinisch relevant, aber letztendlich immer noch enttäuschend sei. Von einer Schmerzfreiheit seien auch viele der mit Akupunktur oder mittels Alexander-Technik behandelten Patienten noch weit entfernt gewesen. Deren NPQ lag nach 12 Monaten noch jeweils bei rund 27%.

Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Ärztegesellschaft für Akupunktur (DÄGfA) sieht darin jedoch auch einen Hinweis, dass das chronische Schmerzsyndrom nicht nur mittels einer einzelnen Therapieform, sondern nur multimodal und unter Einbeziehung des biopsychosozialen Modells behandelt werden könne.

 
Erstmals belegen wir damit, dass die beiden Interventionen auch längerfristige Vorteile bieten. Dr. Hugh MacPherson
 

Bei der Bewertung der Ergebnisse bleiben Unsicherheiten

Insgesamt nahmen zwischen März 2012 und April 2013 insgesamt 517 Personen an der Studie teil. Die Patienten litten seit mindestens 3 Monaten an Nackenschmerzen, deren Schweregrad auf der Messskala NPQ eingangs mit 28% oder höher angegeben wurde.

Allen Patienten stand im gesamten Studienzeitraum weiterhin die hausärztliche Behandlung, inklusive Verschreibungen von Medikamenten und/oder Physiotherapie, offen. Daneben wurden die Teilnehmer auf 3 Gruppen randomisiert. Die Patienten der ersten Gruppe erhielten zusätzlich zur Hausarztbehandlung Termine für 12 Akupunktursitzungen à 50 Minuten. Mit den Teilnehmern der zweiten Gruppe wurden 20 30-minütigen Fortbildungen in der Alexander-Technik vereinbart. Für die dritte Studiengruppe war keine gesonderte Therapie vorgesehen. Allerdings stand es grundsätzlich allen Teilnehmern frei, privat auch weitere Behandlungen wie Massagen, Yoga oder Chiropraktik in Anspruch zu nehmen.

Gerade der letzte Punkt bleibt bei der Bewertung der Ergebnisse ein Unsicherheitsfaktor, wie MacPherson und seine Kollegen in ihrer Publikation erwähnen. Welche Therapie bei den einzelnen Patienten am Ende wirklich erfolgreich war, lässt sich dadurch nämlich nicht mehr direkt nachvollziehen.

Allerdings hätten sich keine Hinweise für bedeutende Unterschiede zwischen den 3 Gruppen gefunden – weder hinsichtlich der Inanspruchnahme zusätzlicher Behandlungsmöglichkeiten, noch in Bezug auf die hausärztlichen Verordnungen, erklärt Irnich. Letztlich bildeten die Autoren mit ihrem pragmatischen Ansatz ein durchaus realistisches Bild der Behandlungssituation vieler Patienten ab, meint er.

 
Ich kenne keine andere randomisierte Studie zur Behandlung chronischer Nackenschmerzen, die mit vergleichbar guten Ergebnissen aufwarten kann. PD Dr. Dominik Irnich
 

Komplementärmedizin signifikant besser als Hausarztbehandlung

Im Schnitt wiesen die Studienteilnehmer, gleich welcher Gruppe sie zugeordnet wurden, zu Studienbeginn einen mittleren NPQ von rund 40% auf. Dieser sank in der Akupunkturgruppe innerhalb eines Jahres um 12,88 Prozentpunkte (= -32%), und in der Gruppe, die in der Alexander-Technik unterwiesen wurde, um 12,24 Prozentpunkte (= -31%).

In der rein hausärztlich behandelten Gruppe sank der NPQ um 9,21 Prozentpunkte (= -23%). Im direkten Vergleich schnitten die Anwendungen der beiden komplementären Behandlungstechniken damit nach 12 Monaten signifikant besser ab. Der Unterschied zur konventionellen Therapie lag bei 3,34 Prozentpunkten (Akupunktur) bzw. 3,33 Prozentpunkten (Alexander-Technik).

Beide Techniken stärken die Selbstwirksamkeit der Betroffenen

Am Ende bleibt die Frage, ob allein die Extra-Portion Aufmerksamkeit, die den Patienten der komplementären Therapiegruppen zuteil wurde (sprich ein Placebo-Effekt), für die besseren Ergebnisse verantwortlich ist. McPherson und seine Kollegen meinen, dass allein schon die Dauer der Wirksamkeit gegen diese Annahme spreche.

Beide Techniken, Akupunktur und Alexander-Technik, würden dagegen die sogenannte Selbstwirksamkeit stärken. Das heißt, die Patienten übernehmen durch die Therapien mehr Verantwortung und verstehen, dass sie selbst etwas gegen die Schmerzen tun können. Die Alexander-Technik erreicht dies durch Selbstbeobachtung und entsprechende Verhaltensänderungen der Patienten. Bei der Akupunktur ergeben sich die Langzeiteffekte, so beschreiben es MacPherson und seine Kollegen, durch diagnostische Erklärungen der Therapeuten und damit verbundene Hinweise zur Lebensführung.

Eine Schlussfolgerung, der auch Irnich zustimmen kann. Er ergänzt zudem, dass der Blick auf die Mittelwerte verschleiere, dass einige Patienten wahrscheinlich deutlich mehr als andere von der Akupunktur oder der Alexander-Technik profitiert hätten. Um die Therapien möglichst effektiv einsetzen zu können, gelte es deshalb in einem nächsten Schritt diejenigen Patienten zu identifizieren, die von den speziellen Behandlungsmethoden am meisten profitieren könnten.

 

REFERENZEN:

1. MacPherson H, et al: Ann Intern Med. 2015;163(9):653-662

Kommentar

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